Antibiotikaresistenz

Umwelthilfe fordert schärfere Regeln für Reserveantibiotika

Der Deutschen Umwelthilfe gehen die Vorschläge der EU, welche antimikrobiellen Substanzen ausschließlich für die Behandlung von Menschen reserviert werden sollten, nicht weit genug.

„Der Vorschlag der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA), welche antimikrobiellen Wirkstoffe zu den sogenannten Reserveantibiotika gehören und ausschließlich für die Behandlung von Menschen reserviert werden sollen, sind zu lasch. Deutschland sollte hier gesetzlich dringend nachschärfen und innerhalb der EU mit gutem Beispiel vorangehen“, forderte Reinhild Benning von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) am Dienstag dieser Woche (26.04.22) anlässlich einer Online-Tagung der DUH zum Thema „Die Zukunft der Tiergesundheit – und die Frage der Reserveantibiotika im Stall“.

Antibiotikaverbrauch bis 2030 halbieren

Die Rede ist von Fluorchinolonen, Cephalosporinen der 3. und 4. Generation, Makroliden sowie von Polymyxinen und hier insbesondere Colistin. Die EU habe im Rahmen der „Farm2Fork“-Strategie zwar das klare Ziel formuliert, den Antibiotikaverbrauch bis zum Jahr 2030 um weitere 50 % zu reduzieren. Sie ergreife aber bisher nicht die dafür erforderlichen Maßnahmen.

Auch Deutschland hinke hinterher. Nach anfänglichen Erfolgen bei der Antibiotikareduktion in der Nutztierhaltung, sei der Verbrauch von 2019 auf 2020 wieder deutlich gestiegen - zumindest in der Geflügelhaltung. Insbesondere beim Reserveantibiotikum Colistin habe sich der Verbrauch stark erhöht. Wobei gerade beim Geflügel ein Großteil der Behandlungen methaphylaktisch und als Gruppenbehandlung über das Tränkewasser erfolge. Das sei inakzeptabel, weil auf diese Weise auch viele gesunde Tiere mitbehandelt werden, was die Bildung von Resistenzen geradezu provoziere.

Antibiotikaresistenz ist eine „schleichende Pandemie“

Wie dringlich es ist, den Antibiotikaverbrauch sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin im Rahmen eines One-Health-Ansatzes zu reduzieren, verdeutliche laut DUH die Tatsache, dass weltweit jährlich 1,2 Mio. Menschen an Infektionen mit multiresistenten Erregern sterben, weil die verfügbaren Antibiotika nicht mehr ausreichend wirken. Und jeder weitere Einsatz eines Antibiotikums führe automatisch zur Bildung weiterer Resistenzen. Die Deutsche Umwelthilfe spricht daher von einer „schleichenden Pandemie“.

Kaum neue Wirkstoffe in der „Pipeline“

Umso wichtiger sei es, die derzeit noch zur Verfügung stehenden Antibiotika verantwortungsvoll einzusetzen, betonte Prof. Dr. Winfried Kern von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Denn in naher Zukunft werde es aufgrund extrem hoher Entwicklungskosten kaum neue Entwicklungen bzw. Zulassungen geben. Die meisten verfügen zudem über die gleichen Wirkungsmechanismen wie bereits vorhandene Produkte. Deshalb sei es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch hier Resistenzen entwickeln.

Einige kurz vor der Zulassung stehende Antibiotika würden im letzten Moment sogar von der Pharmaindustrie wieder zurückgezogen, weil sie ohnehin nur in wenigen Notsituationen eingesetzt würden und ihre Vermarktung daher nicht wirtschaftlich erscheint.

Antibiotika-Minimierungsstrategie stockt

Auch im Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) erkenne man die Dringlichkeit, den Antibiotikaverbrauch in der Nutztierhaltung weiter zu reduzieren, betonte der Abteilungsleiter für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit, Prof. Dr. Markus Schick. Das bisherige Antibiotika-Minimierungskonzept sei in den ersten Jahren sehr erfolgreich gewesen, der Antibiotikaeinsatz konnte seit 2011 immerhin um 60 % reduziert werden. Inzwischen sei jedoch bei Rindern und Schweinen ein Plateau erreicht, dass eine Überarbeitung der Strategie notwendig mache.

Das BMEL habe dazu ein Eckpunktepapier vorgelegt. Es sieht unter anderem vor, dass künftig auch der Antibiotikaeinsatz bei Sauen, Saugferkeln und nicht zur Mast bestimmten Schweinen ab 30 kg Lebendgewicht gemeldet werden muss. Zudem sind künftig auch Hobby-Schweinehalter meldepflichtig. Und der Verbrauch von Wirkstoffen, die für die Humanmedizin wichtig sind, soll bei der Berechnung der Therapiehäufigkeit stärker gewichtet werden, erläuterte Schick.

Tiergesundheit stabilisieren

Die größten Einspareffekte erhoffe sich die neue Bundesregierung jedoch durch den Umbau der Tierhaltung, die die Tiergesundheit in den Mittelpunkt stelle, so Schick. Die Tierhaltung soll stärker an die Fläche gebunden werden. Dadurch sinke die Besatzdichte, was der Tiergesundheit zugute komme. Zudem sollen im Rahmen einer neuen Tiergesundheitsstrategie alle Leistungs-, Schlacht-, Tiergesundheits- und Antibiotikaverbrauchsdaten in einer gemeinsamen Datenbank erfasst und ausgewertet werden.

Der Umbau der Tierhaltung sei jedoch ein langwieriger Prozess, zumal auch viele baurechtliche Fragen und nicht zuletzt auch die Finanzierung des Umbaus geregelt werden müssen.

Generelles Verbot nicht zielführend

„Mit einem generellen Verbot bestimmter Wirkstoffklassen für die Anwendung in der Tierhaltung ist es sicherlich nicht getan“, gab sich Prof. Dr. Bernd Alois Tenhagen vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in der Abschlussdiskussion der Tagung überzeugt. Das führe nur zu einem Ausweichen auf andere Substanzen. Es komme vielmehr darauf an, noch stärker zu reglementieren, wann welche Wirkstoffklassen eingesetzt werden dürfen. Die Hürden für den Einsatz bestimmter Antibiotika wie z.B. Colistin müssten so hoch sein, dass sich ihr Einsatz wirtschaftlich einfach nicht mehr lohne.

Oberstes Ziel sei es, den Resistenzdruck in der Humanmedizin zu reduzieren, so Tenhagen. Deshalb müsse vor allem verhindert werden, dass Menschen mit den resistenten Keimen in Kontakt kommen. Dazu gehöre auch, die Lebensmittelhygiene weiter zu optimieren. Und es müsse noch intensiver erforscht werden, wie antibiotikaresistente Keime zwischen Mensch, Tier und Umwelt übertragen werden.

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