Geschlechtsbestimmung beim Ei bald praxisreif?

Mit einem Hormontest kann am 9. Bruttag das Geschlecht des Kükens bestimmt werden. Jetzt wurde ein neuer Prototyp entwickelt, den Minister Christian Schmidt gestern vorstellte und der nächstes Jahr in die Praxis gehen soll. Birgit Waterloh und Dr. Ludger Schulze Pals berichten...

Schmidt bei der Besichtigung der Brüterei (Bildquelle: Waterloh)

Mit einem Hormontest kann am 9. Bruttag das Geschlecht des Kükens bestimmt werden. Jetzt wurde ein neuer Prototyp entwickelt, den Minister Christian Schmidt gestern vorstellte und der nächstes Jahr in die Praxis gehen soll. Birgit Waterloh und Dr. Ludger Schulze Pals berichten...

Wenn es nach Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt geht, ist die Geschlechtsbestimmung beim Brutei bald praxisreif. „Ich freue mich sehr, dass wir in Deutschland eine Vorreiterrolle einnehmen und unserem Ziel, das Töten männlicher Küken zu beenden, einen entscheidenden Schritt näher kommen“, sagte der Minister gestern beim Besuch einer Brüterei in Großenkneten, die zurzeit einen Prototypen zur Geschlechtsbestimmung von Embryonen im Ei testet.

Dabei erfolgt eine Art Schwangerschaftstest. Dazu wird dem Brutei zwischen dem achten und zehnten Tag mit einer spitzen Nadel ein bis zwei Tropfen embryonaler Harn aus der Harnblase, entnommen. Anhand eines Markers wird dann nach einem Hormon gesucht. Bei weiblichen Küken ist es vorhanden, bei männlichen nicht. Dies wird sichtbar an einem Farbumschlag der Testflüssigkeit.

Prototyp noch zu langsam

„Die Genauigkeit der Methode liegt bei unserem ersten Prototypen bei 97 %, dauert aber zu lange“, erklärte Prof. Dr. Almuth Einspanier, die Forschungsleiterin von der Universität Leipzig. Der jetzt in Großenkneten eingesetzte neue Prototyp soll deutlich schneller arbeiten. Die Wissenschaftlerin geht von einer Untersuchungsgeschwindigkeit von 10 bis 15 Minuten aus. Die aufgezogenen Hennen zeigten nach Tests an der Hochschule Osnabrück durch diese Behandlung keinerlei Unterschiede zu normal ausgebrüteten Hennen.

Der neue Prototyp wurde gemeinsam mit dem Unternehmen Seleggt entwickelt. Dahinter steht ein Joint Venture der Rewe Group und dem niederländischen Brütereiausrüster Hatchtec. Dessen Geschäftsführer Dr. Ludger Breloh, der bei der Rewe zugleich als Bereichsleiter „Strategie und Innovation im Agrarsektor“ für die Forschung und Entwicklung zuständig ist, erklärte das Engagement mit dem Bestreben der Rewe Group, Verantwortung für die gesamte Lieferkette übernehmen zu wollen.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, dessen Ministerium die Forschung zur Geschlechtsbestimmung mit 4 Mio. € unterstützt hat, bescheinigte den Wissenschaftlern gute Arbeit. „Wir sind weit gekommen, dies ist ein guter Tag für den Tierschutz“, freute er sich. Gleichzeitig betonte er, dass die Untersuchung zu einem Zeitpunkt stattfinde, bevor das Schmerzempfinden des Embryos einsetze.

9. Tag ist zu spät

Kritiker halten den Zeitpunkt der Geschlechtsbestimmung nach einem Drittel der Brutzeit für zu spät, da das Küken dann schon weit entwickelt ist. Deshalb arbeitet das Unternehmen Agri Advanced Technologies (AAT), ein Schwesterunternehmen der Lohmann Tierzucht, an einem anderen Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei.

Mit Hilfe einer Lichtspektroskopie soll bereits am 4. Lebenstag das Geschlecht zuverlässig ermittelt werden können. Im Gegensatz zum bisherigen Ansatz erfolgt die Messung dabei am stumpfen statt am spitzen Pol des Eis. Dabei wird ein etwa 1 cm großes Loch in die Eischale gefräst. Anschließend wird das Blutgefäß des Kükens mit Licht bestrahlt und die Reflektion gemessen. Diese ist je nach Geschlecht unterschiedlich. Dann wird das Ei wieder verschlossen. Die Eihaut bleibt beim Eingriff intakt, die Schlupfrate der Küken wird nur geringfügig beeinflusst. Wann das Gerät marktreif wird, ist offen.

Prototyp nächstes Jahr im Markt?

Der in Großenkneten vorgestellte Prototyp soll nach Schmidts Angaben bereits im kommenden Jahr in den Markt gehen. Einspanier hielt sich mit konkreten Angaben zur Praxisreife dagegen zurück. Mit dem neuen Prototypen kann die gesamte Beprobung vollautomatisch ablaufen. Derzeit läuft die Patentstellung. Deshalb wurden keine Details zum Verfahren bekannt gegeben.

Breloh geht davon aus, dass sich der Eierpreis für die Verbraucher durch den Test nur unwesentlich erhöhen werde. Bei angenommenen Kosten von 30 ct/Henne würde sich ein Betrag von 0,1 ct/Ei bei durchschnittlich 300 Eiern/Henne ergeben, rechnet er vor. Die nach dem Hormontest aussortierten Eier mit Hähnen würden zu Tierfutter verarbeitet.

Sobald die Technik in der Praxis Anwendung findet, will Schmidt die Lücke im Tierschutzgesetz schließen, wodurch das Töten der Eintagsküken derzeit möglich ist. „Ein vernünftiger Grund ist dann nicht mehr gegeben“, betonte er. 

Die Hähne, die aufgrund einer Falschbestimmung dann noch schlüpfen würden, müssten dann aufgezogen werden. Bei 90 Mio. Bruteiern im Jahr sind das immerhin 2,7 Mio. „Bruderhähne“ in Deutschland.

Artikel geschrieben von

Dr. Ludger Schulze Pals

Chefredakteur top agrar

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