Umweltbundesamt

Handel sollte auch unperfektes Obst und Gemüse akzeptieren

Sie sind krumm, haben Flecken oder kleine Dellen sowie Pickelchen, sind dicker oder dünner oder gar schrumpelig: Wenn Obst und Gemüse nicht der „Norm“ entsprechen, werden sie vom LEH aussortiert.

Strenge Vorgaben des Handels an das Aussehen und die Größe von Obst und Gemüse belasten die Umwelt, meint das Umweltbundesamt (UBA). Denn häufig müssten dafür zusätzlich Pflanzenschutz- und Düngemittel eingesetzt werden. Außerdem entstünden unnötige Lebensmittelverluste. Zusammen mit den Verbraucherzentralen fordert das Bundesamt den Handel auf, standardmäßig Obst und Gemüse in jeder Größe und Optik anzubieten.

Wünsche

Verzichtet der Handel auf makellose Schale bei Äpfeln, frisch-grüne Blätter bei Möhren und Kohlrabi oder das Einheitsgewicht bei Brokkoli, würden neben der Umwelt auch die Verbraucher sowie die Erzeugerbetriebe profitieren, erklären UBA und Verbraucherzentrale weiter. Ohne Blattschmuck bleibe das Gemüse sogar länger frisch, weil über die Blätter kein Wasser mehr verdunsten kann. Wird unterschiedlich großes Obst und Gemüse angeboten, könnten die Kunden außerdem besser nach Bedarf einkaufen und Lebensmittelabfällen im Haushalt vorbeugen.

Und Erzeugerbetriebe könnten ihren Einsatz an Pflanzenschutz- und Düngemitteln reduzieren und einen größeren Anteil ihrer Produkte an den Handel verkaufen. Ihre Forderungen:

  1. Der Handel sollte auf eigene Anforderungen an Größe, Einheitlichkeit und Aussehen verzichten und die Spielräume der gesetzlichen Vermarktungsnormen nutzen. Wo eine Klassen-Kennzeichnung vorgeschrieben ist, sollte Klasse II zum neuen Standard werden.

  2. Obst und Gemüse sollte grundsätzlich nach Gewicht und nicht nach Stück verkauft werden. Um enge Vorgaben für einheitliche Größen überflüssig zu machen, müssen Verkaufsverpackungen und Packstückgrößen an die natürlichen Größen und Gewichte von Obst und Gemüse angepasst werden.

  3. Gemüse wie Kohlrabi, Radieschen und Möhren sollte ohne Blätter angeboten werden.

Damit der Handel seine Vorgaben dauerhaft senken kann, müssen die Verbraucher das Angebot auch annehmen. Dafür braucht es leicht zugängliche und verständliche Informationen, zum Beispiel in Kundenmagazinen oder direkt beim Einkauf.

Beispiel aus der Praxis: Hof Ilmeaue

Eier

„Mit der Aktion Natürliche Vielfalt können wir gemeinsam jährlich bis zu 4.500 Eier retten“, sagt Stefan Golze (Bildquelle: Landvolk)

Der Bauernverband aus Niedersachsen spürt bereits eine Trendwende. Immer mehr Obst- und Gemüsebauern, Landwirte sowie selbsternannte Lebensmittelretter versuchten, dem Verbraucher auch diese optisch nicht der „Norm“ entsprechende, aber sonst einwandfreie Ware im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft zu machen.

Dass ein Ei wirklich nicht dem anderen gleicht, ist im Eierkarton vom Hof Ilmeaue zu sehen. Junglandwirt Stefan Golze vermarktet auch die Eier seiner Hühner, die Schönheitsfehler aufweisen, und informiert zusätzlich seine Kunden transparent in jeder Packung darüber, berichtet der Landvolk-Pressedienst weiter.

„Natürliche Vielfalt“ lautet dieses Vermarktungskonzept des Hofs Ilmeaue. „Es geht ja nur um einen sehr kleinen Teil der Eier. Vielleicht ein Prozent der Gesamtmenge. Aber wir versuchen an jeder Stellschraube zu drehen, um unseren Beitrag zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung zu leisten. Wir finden, dass auch diese Eier ihren Platz in der Eierschachtel verdient haben“, erklärt dazu Stefan Golze, der seine Freiland-Hühner in drei Hühnermobilen hält.

„Auch wenn es sich täglich nur um etwas zwei Handvoll Eier handelt, können wir auf diese Weise zusammen mit unseren Kunden pro Jahr bis zu 4.500 Eier retten“, zeigt Golze auf. Er habe viel mit den Kunden geredet, bis die Vielfalts-Eier so gut angenommen wurden, wie es jetzt der Fall ist und hofft deshalb weiterhin auf die Unterstützung seiner Idee durch den Verbraucher.

Food Waste umfasst Waren, die marktfähig und essbar sind, aber aufgrund optischer und qualitativer Makel schon vorher aus der Verwertungskette genommen werden. Im bundesdeutschen Einzelhandel wurden 2021 710.000 t „abgeschrieben“. 210.000 t fließen als Lebensmittelspenden wieder zurück und werden daher nicht als Food Waste erfasst.


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