Milch NRW

Milchpreise noch unter ihren Möglichkeiten

Der Milchmarkt bietet aktuell Chancen für höhere Preise, in den Auszahlungen zeigen sich diese noch nicht. Das ist eines der Ergebnisse der Halbjahreskonferenz von Milch NRW.

Warum steigen die Milchpreise (trotz guter Marktlage) nicht und wie viel mehr Milchgeld ist nötig, um die steigenden Kosten auszugleichen? Das waren einige der Fragen, die bei der Halbjahrespressekonferenz der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Nordrhein-Westfalen (Milch NRW) diskutiert wurden. Vorausgegangen war ein Überblick und Ausblick auf den Milchmarkt von Geschäftsführer Dr. Rudolf Schmidt.

Schmidt bilanzierte: Die Milchanlieferungsmenge sei im Zeitraum Januar bis April im Vergleich zum Vorjahr in NRW um 2,6 % und in Deutschland um 1,4 % gesunken. In der EU sei im ersten Quartal mit einem minimalen Plus von 0,1 % eine ausgeglichene Tendenz zu beobachten. Der Erzeugerpreis befinde sich mit 32,51 Cent/kg Milch (4 % Fett, 3,4 % Eiweiß) 1,5 % unter dem Vorjahr.

Milchpreis nicht kostendeckend

Gleichzeitig machte Schmidt deutlich: Auch wenn die Erzeugerpreise aktuell leicht steigen, reichen diese nicht, um die entstandenen Mehrkosten der Milcherzeuger aus der letzten Zeit (Futter, Energie, Tierwohl, Baurecht, Klimaschutz u.a.) auszugleichen. Die Liquiditätslage sei auf vielen Betrieben sehr angespannt.

Die Milchpreise müssen nachhaltig jenseits der 35 ct liegen, um den Milcherzeugern eine Perspektive bieten zu können“ – Dr. Rudolf Schmidt

Gleichzeitig hält der Strukturwandel an. Die Anzahl der Betriebe in NRW habe sich um 3,6 % auf 5.055 reduziert, die Zahl der Milchkühe um 2,5 % auf 387.862. Damit hat sich die Zahl der Milchkuhbetriebe in den letzten 10 Jahren in etwa halbiert. Und diese Tendenz wird sich sehr wahrscheinlich im ersten Vierteljahr 2021 auch bei Betrieben mit hohen Tierzahlen weiter beschleunigen, berichtet Schmidt.

Mit Blick auf den weiteren Milchmarkt erklärte Schmidt, dass sich aktuell die Gastronomie wieder belebt und auch Drittlandgeschäfte anziehen – insbesondere durch China. Hier berichten einzelne Unternehmen von einem Nachfragewachstum von bis zu 25 % pro Monat.

Wann steigen die Milchpreise und wie viel Milchpreis ist nötig?

Auf die konkrete Nachfrage nach steigenden Milchpreisen blieb Schmidt verhalten optimistisch. Die Anzeichen auf dem Milchmarkt seien dafür vorhanden. Ob sich diese in den deutschen Milcherzeugerpreisen deutlich widerspiegeln werden, sei noch offen – aber in der zweiten Jahreshälfte möglich.

Wilhelm Brüggemeier, Vizepräsident des WLV, forderte sehr bald deutlich höhere Preise: „Der durchschnittliche Milchpreis ist in den letzten 40 Jahren quasi unverändert. Und mittlerweile lassen sich die höheren Kosten nicht mehr durch höhere Leistungen ausgleichen, das geht jetzt nur noch über den Milchpreis. Die Alternative wäre: Der Strukturwandel geht deutlich und heftig weiter, und in Zukunft kommt die Milch aus dem Ausland!“

Und aus dem Publikum ergänzte auch Milcherzeuger Benedikt Langemeyer die Frage nach der nötigen Milchpreis-Höhe: „Es geht nicht um die Frage nach einem aktuell kostendeckenden Milchpreis. Viele Betriebe müssen die Löcher der letzten Jahre stopfen! Zusätzlich stehen viele Investitionen an, die von Handel und Politik getrieben werden. Und nicht zuletzt soll die Arbeit ja auch noch „Spaß“ machen, also etwas übrig bleiben.“

Bio-, Weide- und Imitat-Milch boomen

Für Unstimmigkeiten gesorgt hatte Anfang Juni die ausgebliebenen bzw. verschobenen Kontraktverhandlungen. Wie sich die geänderten Laufzeiten der Weißen Linie auswirken, bleibe abzuwarten. Allerdings machte Schmidt auch deutlich: „Der Absatz von konventioneller Konsummilch geht zurück und wird auch noch weiter deutlich sinken. Daher muss hinterfragt werden, ob die konventionelle Konsummilch aufgrund des anhaltenden Absatzrückgangs überhaupt noch eine „Leitpreisfunktion“ haben kann.“ Unterdessen boomt in der Nische der Absatz von Bio- (+11,3 %) und Weidemilch (+27,7 %). Jedoch ebenso eine Vielzahl an pflanzlichen Milchalternativen.

Höhere Preise für Mehraufwand nötig

Die Milcherzeuger stellen sich der gesellschaftlichen Diskussion von Klimawandel über Tierwohl bis zum Insektenschutz. Sie können dies aber nur tun, wenn die entsprechenden Mehraufwendungen durch höhere Erzeugerpreise ausgeglichen werden, so Hans Stöcker, Rheinischer Vorsitzender der Landesvereinigung Milch NRW. Eine solide Nachfrage nach Milchprodukten auf dem Weltmarkt, gute Pulverpreise und eine Marktbelebung bei Abflauen der Pandemie sind nach Ansicht von Hans Stöcker gute Voraussetzungen für weiter anziehende Erzeugerpreise.