Auswertung

Jeder zweite TV-Beitrag über die Lebensmittelbranche ist kritisch

Eine Untersuchung der Engel & Zimmermann AG zu 729 TV-Beiträgen aus dem Jahr 2019 zeigt, dass die Hälfte der Berichte kritisch zur Landwirtschaft steht, Tendenz steigend.

Das Interesse der Medien an der Lebensmittelbranche ist ungebrochen groß: 729 TV-Beiträge zu Ernährungsthemen hat die Engel & Zimmermann AG, Unternehmensberatung für Kommunikation aus Gauting bei München, im vergangenen Jahr dokumentiert und analysiert. Das sind im Schnitt 14 Beiträge in der Woche, also zwei pro Tag.

Ein Ergebnis der Auswertung: Fast die Hälfte davon weist eine kritische Tendenz auf – eine deutliche Steigerung zum Vorjahr.

Bei den Branchen hat sich im Jahresvergleich nichts verändert: Obst & Gemüse, Fleisch und Getränke sind die Branchen, die sich am häufigsten im Fernsehen wiederfinden. Dabei greifen die Sender besonders häufig auf das Format des Qualitäts- oder Geschmackstests zurück. „Auch der gesamtgesellschaftliche Trend zu Nachhaltigkeit findet sich zunehmend in der Auswahl der Themen wieder“, bilanziert Christian Wolfram, Leiter Geschäftsbereich Food von Engel & Zimmermann.

Beiträge immer häufiger kritisch

Bereits seit 2014 wertet die Firma die TV-Beiträge aus, die sich mit Lebensmitteln beschäftigen. Seit jeher stellen die Kommunikationsexperten eine kritische Auseinandersetzung mit der Branche, den Unternehmen und den Produkten fest.

Im vergangenen Jahr jedoch stieg der Prozentsatz der Beiträge, die im Sendungstitel oder im Ankündigungstext des Senders eine negative Tonalität vermuten ließen, noch einmal deutlich an. Waren es 2018 erst 36 %, stieg die Zahl 2019 auf 49 %. In absoluten Zahlen: 357 Beiträge, also nahezu einer pro Tag, wiesen eine kritische Tonalität auf. Dabei scheuen die Sender vor einer drastischen Wortwahl nicht zurück, was Beiträge wie „Gift im Essen“, „Gefährliche Keime im Obstsalat“ oder „Eingeschenkt und abkassiert“ eindrucksvoll belegen.

Christian Wolfram

Christian Wolfram (Bildquelle: Engel & Zimmermann AG)

Generalkritik an der Lebensmittelbranche / Obst & Gemüse baut Spitzenposition aus

Seit Jahren machen drei Branchen die Spitzenplätze im Branchevergleich unter sich aus. Die Obst- und Gemüsebranche baute ihren 1. Platz gegenüber Fleisch und Getränken deutlich aus: In 125 Beiträgen (17 %) ging es um Obst und/oder Gemüse, in 63 Beiträgen (9 %) um Fleisch und Wurst, und 59 Beiträge (9 %) handelten von Getränken (s. Grafik 2).

Während sich die Obst- und Gemüsebranche jedoch darüber freuen kann, seltener kritisch behandelt zu werden (33 Beiträge, das entspricht 26 %), ist die mediale Auseinandersetzung mit der Fleischbranche wie schon in den Vorjahren viel kritischer: 37 von 63 Beiträgen, das sind 59 %, ließen auf einen negativen Tenor schließen. Häufiger als zu Obst / Gemüse wurden lediglich Sendungen ausgestrahlt, die sich ganz allgemein mit der Nahrungsmittelbranche auseinandersetzten (144). Davon wurden überdurchschnittlich viele (80) als kritisch eingestuft. „Hier bestätigt sich die unterschwellige Generalkritik an der Branche, die mit Beiträgen wie „Mogelpackungen – die Tricks der Hersteller“ oder „Giftiges Aluminium im Essen“ häufig in ihrer Gesamtheit in einem negativen Licht dargestellt wird“, so Christian Wolfram.

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Kritische Branchen: 80 kritisch eingestufte Beiträge entfielen auf die Gesamtbranche. Beiträge über die Fleisch- und Wurstbranche sind weiterhin überdurchschnittlich oft kritisch. (Bildquelle: Engel & Zimmermann AG)

Qualitäts- und Geschmackstests häufigstes Thema / Nachhaltigkeit auf dem Vormarsch

Qualitäts- und Geschmackstests waren die beliebtesten Formate der TV-Sender im vergangenen Jahr. Jeder vierte Beitrag (185) behandelte Themen wie „Teuer oder billig – Welche Salami gewinnt“ oder „Tiefkühltorten im Test“. Auf dem zweiten Platz folgten Beiträge zu Gesundheitsauswirkungen von Lebensmitteln (120 Beiträge, 16 %). Erstmals taucht im Ranking von Engel & Zimmermann auch das Thema Umwelt & Nachhaltigkeit auf: 74 Beiträge (10 %) beschäftigten sich zum Beispiel mit Lebensmittelverschwendung, hinzu kommen noch einmal 46 Beiträge zu Fragen der Tierhaltung, die ebenfalls den Aspekt der Nachhaltigkeit thematisieren (s. Grafik 3). „Die Gesellschaft und die Branche diskutieren Nachhaltigkeits- und Tierwohlaspekte sehr intensiv. Unsere Auswertung zeigt, dass diese Themen auch in den Fernsehprogrammen angekommen sind“, so Christian Wolfram.

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Die Top-10-Themen 2019: Qualitäts- und Geschmackstests waren das häufigste Thema der Beiträge. (Bildquelle: Engel & Zimmermann AG)

NDR Markt: Spitzenreiter bei den kritischen Beiträgen

Zum ersten Mal untersuchten die Experten von Engel & Zimmermann auch, welche Sender und Sendungen sich besonders häufig und in der Tendenz negativ mit Lebensmitteln beschäftigen. Einerseits setzt sich der – wenig überraschende – Trend fort, dass die öffentlich-rechtlichen Sender viel häufiger negativ berichten als die privaten (96 % vs. 4 %)„Die Zahlen bestätigen auch den Ruf bestimmter Sendungsformate, die sich besonders kritisch mit der Branche beschäftigen“, sagt Christian Wolfram. So taucht NDR Markt 43 mal in der Liste der kritischen Sendungen des vergangenen Jahres auf, Super.Markt (RBB) 26 mal und Marktcheck (SWR) 20 mal.

Ausblick

„Wir gehen davon aus, dass sich der Trend zu einer überwiegend negativen Berichterstattung auch 2020 fortsetzt“, so die Prognose von Christian Wolfram. Da Umwelt- und Nachhaltigkeitshemen wie Klimaschutz, Tierwohl oder Verpackungen weiter die gesellschaftliche Debatte bestimmten, würden sie auch von den TV-Sendern für eine kritische Auseinandersetzung mit der Lebensmittelbranche genutzt.


Diskussionen zum Artikel

von Matthias Zahn

Ein Vergleich zu anderen Sparten wäre Interessant

Immerhin!! Jeder zweite Bericht entspricht den tatsächlichen Gegebenheiten. Das Glas kann also auch halb voll sein. Während wir allzu oft vor dem Fernseher sitzen und Applaudieren wenn Politiker, Banken oder andere Sparten durch den Dreck gezogen werden, reagieren wir doch wesentlich ... mehr anzeigen

von Rudolf Rößle

Kompliziert

Müsste und könnte in fremden Branchen. Selbst in der eigenen Berufsgruppe gibt es unterschiedliche Meinungen. Interessant ist doch wo Reporter anfragen, wenn sie Informationen erhalten wollen. Bei Daimler in der Infolobby, bei der Landwirtschaft wo? Es fehlt eine Informationsplattform ... mehr anzeigen

von Erwin Schmidbauer

Widersinn

Das Pendant zur Infolobby bei Daimler wäre der z. B. DBV. Nur da frägt der Journalist seltener an. Und ein guter Journalist frägt nicht nur bei der Infolobby an sondern auch bei anderen. Aber guter Journalismus ist selten, viel zu viele Leser wollen immer weniger harte Informationen ... mehr anzeigen

von Willy Toft

Hier sind die Ziele der NGO`s oft mit abgebildet die damit stark befeuert werden!

Hatte man schon länger bei den Tageszeitungen diesen Verdacht, so erschließt es sich immer mehr, wie und wo sich unsere Wohlstandsgesellschaft hin entwickeln wird. Vom bequemen Sofa aus, mal eben für gerechte Erzeugerpreise einstehen, und an der Ladenkasse genau das Gegenteil ... mehr anzeigen

von Norbert Schulze-Darphorn

2020 dürfte in der Tat hinsichtlich der negativen Berichterstattung interessant werden.

Einerseits werden unsere "Luxusprobleme" von einst in den Hintergrund rücken und durch wirtschaftliche Themen ersetzt werden. Andererseits werden sich die Missionare und Spendensammelverein die es sich in dieser Thematik und Nische bequem gemacht haben, noch mehr abstrampeln, noch ... mehr anzeigen

von Willy Toft

Die Kritiker werden sich niemals selber kritisieren!

Richtig, eigentlich alles Luxusprobleme, mit denen sich die "Gesellschaft" auseinander setzt! Wollen wir drauf eingehen, oder lieber unserer Arbeit nachgehen, nicht das sie uns auch noch was nachsagen wollen.......

von Wilhelm Grimm

"Gekaufte Journalisten" hat Udo Ulfkotte geschrieben.

Und weiter: "Wie Politiker, Geheimdienste und Hochfinanz Deutschlands Massenmedien lenken".

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