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So gut sind die landwirtschaftlichen Schulen

Lesezeit: 10 Minuten

Knapp 800 Schüler haben ihre Berufs- und Fachschulen bewertet. Das Ergebnis: Viele wollen mehr Praxisbezug und aktuellere Themen. In Bayern und Schleswig-Holstein läuft es gut.


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Ausbildungsqualität in der Schule steht und fällt mit den Lehrkräften“, ist sich Erwin Köster sicher. Er blickt auf 34 Jahre Erfahrung als Berufsschullehrer am Wilhelm-Emmanuel-von-Ketteler-Berufskolleg in Münster zurück. „Werkzeuge wie brandneue Computer oder moderne Klassenräume führen nicht automatisch zu gutem Unterricht“, meint er. Wichtig sei vor allem der Lehrer, der die Werkzeuge bedient.


Sehen die Schüler das genauso? Im Großen und Ganzen sind diese gut zufrieden mit ihren Berufs- und Fachschulen: 63% würden ihre Schule weiterempfehlen, die Fachschüler mit 71% noch eher als die Berufsschüler (54%).


Vor allem Schleswig-Holstein und Bayern stechen hier mit 78% und 82% heraus, während die Schüler in Hessen (42%) und ganz besonders die in Rheinland-Pfalz (6%) nicht zufrieden sind (s. Übers. 1). Aus Rheinland-Pfalz nahmen aber nur zehn Schüler an der Umfrage teil, was Verzerrungen möglich macht.


Schüler wollen mehr Praxis.

Die meisten Schüler würden im Unterricht gerne noch mehr für die Praxis lernen. Mit 44% sehen sie hier den meisten Verbesserungsbedarf (s. Übers. 2). Vor allem Berufsschüler wollen mit 49% Verbesserungsbedarf noch deutlich mehr Praxisnähe als die Fachschüler (38%).


Doch was heißt Praxisbezug im Unterricht? Viele Teilnehmer der Umfrage wünschen sich mehr Exkursionen. Auch erwähnen viele Berufsschüler die überbetrieblichen Landtechniklehrgänge auf der DEULA (Deutsche Lehranstalten für Agrartechnik) positiv.


Besonders punkten die Schulen aus Niedersachsen, in denen lediglich 34% den Praxisbezug bemängeln. Hier fällt die Albrecht-Thaer-Schule in Celle (Niedersachsen) auf: Nur 9% der Schüler wünschen sich noch mehr Praxisnähe. Dort ist der regelmäßige Austausch mit den Betrieben der Schüler wichtig. Die Klassen besuchen mehrere Betriebe der Schüler. Vorher erarbeiten alle Schüler, was die Betriebsleiter in Zukunft auf den Betrieben verbessern und optimieren sollten. Die Betriebsleiter – meistens die Väter der Schüler – diskutieren mit. „Wir alle überlegen gemeinsam, welche Strategie für den einzelnen Betrieb Sinn macht“, erklärt Dr. Angela Cantrup, Abteilungsleiterin für Agrarwirtschaft an der Schule.


Auch in Rheinland-Pfalz schätzen die Schüler den Unterricht sehr praxisnah ein. Nur 37% sehen hier Verbesserungsbedarf (s. Übers. 2). Die Lehrer arbeiten in diesem Bundesland außerdem noch als Berater in den Dienstleistungszentren Ländlicher Raum. Das erklärt den guten Praxisbezug. „Durch ihre Arbeit als Berater und im Versuchswesen sind die Lehrer immer im aktuellen Geschehen“, erklärt Agnes Pohlmann, zuständig für die Agrarbildung am Landwirtschaftsministerium in Rheinland-Pfalz.


Exkursionen oder Vorträge durch externe Referenten aus der Praxis kommen vor allem durch das Engagement und Netzwerk der Lehrer zustande. Auf den Lehrplänen sind sie nicht zu finden.


Während die Lehrpläne in der Berufsschule noch recht genau vorschreiben, wie der Unterricht abläuft, lassen sie den Fachschulen mehr Spielraum. Das haben die Lehrer in unserer Umfrage bestätigt. Während nur 35% der Berufsschullehrer angeben, dass sie genügend Freiraum für eigene Schwerpunkte und eben auch Exkursionen haben, sind dies bei den Fachschulen schon 64%.


Im Osten zu viel Theorie:

Gerade in den östlichen Bundesländern vermissen die Schüler den Praxisbezug. So sehen in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern 70% noch Verbesserungsbedarf (s. Übers. 2). „Nicht praxisbezogen und nicht aktuell“, lautet der harsche Kommentar eines Teilnehmers.


Dabei sind die Bedingungen für praktischen Unterricht dort gut. Es gibt nur wenige, große Schulstandorte. Wegen der Größe ist die technische Ausstattung in der Regel gut. Oft sind z.B. eigene Werkstätten oder angegliederte Landesforschungsanstalten vorhanden.


So befindet sich direkt neben der Berufsbildenden Schule in Schwerstedt (Thüringen) eine überbetriebliche Ausbildungsstätte mit Werkstätten und Lehrräumen. „Jede Woche gestalten wir neue Stundenpläne, sodass für die Lehrer die Möglichkeit besteht, die Werkstätten zu nutzen“, bestätigt Mirko Skandera, Abteilungsleiter für den Agrarbereich der Schule. Er schiebt das schlechte Abschneiden Thüringens auf den Lehrplan: „In der Stundentafel der dualen Berufsausbildung zum Landwirt ist kein Praxisunterricht vorgesehen. Dafür sind unserer Ansicht nach die Ausbildungsbetriebe zuständig.“


Lehrer mit Stallgeruch:

Auffällig häufig erwähnen die Schüler ihre Lehrer in den Kommentaren: „Die Qualität des Unterrichts hängt wesentlich vom Praxisbezug der Lehrkräfte ab“, heißt es zum Beispiel. Verbinden die Schüler guten Unterricht also weniger mit der Ausstattung der Schule als mit dem Lehrer und dessen Praxisbezug?


Im Schnitt schneiden die Lehrer gut (2,2) ab (s. Übers. 3), die in den Fachschulen mit 1,9 etwas besser als die Berufsschullehrer (2,2). Abgefragte Kriterien waren Fachwissen, Unterrichtsstil sowie persönliche Betreuung der Schüler. Und da erwarten diese immer mehr. „Die Schüler sehen ihre Lehrer als Dienstleister, die berufliches Wissen und Können liefern sollen“, weiß Martin Lambers, zuständig im Bildungsbereich beim Deutschen Bauernverband (DBV). Sie wollen mit den Lehrern aktuelle Themen diskutieren und Lösungen für betriebliche Probleme finden. „Dazu müssen wir die Schüler zunächst dort abholen, wo sie stehen“, erklärt er.


Das sieht auch Erwin Köster vom Berufskolleg in Münster so. Dort besuchen neue Kollegen die Schüler in den Ausbildungsbetrieben, um deren Berufswelt und die Ausbilder kennenzulernen. „Unser zuletzt eingestellte Kollege hat in den ersten zehn Wochen ein Praktikum in zwei landwirtschaftlichen Betrieben absolviert, damit er Münsterländer Stallgeruch bekommt“, erzählt er. Das schätzen auch die Schüler in Münster und vergeben für ihre Lehrer eine 1,6.


Bayerns Lehrer sind top!

Landesweit konnten die Schulen ihre Lehrer bewerten. Am besten schnitten hier die bayrischen Lehrkräfte ab mit einer 1,6. Dies liegt zum einen an der offenbar guten Ausbildung, die über ein Referendariat läuft. „Wir testen in einem Aufnahmegespräch die Bewerber auf ein Referendariat direkt in landwirtschaftlicher Praxis. Über ein Punktesystem suchen wir dann geeignete Kandidaten heraus“, erklärt Dr. Michael Karrer, Bildungsreferent vom Landwirtschaftsministerium in Bayern. Diese unterrichten dann in den Fachschulen und arbeiten auch als Berater. Daneben besuchen sie noch Fortbildungen. Probleme sieht Karrer teilweise im Praxisbezug der jungen Referendare: „Immer mehr Hochschulen entfernen sich von der Praxis.“ Hier müssen die Referendare nach dem Studium selbst aktiv werden. „Auch die Lehrkräfte sollten noch öfter auf die Betriebe der Schüler fahren und sich mit den Praktikern austauschen“, fordert der Bildungsreferent.


Praxis fehlt:

Der mangelnde Praxisbezug junger Lehrer ist in vielen Bundesländern ein Problem. „In einigen Bundesländern reicht für ein Agrarstudium der Nachweis eines Praktikums, manche Unis fordern nicht einmal das“, weiß Martin Lambers vom DBV. Hier entstehen Probleme, da die angehenden Lehrer Praktiker unterrichten sollen, ohne jemals auf einem Trecker gesessen zu haben. „Ein Lehrer braucht fachliche und persönliche Autorität vor den Schülern“, bringt es Erwin Köster von der Berufsschule in Münster auf den Punkt. „Die Schüler merken direkt, wer aus der Praxis kommt“, meint er. Daher empfiehlt er angehenden Lehrern, die landwirtschaftliche Ausbildung zu absolvieren bevor sie studieren und sich dann vor das Lehrerpult stellen.


Ist zu viel Praxis zu viel des Guten? Obwohl die Berufs- und Fachschullehrer in Rheinland-Pfalz als Berater in der Praxis arbeiten, bekommen sie in unserer Umfrage nur eine 2,9 (s. Übers. 3). Agnes Pohlmann vom Landwirtschaftsministerium glaubt, dass durch die Beratung der Lehrerberuf in den Hintergrund gerät und die Qualität leidet. Daran will das Ministerium arbeiten. Die Lehrer sollen wieder mehr unterrichten; von aktuell zehn Stunden pro Woche soll es auf 14 hochgehen. An dem System aus Lehrer- und Beratertätigkeit will das Ministerium aber festhalten, um im Unterricht weiterhin nah an der Praxis zu bleiben.


Quereinstieg möglich:

Ein weiteres Problem ist der aktuelle Lehrermangel. Laut einer Umfrage der Bundesarbeitsgemeinschaft der landwirtschaftlichen Fachschulen müssten in den nächsten Jahren mehr als 200 Fachschullehrer neu anfangen, weil viele der älteren Kollegen in den Ruhestand gehen. Auch die Berufsschulen kämpfen mit personellen Engpässen, weiß Erwin Köster.


Daher können angehende Lehrer in einigen Bundesländern ohne Referendariat in den Beruf einsteigen und berufsbegleitend pädagogische Qualifikationen nachholen. Das ist z.B. in NRW und Hessen möglich. Die Lehrer aus diesen Bundesländern schneiden in unserem Check mit 2,2 und 2,3 eher mäßig ab (s. Übers. 3).


Ist der Quereinstieg der Grund? Nicht, wenn die Quereinsteiger langsam in das Unterrichtsgeschehen geführt werden, meint Köster. In Münster beginnen sie zunächst in der Unterstufe der Berufsschule und haben kaum organisatorische Aufgaben. Daneben besuchen sie berufsbegleitend Weiterbildungen. Das ist aber von Schule zu Schule unterschiedlich und nicht länderweit geregelt. „Ich kenne Schulen mit Personalnotstand, wo Neuanfänger direkt in allen Jahrgängen unterrichten und die Abschlussprüfungen mit abnehmen müssen“, schildert Köster. Das überfordert junge Lehrer schnell. Münsters sanfter Einstieg hingegen funktioniert: Die Schüler vergeben eine 1,6 für ihre Lehrer.


Netzwerke helfen:

Die Unterrichtsqualität bestimmen vor allem die Inhalte. Optimal sind aktuelle und praxisnahe Themen, welche die Lehrer verständlich erklären. Insgesamt bewerten die Schüler die Unterrichtsqualität durchwachsen: 40% sehen hier Verbesserungsbedarf (s. Übersicht 2), die Berufs- (42%) mehr als die Fachschüler (37%).


Schleswig-Holstein punktet hier mit lediglich 26% Verbesserungsbedarf. Hier sind die Berufs- und Fachschulen sehr gut mit der Landwirtschaftskammer und anderen Berufsverbänden vernetzt. Über diese entstehen wichtige Kontakte in die Praxis. „Hier melden sich junge Lehrer, die noch nicht so in der Branche vernetzt sind, wenn ihnen beispielsweise noch Fach- und Praxiswissen fehlt“, sagt Martina Johannes, Fachbereich Bildung an der Landwirtschaftskammer in Schleswig-Holstein.


Auch Bayern ragt mit nur 26% Verbesserungsbedarf bei der Unterrichtsqualität hervor. Darauf will sich das Bayrische Landwirtschaftsministerium nicht ausruhen. Dr. Michael Karrer erklärt sein neuestes Projekt: „Um die Fachschullehrer noch mehr an aktuellen Themen teilhaben zu lassen, entwickeln wir ein Portal für alle Fachschullehrer Bayerns, in dem jeder Lehrer Informationen zu bestimmten Unterrichtsthemen hochladen kann. So findet bereits jetzt ein landesweiter Austausch statt mit etwa 14000 Zugriffen pro Monat durch Lehrkräfte.“ Auch will er neue Ergebnisse der Landesanstalt für Landwirtschaft sowie aktuelle Marktdaten mit aufnehmen, um die Lehrer auf dem Laufenden zu halten.


Kleine Standorte in der Fläche:

In Rheinland-Pfalz ist bei der Qualität des Unterrichts noch Luft nach oben: 81% sehen hier noch Verbesserungsbedarf.


Auch in Hessen sehen mit 66% ein Großteil der Schüler noch Verbesserungsbedarf. Wie in Rheinland-Pfalz sind in Hessen viele kleine Schulstandorte vorhanden statt weniger großer wie im Osten Deutschlands.


Die kleinen Schulen können die Fachlehrer nicht immer vollzeit beschäftigen. Diese unterrichten dann standortübergreifend und sind nur für ein paar Stunden vor Ort. Sie können den Unterricht nicht so flexibel gestalten, sodass z.B. Exkursionen ausfallen.


Auch haben kleinere Standorte oft wenige Klassen. Sie können diese nicht immer nach Schwerpunkten einteilen, um mehr in die Tiefe zu gehen. Die Fachschule in Fulda z.B. hat nur eine Klasse pro Jahrgang. „Hier sitzen Rinder- und Schweinehalter zusammen in der Klasse, sodass wir beide Inhalte in der Klasse bearbeiten“, sagt Schulleiter Martin Grenzebach.


Es gibt aber wichtige Gründe für kleine Niederlassungen: Die Schüler im Süden und Nordwesten Deutschlands sind zu Hause oft auf den Familienbetrieben eingespannt und fahren täglich. Das geht nur bei Schulen, die nah am Betrieb sind. Maike Schulze Harling

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