„Dein Vater quält Tiere!": Über das Mobbing von Bauernkindern

"Dein Vater quält Tiere und versaut die Umwelt.“ So werden Bauernkinder heute von Mitschülern beschimpft. Noch sind das Einzelfälle. Aber die Bereitschaft zu Mobbing steigt. Wie kann man reagieren? Wir sprechen mit einem Ehepaar, das keine andere Wahl hatte, als seine Kinder woanders auf die Schule zu schicken.

"Dein Vater quält Tiere und versaut die Umwelt.“ So werden Bauernkinder heute von Mitschülern beschimpft. Noch sind das Einzelfälle. Aber die Bereitschaft zu Mobbing steigt. Wie kann man reagieren?

Wir sprechen mit einem Ehepaar, das keine andere Wahl hatte, als seine Kinder in einem anderen Landkreis auf die weiterführende Schule zu schicken. Inkognito. Zu vergiftet war das Klima im Heimatort. Verletzende und kränkende Sprüche wie „Deine Eltern sind Mörder,“ „Massentierhalter“, „Du stinkendes Bauernkind“, setzten den Kindern so sehr zu, dass sie nur noch mit Bauchschmerzen in die Schule gingen.

Der Leidensdruck wurde so groß, dass die Eltern reagieren mussten. Der Grund eigentlich lapidar: Ihr neuer Schweinestall. Und eine Bürger-Initiative, die offensichtlich weit über ihr Ziel hinaus geschossen war.

Kein Halt vor den Schultoren

Ist das die neue Realität? Wird der ideologische Kampf um die konventionelle Landwirtschaft inzwischen sogar auf dem Rücken der Jüngsten ausgetragen?Fest steht: Der oben beschriebene Fall ist ein Einzelfall. Doch auch der Kinderschutzbund in Niedersachsen beobachtet verstärkt Mobbing gegen Bauernkinder und schlägt Alarm.

Offenbar kommt auch beim Nachwuchs an, was viele Betriebsleiter schon länger spüren: Der Wind bläst der konventionellen Landwirtschaft scharf ins Gesicht. Die Anerkennung für den Berufsstand schwindet.

Wo jedoch gestandene Betriebsleiter in Diskussionen bereits häufig an ihre Grenzen kommen, fühlen sich Kinder erst recht hilflos. Der tendenziösen Berichterstattung in den Schulbüchern (siehe Kasten, S. 160) und der ideologisch geprägten Erziehung in vielen Stadthaushalten haben nur die ganz Selbstbewussten etwas entgegen zu setzen. „Ihr wisst doch, wie es bei uns zu Hause ist. Empfindet ihr das als Massen-tierhaltung?“, erklärt eine junge Frau, wie sie in Diskussionen versucht, die Tätigkeit ihrer Familie darzustellen.

Sensible Kinder bringt es hingegen stark in Bedrängnis, wenn der Beruf ihrer Eltern im Unterricht negativ dargestellt wird. „Die stehen in solchen Diskussionen mit dem Rücken zur Wand und wissen nicht, wie sie den Hof verteidigen sollen“, erklärt eine Mutter. Nicht wenige schämen sich in solchen Momenten für die Eltern oder ihre Herkunft.

Harmlos oder haarsträubend?

Frau

Keine Pause: Cybermobbing verfolgt die Betroffenen bis ins Kinderzimmer. Peinliche Inhalte werden sie kaum noch los. (Bildquelle: Antonioguillem - Fotolia.com)

Doch der Reihe nach. Von eher harmlosen Frotzeleien und Sticheleien aufgrund der bäuerlichen Herkunft, bzw. hitzigen Diskussionen über Tierhaltung bei älteren Schülern bis hin zu handfestem Mobbing ist es ein weiter Weg. Dumme, aber nicht weiter böse gemeinte Sprüche kennt fast jedes Kind vom Hof. Auch die Generationen, die die Schule längst hinter sich gelassen haben.Sprüche wie z.B. „Ey du Bauer!“ oder „Willst du heute abend wieder im Dreck wühlen?“ können die Kinder und Jugendlichen oft gut aushalten und kontern. „Das finde ich nicht schlimm, das ist nicht ernst gemeint“, winkt ein 14-jähriger Bauernsohn ab.

Aber es zeigt: Der Nachwuchs vom Hof hat nicht selten einen Sonderstatus zwischen den Stadtkindern in der Klasse. War es früher der Stallgeruch oder die fehlende Freizeit am Nachmittag, ist es heute die Exoten-Stellung: Sie sind oftmals der oder die Einzige in der Klasse mit bäuerlichem Hintergrund.

Experten bestätigen, was auch unsere Gesprächspartner sagen: Oft kommen die Probleme des Kindes mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule, wenn Gruppen sich neu mischen und die Pubertät mit ihren Unsicherheiten und Problemen durchschlägt.

Konnte man auf der örtlichen Grundschule die Klassenkameraden mit großen Schleppern und niedlichen Kälbchen noch beeindrucken, ändert sich das, je städtischer das Umfeld wird.

Dann fallen die Kinder vom Hof auf. Und das Auffallen an sich, egal in welcher Form, ist manchmal schon Grund genug, dass ausgerechnet das Bauernkind und kein anderes als Mobbing-Opfer auserkoren wird. Turnschuhe, Haarfarbe, Beruf der Eltern: „Der Grund für Mobbing ist austauschbar“, bestätigt Expertin Kerstin Rehage. Denn: Werden Toleranz und Individualität in der Gesellschaft auch groß geschrieben. In der Altersgruppe zwischen 10 und 14 sollte man als allzu besonderes Individuum nicht mit viel Verständnis von Gleichaltrigen rechnen.

Immer noch auf der Hut

Hinzu kommt, dass nicht wenige Kinder im Elternhaus eine kritische Haltung zur konventionellen Landwirtschaft erleben, und diese auch mit in die Schule nehmen. Klar, dass sie gegenüber dem einzigen Bauernkind skeptisch bis negativ eingestellt sind und dieses dadurch eher in die Schusslinie gerät.Doch gleichgültig, aus welchem Grund und in welchem Ausmaß: Für den Betroffenen ist es quälend und verletzend, Außenseiter zu sein. Oft dauert es Jahre, bis ein Kind sich davon wieder erholt. „Wir sind immer noch bei jeder Bemerkung auf der Hut, ob sie negativ gemeint ist und uns jemand angreifen will“, bestätigt eine Mutter. „Oft verschweigen die Kinder noch heute, dass sie vom Hof kommen.“

Viele Betroffene tun sich zudem schwer, Eltern oder andere Erwachsene ins Vertrauen zu ziehen. Sie schämen sich oder geben sich sogar selbst die Schuld, dass es ausgerechnet sie erwischt hat. „Zum Glück hat sich unsere Tochter in der Situation an uns gewandt. Sie hat uns zwar verboten, dass wir uns einmischen, aber immerhin konnten wir sie zu Hause wieder aufbauen“, bestätigt eine Mutter.

Aber: Nicht jede Auseinandersetzung oder Hänselei ist gleich ein klarer Fall von Mobbing. Experten verstehen darunter eine subtile Form der körperlichen und psychischen Gewalt, die über einen längeren Zeitraum anhält und von mehreren Tätern ausgeht. Die Mehrheit der Klasse verhält sich stillschweigend und der Ausgegrenzte wird von niemandem in der Gruppe unterstützt. Das Kind hat oft keine Chance, da allein heraus zu kommen.

Geringe Hemmschwelle im Netz

Hände

Wer ein gutes Netzwerk hat, ist weniger gefährdet, Mobbing-Opfer zu werden. (Bildquelle: sabine hürdler – Fotolia.com)

Doch inzwischen ist die Gesellschaft für viele Formen des Mobbings sensibilisiert. Viele Schulen bieten präventive Sozial-Trainings an, damit Mobbing gar nicht erst geschieht. Kommt es trotzdem zu Ausgrenzung in einer Klasse, greifen an vielen Schulen schnell Gruppenmaßnahmen, die die Situation oftmals rasch entschärfen.Allerdings ist die Hemmschwelle für Anfeindung und Ausgrenzung durch Internet, Smartphone und Co. offenbar deutlich gesunken. Während die Betroffenen am virtuellen Pranger stehen und die für sie peinlichen Inhalte jahrelang nicht loswerden, bleiben die Täter in ihrer geschützten Anonymität.

Für die Betroffenen bedeutet Cybermobbing außerdem: Die verletzenden Botschaften verfolgen sie bis ins Kinderzimmer. „Ich hab mitgekriegt, wie die Mädchen in der WhatsApp-Gruppe über mich gelästert haben. Das war schlimm“, erinnert sich eine 15-Jährige. Aber auch fiese Beleidigungen und das Verschicken manipulierter Bilder bringen die Betroffenen nicht selten zur Verzweiflung.

Wie schütze ich meine Kinder?

Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Echtes Mobbing ist selten. Die große Mehrheit der Bauernkinder kommt heil durch die Schulzeit, von Sprüchen und Sticheleien einmal abgesehen. Wie man seine Kind jedoch konkret davor schützen kann, Mobbing-Opfer zu werden, können Experten nicht zufriedenstellend beantworten.Sicherlich gilt: Ein Vertrauensverhältnis zu den Eltern und die Gewissheit, dass sie immer ein offenes Ohr haben, stärkt Kindern den Rücken. Ein starkes Netzwerk außerhalb der Schule kann die Auswirkungen abfedern.

Eltern, die im Ernstfall reagieren und in Absprache mit dem Kind einen Klassen- oder Schulwechsel oder psychologische Beratung in Erwägung ziehen, machen sehr viel richtig. Denn: Sie eröffnen dem Kind neue Handlungsmöglichkeiten und beenden das Gefühl der Ausweglosigkeit.

Aktiv auf den Hof einladen

Eltern können auch versuchen, durch Klassen-Einladungen, Draußen-Tage oder allzeit offene Hoftore Verständnis für ihren Beruf zu wecken und ihrem Kind so den Exoten-Status nehmen. Doch die beiden Eigenschaften, die in dieser Situation am wichtigsten wären, kann man dem pubertierenden Nachwuchs leider nicht einimpfen: Die Reife und das Selbstbewusstsein, zum Hof und zu sich selbst zu stehen. Wahrzunehmen, welch ein Geschenk das Aufwachsen auf dem Hof ist. Immerhin: Vielleicht hilft diese Erkenntnis später dabei, die erlittenen Demütigungen hinter sich zu lassen.

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Von Mitschülern ausgegrenzt

Familie Ameskamp berichtet, wie ihre Kinder mit Mobbing umgingen.

Josef und Monika Ameskamp aus Cappeln bei Vechta, Niedersachsen, lieben ihre Arbeit als Sauenhalter. Zu ihren Kindern haben die Eltern ein offenes, gutes Verhältnis, zeigt sich im Gespräch.
Hänseleien aufgrund ihrer bäuerlichen Herkunft kennen alle fünf Sprößlinge. Der 13-jährige Bernd hat eine abgeklärte Einstellung dazu gefunden: „Ist doch nicht schlimm. Ich bin halt der Einzige in meiner Klasse, der vom Hof kommt. Irgendwas müssen die ja sagen“, sagt er mit einer Portion Lockerheit.

Schlimm traf es seine ältere Schwester Julia vor Jahren auf dem Gymnasium. Sie wurde von einer Klassenkameradin über Monate ernsthaft angefeindet. Verletzende Sätze wie z.B. „Du stinkst!“, musste die Bauerntochter täglich ertragen. Fast gelang es der selbst ernannten Klassenanführerin, die ganze Gruppe gegen Julia aufzubringen. Doch einige Mitschüler schritten ein, als es fast zu einer tätlichen Auseinandersetzung gekommen wäre. Sie stellten sich demonstrativ auf die Seite der Bauerntochter. Danach beruhigte sich die quälende Situation langsam. Die Täterin musste einsehen, dass sie mit ihrem Verhalten nicht durchkam. Für Julia kehrte mit der Zeit wieder Normalität ein.

Geholfen haben ihr vor allem die Gespräche mit ihren Eltern. Die Familie überlegte gemeinsam, wie sie die Tochter stabilisieren und den Druck aus der Situation nehmen konnte. „Wichtig war Julia immer, dass wir uns nicht einmischen“, erinnert sich die Mutter. Das haben die Eltern respektiert. „Die Kritik hat uns zunächst total überrascht. Leben wir doch in einer Region, in der jeder Dritte selbst in der Landwirtschaft arbeitet oder damit zu tun hat“, merkt die Bäuerin an. Grundsätzlich glaubt sie, dass Sportvereine und Hobbys helfen, die Kinder zu stärken. „Ich finde es gut, dass ich nicht das einzige Bauernkind in meiner Klasse bin“, erklärt die jüngere Tochter, wie sehr ihr ein Verbündeter hilft.

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