Vermarktungspotenziale

Kuhgebundene Aufzucht – bald keine Nische mehr?

Viele Konsumenten lehnen die frühe Trennung von Kuh und Kalb nach der Geburt ab. Manche suchen gezielt nach Produkten aus kuhgebundener Aufzucht. In den meisten Läden gibt es die aber noch nicht.

Unsere Autoren: Dr. Kerstin Barth (Thünen-Institut Trenthorst), Dr. Inken Christoph-Schulz (Thünen-Institut Braunschweig), Matthias Placzek (Kiel)

Seit einigen Jahren wächst das Interesse an der kuhgebundenen Aufzucht. Allerdings ist bisher nur ein kleiner Teil der Milchviehbetriebe in das Produktionsverfahren eingestiegen. Für viele Landwirte spricht die geringere Menge an Liefermilch dagegen. Hinzu kommen die höheren Anforderungen an den Stallbau und die Umstellungen im Management.

Um den Mehraufwand dieser Haltungsform zu kompensieren, ist die Vermarktung besonders wichtig. Das gilt nicht nur für die Milch, sondern auch für die Kälber, die nicht als Nachzucht oder zur Mast in der eigenen Herde bleiben. Auch hier müssen Milcherzeuger Konzepte entwickeln, um diese Kälber zu angemessenen Preisen zu vermarkten.

Mehr als eine Nische?

Bislang gibt es nur wenige Informationen über die Vermarktungswege der Betriebe, die ihre Kälber an der Mutter oder ammengestützt aufziehen. Auch die Haltung der Molkereien und des Lebensmittelhandels zu dieser speziellen Wirtschaftsweise ist noch nicht geklärt.

In einem Projekt des Thünen-Instituts stand deshalb die gesamte Kette von der Erzeugung über die Verarbeitung und den Handel bis zum Konsumenten im Hinblick auf Milch aus kuhgebundener Aufzucht im Mittelpunkt. Das Projekt trägt den Titel „Mehr als eine Nische? Untersuchungen zum Potenzial der kuhgebundenen Kälberaufzucht in der Vermarktung von Milch und männlichen Kälbern“. Gefördert wurde es durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft.

Auf der Erzeugerseite zeigte sich die dynamische Entwicklung des Themas kuhgebundene Aufzucht: Beim Projektstart im Jahr 2018 sollten noch 40 Milchviehbetriebe interviewt werden, die auf einer Internetplattform ihre Aufzucht öffentlich gemacht hatten. Innerhalb eines Jahres stieg diese veröffentlichte Zahl aber zügig an. Außerdem konnten die Wissenschaftler weitere Betriebe identifizieren, die zwar kuhgebundene Aufzucht praktizieren, das aber meist nur an ihre Kundschaft oder befreundete Landwirte kommunizierten.

60 Betriebe befragt

Schließlich fanden 60 Betriebsbesuche statt. Bis auf einen Betrieb wirtschafteten alle ökologisch und 57 Betriebe gehörten einem Bio-Anbauverband an....