HaltungsVO

Kommentar: Der Kastenstand kommt zum Alteisen

Die Neuregelung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung ist für Sauenhalter ein harter Brocken. Jetzt brauchen die Tierhalter Fördermittel und endlich den Rückhalt der Politik und der Bevölkerung.

Ein Kommentar von Marcus Arden, top agrar:

Endlich: Der Bundesrat hat heute die Neufassung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung verabschiedet. Nach langem Streit haben auch Bundesländer mit grüner Regierungsbeteiligung (G-Länder) dem maßgeblich von NRW und Schleswig-Holstein vorbereiteten Kompromiss zugestimmt. Die deutschen Ferkelerzeuger werden die Entscheidung mit einem lachenden und einem weinenden Auge zur Kenntnis genommen haben.

Positiv zu bewerten ist, dass sie nach jahrelangem parteipolitischem Gezerre um Formulierungen und vielen politischen Taschenspielertricks endlich wissen, woran sie sind. Die grobe Richtung steht jetzt fest: Der Kastenstand im Deckzentrum kommt zum Alteisen. Die Zukunft gehört der Gruppenhaltung. Also alles in Butter? Mitnichten!

Für die Bauern wiegt die Entscheidung der Länderkammer schwer. Bei vielen Ferkelerzeugern lösen die Beschlüsse Kopfschütteln aus, sind sie doch in vielen Punkte schwere Kost. Denn:

  • 5 m2 uneingeschränkt nutzbare Bodenfläche vom Absetzen bis zum Besamen bedeuten, dass jedes bundesdeutsche Deckzentrum umgebaut werden muss. Eine Antwort darauf, wie das im Detail gehen soll, muss aber erst noch gefunden werden. Fakt ist: Ohne Änderungen im Baugesetzbuch UND (!) beim Immissions- und Emissionsschutz bleibt der Wunsch der Politik nach mehr Fläche für die Sau reines Wunschdenken. Wenn hier nichts passiert, zwingt man Sauenhalter regelrecht zur Betriebsaufgabe.
  • Die Fixierung im Deckzentrum soll künftig nur noch zum Zeitpunkt der Besamung zulässig sein. Bedeutet das, dass die Sau auch während der Rausche frei laufen muss und nur festgesetzt werden darf, wenn die Pipette eingeführt ist? Wenn dem so ist, sind Knochenbrüche, abgerissene Afterklauen und tiefe Bisswunden demnächst Alltag.
  • Nach der Besamung muss die Sau unmittelbar raus aus der Fixierung, so hat es der Gesetzgeber formuliert. Gilt auch hier: Pipette raus und ab in die Gruppenhaltung? Auch das wäre fatal für den Tierschutz.
  • Fast schon in Vergessenheit geraten ist die Neuregelung im Hinblick auf die Schadgaskonzentration im Stall. Hieß es bislang, dass z.B. die Ammoniakwerte nicht dauerhaft über dem Grenzwert liegen dürfen, gilt nun, dass der Wert niemals überschritten werden darf. Das ist praxisfern, weil Witterungseinflüsse und das Tierverhalten Einfluss auf den Ammoniakgehalt haben und dieser dadurch schwankt.

Der jetzt gefundene Kompromiss wird mit Sicherheit nicht dazu führen, dass das Frustlevel bei den Ferkelerzeugern sinkt. Bei vielen wirken die teils unberechtigten und oft völlig überzogenen Angriffe aus dem Lager der Tierschützer nach. Dennoch müssen wir nach vorne schauen und Lösungen erarbeiten. Deutschlands Schweinehalter waren innovativ, sind es und werden es auch in Zukunft sein.

Zunächst ist wiederum die Politik am Zug. Sie muss die Detailvorgaben in den Ausführungshinweisen deutschlandweit einheitlich regeln. Einen Flickenteppich mit individuellen Vorgaben der Bundesländer darf es nicht geben. Auch ohne finanzielle Begleitung der Neuausrichtung wird es Ferkel „Made in Germany“ in Zukunft nicht mehr geben. Der Bund muss die im Rahmen der Protokollnote versprochenen 300 Mio. € aus dem Konjunkturpaket für die deutschen Ferkelerzeuger sicher „parken“. Weitere Mittel müssen aus dem Agrarinvestitions-Förderprogramm (AFP) fließen.

Der wohl aber wichtigste Punkt ist, dass die Bauern jetzt dauerhaft (!) Planungssicherheit bekommen. Die jetzt beschlossene Neuregelung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung darf nicht wie im Fall des Magdeburger Urteils im Nachhinein höchstrichterlich einkassiert werden. Und schon gar nicht darf die Schweinehaltung erneut zum grünen Wahlkampfthema für den im nächsten Jahr anstehenden Bundestagswahlkampf hochstilisiert werden. Der Gesetzgeber hat das Gesetzespaket mit den Stimmen der G-Länder beschlossen. Jetzt gilt es, ein Zeichen in Richtung Bauern zu setzen und deutlich zu machen, dass die Bevölkerung und die politischen Parteien wieder hinter ihren Bauern stehen. Die Landwirte brauchen nicht nur eine wirtschaftliche Perspektive, sondern auch eine gesellschaftliche!

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Der Bundesrat hat am Freitag die Neufassung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung angenommen. Sie leitet den Ausstieg aus der Kastenstandhaltung für Sauen ein.

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Diskussionen zum Artikel

von Albert Gramling

Endlich Planungssicherheit

Viele schweinehaltende Betriebe wissen nun, wie sie ihre Zukunft planen müssen: Aufgabe der Tierhaltung!

von Diedrich Stroman

Nach vorne schauen!

Und keine Zukunft in Sicht!!Es weht ein Hauch von Berufsverbot! Nicht mehr oder weniger!!Leider können wir uns nicht freikaufen so wie VW oder Bayer, da haben selbst die Grünen (...) und NGOs gekuscht, bei den Landwirten machen sie Tabu la Raser und eine Frau Klöckner springt über ... mehr anzeigen

von Rudolf Rößle

Die

Frage stellt sich ob Ferkel auch nur unter diesen Standards importiert werden dürfen. Alles andere ist nicht logisch. Ich denke auch, dass eine Flächenbindung in den nächsten Jahren kommen wird.

von Erwin Schmidbauer

Fühlen ausländische Schweine anders?

Das ist doch genau der innere Widerspruch: Die EU erlaubt es kaum, dass wir höhere Anforderungen auch an importierte Tiere oder Fleisch stellen, als gesetzliche Grundlage in den Produktionsländern ist. Das wird leider von den "Tierschützern" vielfach ausgeklammert und teilweise sogar ... mehr anzeigen

von Andreas Gerner

Helft mir mal auf die Sprünge !

Ich begreife nicht, was daran ein "Kompromiss" ist. Sind das generelle Kastenstandverbot und ganze 5m² pro Sau nicht exakt die Maximalforderung der NGOs? Oder was wollten die noch?

von Wilfried Maser

glaubwürdig

Wollte die Politik glaubwürdig sein, hätte sie gleich mit beschließen müssen, dass kein Gramm Schweinefleisch in welcher Form auch immer in Deutschland verkauft werden dürfe, das nicht genau nach der für Deutschland gültigen Haltungs- Transport- und Schlacht Kriterien produziert ... mehr anzeigen

von Andreas Gerner

Das wird rechtlich kaum zu machen sein.

Verkaufs- bzw. Imortverbote für solche Ware werden von der WTO äußerst kritisch gesehen und Deutschland wird sich aufgrund der Exportausrichtung bei PKW, Maschinen, Chemie, Flugzeugen und Waffen gewiss nicht mit der WTO anlegen wollen. Schon gar nicht wegen so etwas ordinärem wie dem ... mehr anzeigen

von Konrad Darscheid

300 Mio. € Konjunkturpaket werden es retten!

Mich wundert, dass selbst augenscheinlichste Bauernfängerei niemandem mehr auffällt, auch dem Kommentator Marcus Arden nicht: Teilen wir die mal die versprochenen (!) 300 Mio. € für den Umbau der Sauenställe durch die derzeit 1,8 Mio. Sauen, verbleiben exakt 167 € pro Sau. Na, ... mehr anzeigen

von Willy Toft

Kommen sehen haben wir es, aber Existenzgefährdend bleibt es trotzdem!

Unser Europäisches Ausland klatscht in die Hände, bekommen sie doch ein fast perfektes System, und werden damit unsere Sauenhalter als Konkurenten zudem noch verlieren! Also wie bei den Käfigeiern, wie gehabt, die Produktion wird verlagert! Wir schaffen uns hier in Deutschland schon ... mehr anzeigen

von Andreas Gerner

Kein Kastenstand kommt ins Alteisen.

Die werden abgebaut und nach Spanien etc. gefahren. Die bauen sie wieder auf und halten die Sauen, die bei uns abgestockt werden.

von Michael Prantl

Kastenstand

Bevor viele Landwirte in Deutschland mit der Umsetzung des Gesetzes auseinandersetzen planen Sie mit Sicherheit den Ausstieg aus der Ferkelproduktion. Bei solchen Vorgaben bigt es keine andere Lösung. Lange genug haben die Grünen rumgemacht - jetzt haben Sie Ihr Ziel erreicht. Alle die ... mehr anzeigen

von Eike Bruns

Nein Herr Prantl,

die Grünen und alle die Ihre Politik auch mitmachen (SPD,CDU, Linke) haben noch nicht alles erreicht. In den ehem. Rot Grünen Bundesländern gibt es noch Schlachthöfe die z.T. unter Rot Grün Gebaut/Umgebaut oder Erweitert wurden. Es gibt noch Mitarbeiter die unter den Bedingungen die ... mehr anzeigen

von Anton Obermeier

Es wird immer weiter gehen

Der grüne Mob wird erst Ruhe geben wenn der letzte Tierhalter verschwunden ist. Und wahrscheinlich werden sie erfolgreich sein, mit der Abschaffung des Verstandes bei ihnen und ihrer völlig verdummten Wählerschaft hat es ja auch geklappt.

von Ansgar Tubes

Planungssicherheit?

Schön war's! Der Ausstieg vom Kastenstand im Deckzentrum ist doch erst der Anfang. Ein Kinderbuchautor, der mit profunden Fachkenntnissen auf dem breiten Themengebiet "Landwirtschaft" zu brillieren vermag, hat in einem eigens für seine treu ergebenen Anhängerschaft, denen dies alles ... mehr anzeigen

von Markus Grehl

Habeck

Der gute Mann spricht von Kampf. Wie sollen wir das denn auffassen? Sollen wir Straßenschlachten anzetteln um die Versorgung mit Lebensmitteln hier weiter zu ermöglichen? Ich denke mal es würde mittlerweile genug Kollegen geben die da mit von der Partie wären denn viel haben wir ... mehr anzeigen

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Tierquälmolloch Deutschland

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von Ansgar Tubes

Geht's noch?

Das, was jetzt dabei herausgekommen ist, erfüllt den Tatbestand der Tierquälerei! Wer noch nie mit Sauen zu tun gehabt hat und nur dem geistigen Dünnschiss irgendwelcher dahergelaufenen Ideologen meist grüner Coleur vertraut sowie mit Scheuklappen durchs Leben rennt, hat mit dieser ... mehr anzeigen

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Die Verbände sind doch selbst schuld. Dass die Gesellschaft zunehmend eine Veränderung wünscht ist doch schon lange erkennbar. Als ob Umweltschutz und Bio erst vor kurzem Trendthemen geworden sind. Es ist fast rührend, wie der Autor sich wünscht, dass jetzt die Bevölkerung aber ... mehr anzeigen

von Julia-Sophie von Richthofen

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Moin Herr Seitz, bedauerlicherweise leben wir deutschen Tierhalter nicht auf der Insel der Glückseligen, sondern in einem eisenharten Wettbewerb mit allen anderen Anbietern auf dem EU-Markt. Was der Bundesrat hier beschlossen hat, ist das Ende der bäuerlichen Ferkelerzeugung in ... mehr anzeigen

von Thomas u. Helmut Gahse GbR

Viele Tierhalter werden

nach dem Grundsatz "gutes Geld nicht schlechtem Geld hinterher werfen" handeln und den Ausstieg planen. So wie es die Politik vielleicht in Fensterreden nicht will, aber praktisch alles tut damit es so kommt.

von Jörn Ahlers

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Der 3.7.2020 ist der Todestag der Sauenhaltung in Deutschland, zu groß sind die Umbrüche für die Mehrheit der Betriebe. Der Tag ist aber auch ein Armutszeugnis für die Interessenvertretung der Sauenhalter. Statt konstruktiv Lösungen zukunftsfähig mit dem Gesetzgeber zu entwickeln ... mehr anzeigen

von Carsten Spieker

Scheuklappen

Man muss sich schon aller landwirtschaftlichen Medien verweigern um diese Aussage zu machen. Beide Organisationen haben alles getan was möglich war, herausgekommen ist dabei das Klöcknerpapier. Leider wurde das von den Grünen als Grundlage für eine neue Kompromissuche missbraucht. Der ... mehr anzeigen

von Rudolf Rößle

Wer

sagt, dass ein Volksbegehren gegen die Tierhaltung in irgendwelchen Computern schon gespeichert sind. Sicher gibt es nicht mehr.

von Guido Müller

Einfluss von aussen durch

Die Vorbereitung ist gelaufen: campact: ...wir haben es geschafft. In deutschen Schweineställen sind Kastenstände nach einer Übergangsfrist zukünftig fast überall verboten. Das hat der Bundesrat heute entschieden. Mehr als 620.000 Menschen haben unseren Appell gegen diese ... mehr anzeigen

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