Interview

Kornkenner, Pioniergeist & Genussmensch: Rüdiger Sasse

Als Kind stand für Rüdiger Sasse fest: „Später helfe ich dem Papa beim Schnapsmachen.“ Schon mit 25 übernahm er die Leitung des 300-jährigen Familienbetriebs, der damals ums Überleben ­kämpfte.

Rüdiger Sasse lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Münsterland. Der 52-Jährige ist Inhaber der Feinbrennerei Sasse, die seit über zehn Jahren verschiedene Naturschutzprojekte fördert. Mit seinem 35-köpfigen Team feilt Rüdiger Sasse ständig an Produkt- und Vermarktungsideen. Nach einem stressigen Arbeitstag in der Brennerei spaziert der Diplom-Kaufmann gerne mit seiner Hündin Leika durch die Felder, geht auf die Jagd oder treibt Sport.

Herr Sasse, Sie leiten die Feinbrennerei Sasse in Schöppingen, Nordrhein-Westfalen. Auf Ihrer Homepage schreiben Sie: „Wenn es ein Getränk gibt, auf das wir Deutschen neben unserem Bier zu Recht stolz sein dürfen, dann ist es der Korn.“ Wieso?

Sasse: Weil er weltweit einzigartig ist! Das Herstellungsverfahren wurde hier in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt, als jede Kornbrennerei zeitgleich ein landwirtschaftlicher Betrieb war. Man produzierte ja nicht nur Alkohol, sondern auch Schlempe, also eiweißreiche Gärflüssigkeit. Die musste man per Gesetz selbst verarbeiten. Das sollte der ­Wirtschaftsförderung des ländlichen Raums dienen: Durch das nahrhafte Futter konnte man mehr Vieh halten. Mehr Vieh gleich mehr Mist gleich mehr Dünger. Das war noch auf dem Betrieb meiner Eltern so. Heute dürfen Brennereien ihre Schlempe ab­geben.

Was macht Korn außerdem besonders?

Sasse: Er unterliegt einem strengen Reinheitsgebot: Als Grundlage dienen ausschließlich Weizen, Roggen, Gerste, Hafer oder Buchweizen. Hefe darf man zusetzen, Zucker oder Farbstoffe sind tabu. Trotzdem kann man viele Aromen herausarbeiten. Besonders spannend finde ich es, mit meinem Kollegen eine neue Charge Lagerkorn zusammenzustellen. Dann verblenden wir die für vier Jahre in Eichen­fässern gereiften Destillate.

Woher beziehen Sie Ihre Rohstoffe?

Sasse: Wir kaufen unser Getreide schon seit Jahren von einem Biobauern aus der Gegend. Für unsere Liköre ­bekommen wir Himbeeren und Holunderblüten von Betrieben aus dem Münsterland und aus Niedersachsen. Und da ist eine enge Absprache mit den Landwirten unerlässlich: Die Himbeeren brauchen wir erst dann, wenn sie für den Supermarkt zu reif sind. Holunderblüten können wir nur an zwei Tagen im Jahr verwerten. Zum ­einen, weil sie ein kleines Erntezeit­fenster haben und zum anderen, weil sie direkt weiterverarbeitet werden müssen.

Inwieweit hat sich die Pandemie auf Ihr Geschäft ausgewirkt?

Sasse: Die Marktbedingungen haben sich komplett geändert. Vor Corona haben wir 50 % unseres Umsatzes über die Gastronomen erwirtschaftet. In der Gästebetreuung, also bei Führungen durch unsere Brennerei, setzen wir jetzt zunehmend auf digitale Formate und Audioguides.


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