Klimawandel

„So intensiv war der Druck schon lange nicht mehr“

Landwirtschaft bedeutet nicht nur Produktion, der Verbraucher gehört dazu. Für die vielen Herausforderungen fordert Prof. Ewert vom ZALF im Interview eine umfassende Agrarstrategie.

Die Landwirtschaft erlebt auch in Deutschland stark schwankende Erträge als Folge von Extremwetterereignissen wie Hitze, Dürre, Hagel und Überschwemmungen. Der Weltklimarat rät in seinem Sonderbericht "Klimawandel und Landsysteme" zu schnellen Veränderungen. Wie schnell sind diese überhaupt möglich?

Ewert: Die Herausforderungen, denen sich Landwirtinnen und Landwirte heute gegenübergestellt sehen, sind äußerst komplex und vielfältig. Der gesellschaftliche Handlungsdruck wird immer stärker. Dabei ist die Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten nicht untätig gewesen. So intensiv wie heute war der Druck aber schon lange nicht mehr. Die Gesellschaft möchte Lebensmittel zu günstigen Preisen. Gleichzeitig soll der ökologische Fußabdruck, gemeint sind negative Umwelt- und Klimawirkungen, etwa durch geringeren Verbrauch an Dünger- und Pflanzenschutzmitteln sowie geringere Treibhausgasemissionen reduziert werden. Wir wollen zudem wichtige Leistungen erhalten und ausbauen, die unsere Agrarlandschaften für die Gesellschaft bereitstellen: Hierzu gehören etwa die Bestäubungsleistung von Insekten, saubere Luft und sauberes Wasser, touristische Attraktivität, Erholungseffekte. Ohne die richtigen politischen und zivilgesellschaftlichen Rahmenbedingungen, ohne eine neue Form der Honorierung solcher gesellschaftlich wünschenswerten Leistungen können die Betriebe diese Herausforderungen aber nicht bewältigen. Wir werden nicht alle Ziele sofort erreichen können, wir müssen uns in einer gesellschaftlichen Diskussion darauf einigen, was wir in welcher Abfolge umsetzen wollen, und auf was wir gegebenenfalls zu verzichten bereit sind. Die Diskussion um weniger Fleischanteil in der Ernährung oder auch die Reduzierung von Nahrungsmittelabfällen und -verlusten, wie auch im aktuellen IPCC-Sonderbericht "Klimawandel und Landsysteme" gefordert, sind hier gute Beispiele. Zentral ist daher, dass wir als Forschung gemeinsam mit der Politik und Interessenverbänden an einer gemeinsamen Strategie arbeiten und eine sachliche Debatte führen, die auch die Verbraucherinnen und Verbraucher einschließt.

Es gibt schon viele Strategien, was muss noch passieren?

Ewert: Es gibt Einzelstrategien, aber es fehlt ein übergeordnetes strategisches Dach, das die Einzelaspekte integriert, Lösungen für Zielkonflikte aufzeigt und Synergien schafft. Ich spreche von einer gesamtgesellschaftlich geteilten Vorstellung davon, wohin wir mit der Landwirtschaft in Deutschland gehen wollen, was sie leisten kann und soll und was nicht. Derzeit wird eine Ackerbau- und eine Grünlandstrategie erarbeitet, das Klimakabinett der Bundesregierung arbeitet an Gesetzesvorlagen und einem Maßnahmenplan, es gibt Bestrebungen für eine Agenda zur Anpassung der Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei- und Aquakultur an den Klimawandel, wir haben eine Bioökonomiestrategie, die gerade überarbeitet wird, es gibt konzeptionelle Überlegungen zur räumlichen Entflechtung, es gibt eine Positionierung zur sogenannten "Grünen Architektur" im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU und es gibt eine Waldstrategie, die in Vorbereitung ist. Meine Frage an dieser Stelle ist, ob sich diese sehr sinnvollen Ansätze integrieren lassen und ob wir dabei noch einen Schritt weiter, bis hinein in den Ernährungsbereich gehen können. Denn die Hauptaufgabe der Landwirtschaft ist denke ich weiterhin klar: Sie muss eine wachsende Weltbevölkerung ernähren und ist kein Selbstzweck.

"Die Bundesregierung und die EU müssen in der Weiterentwicklung der Gemeinsamen Agrarpolitik jetzt reagieren."

Einzelstrategien sind also nutzlos?

Ewert: Nein, Einzelstrategien sind wertvoll, wenn sie konkretes Fachwissen in Teilbereichen bündeln. Letztendlich müssen diese Forderungen aber auch konkret umgesetzt werden können. Bei einem hochkomplexen Thema wie der Landwirtschaft braucht es hierzu ein strategisches Dach, unter dem diese Einzelstrategien zusammenlaufen, um Zielkonflikte aufzulösen und Synergien zu ermöglichen. Außerdem: Landwirtschaft macht nicht an Landesgrenzen halt. Zweifellos ist eine nationale Ackerbaustrategie wichtig. Den angemessenen Rückhalt gewinnt sie aber erst dann, wenn sie die europäische und überhaupt die internationale Perspektive aktiv mitdenkt. Das Klimakabinett der Bundesregierung, aber auch die Europäische Union müssen in der Weiterentwicklung einer gemeinsamen Agrarpolitik jetzt reagieren und stärker auf effektiven Klimaschutz und -anpassung in der Landwirtschaft bei gleichzeitiger Gewährleistung von Natur-, Tier- und Umweltschutz sowie Ernährungssicherheit abzielen.

Wo prallt die nationale und die internationale Perspektive besonders zusammen?

Ewert: Ein sehr greifbares Beispiel sind deutsche Produkte aus der Tierhaltung, etwa Milch und Fleisch. Diese produzieren wir hier vor Ort mit großem Ressourceneinsatz, zum Teil mit importierten Futtermitteln und dadurch auch mit einer hohen Umweltwirkung. Denken Sie nur an die laufende Diskussion um Nitratwerte. Die sind am Ende auch nur Folge einer intensiven, regional konzentrierten Tierhaltung. Deren Erzeugnisse exportieren wir zu großen Teilen auch nach China – und das ist ein gutes Geschäft. Dadurch geht es bestimmten ländlichen Regionen in Deutschland sehr gut, was ja zu begrüßen ist. In diesen Regionen haben wir aber als Folge der intensiven Tierhaltung hohe Stickstoffüberhänge und Nitratbelastungen. Und damit ist die Frage der intensiven Tierhaltung mit hoher Umweltwirkung und internationaler Verschiffung auch eine Frage regionaler ländlicher Entwicklung. Wir sprechen also bei dem komplexen Thema Landwirtschaft immer über Zielkonflikte. Solche Zielkonflikte im regionalen, nationalen, europäischen, wie auch internationalen Kontext zu identifizieren, das wäre ein zentrales Ziel einer Agrarstrategie.

„Ohne weitere Hilfestellung aus der Politik werden diese Ansprüche zu einer strukturellen Überforderung der Landwirte führen.“

Welche Rolle können dabei die Landwirtinnen und Landwirte spielen?

Ewert: Die Betriebe sehen sich heute einem ganzen Katalog an Anforderungen gegenüber, den sie unmöglich allein bedienen können. Um ein paar Beispiele zu nennen: Wir haben es seit drei Jahren mit einem zu feuchten und – darauf folgend – zwei zu trockenen Sommern mit extremen Wettersituationen zu tun, die die Böden zunehmend auszehren und in einigen Regionen zu erheblichen Ernte- und Einkommensverlusten führen. Der gesellschaftliche Anspruch nach mehr Natur-, Tier- und Umweltschutz, nach mehr Biodiversität und einigem mehr ist da noch gar nicht dabei. Ohne weitere Hilfestellung aus der Politik und ohne ein Umdenken in der Gesellschaft werden diese Ansprüche zu einer strukturellen Überforderung der Landwirtinnen und Landwirte führen – immer mehr werden das Handtuch werfen. Die gesellschaftliche Akzeptanz der Landwirtschaft ist hierbei ein sehr wichtiger Faktor.

Wie bekommt man die Verbraucherinnen und Verbraucher mit ins Boot?

Ewert: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Agrarproduktions- und Ernährungssystem. Mit der EAT-Lancet-Kommission hat ein internationales Gremium von 30 weltweit in ihren Bereichen führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gezeigt, wie die Kostform in Zukunft aussehen sollte, um überhaupt nachhaltig produzieren zu können. Der aktuelle IPCC-Sonderbericht "Klimawandel und Landsysteme" unterstützt diese Empfehlungen und beschreibt, dass es Klimaschutz in der Landwirtschaft ohne Veränderung in den Ernährungsgewohnheiten nicht geben kann. Landwirtschaft kann man nicht nur von der Produktion denken, die Verbraucherseite ist eine wichtige Seite der gleichen Medaille und diese Verbindung muss sich auch in einer übergeordneten Strategie niederschlagen.

„Wichtig ist, dass wir nicht mit dem Finger auf "die" Landwirtschaft zeigen, sondern Zukunft gemeinsam und im sachlichen Dialog gestalten.“

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Ewert: Wenn wir auf die zu trockenen Böden schauen, dann müssen wir darüber nachdenken, ob wir andere Fruchtarten anbauen, neue Wertschöpfungsketten entwickeln und neue Märkte und auch neue Geschäftsmodelle für die Landwirtschaft erschließen – Hirse und Hülsenfrüchte sind hier gute Beispiele. Dafür muss dann aber auch ein Markt, das heißt, eine Nachfrage bei den Konsumentinnen und Konsumenten vorhanden sein. Nicht zu vergessen, dass die Wirtschaft die entsprechenden Verarbeitungsketten aufbauen muss, um die Erträge vom Feld auf den Tisch der Verbraucher zu bringen. Warum sollten Landwirtinnen und Landwirte mit ihrem umfassenden Wissen in neuen Geschäftsmodellen zukünftig nicht auch intensiver dafür honoriert werden, dass sie von der Gesellschaft gewünschte Ökosystemleistungen bereitstellen und Biodiversität sichern? Wichtig ist auch, dass wir nicht mit dem Finger auf "die" Landwirtschaft zeigen, sondern Zukunft gemeinsam und im sachlichen Dialog gestalten.

Wie könnte der Weg hin zu neuen Agrarsystemen aussehen?

Ewert: Die Einführung und besonders die Umsetzung dieser neuen Agrarsysteme und Geschäftsmodelle werden nicht einfach. Hierzu zählt auch die Veränderung und Neugestaltung ganzer Agrarlandschaften. Eine Agrarstrategie muss daher auch diese Transformationsprozesse, den konkreten Weg hin zu einer Landwirtschaft der Zukunft, in realistischen Einzeletappen beschreiben. Die Digitalisierung und neue, sich entwickelnde Technologien wie Robotik, Sensorik und Big Data sind wichtige Bausteine dieses Transformationsprozesses und der künftigen Agrarsysteme.

Dieses Interview erschien zuerst auf der Webseite des Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF). Gastinterviews geben nicht in allen Fällen die Meinung der Redaktion wieder. Wir veröffentlichen Sie, wenn wir den Inhalt für diskussionswürdig halten.

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Artikel geschrieben von

Stefanie Awater-Esper

Korrespondentin Berlin

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von Josef Doll

Alles was aus dem Ausland kommt

Ist anscheinend für die NGOs gut . Den "Verbraucher " und die Politik stört sich anscheinend nur die Deutsche Produktion. Diese ist anscheinend von Hause aus schlecht weil, weil , weil sie bei uns Produziert wird und das UNSERE Resursen allso alleine wegen der Produktion hier nach NGOs die Umwelt zerstört. Die Wirtschaft an sich kann man nur in Teilaspekten angreifen wenn es ins Allgemeine geht. Nur bei der Landwirtschaft ist es anders. Fische zum Beispiel kosten das KG schon eher 25€ das kg und das schlimmste Sie fressen ausnahmslos andern Fisch oder Fleischmehl (für mich Fleisch). Fische die mit Pflanzlicher Produktion erzeugt werden sind nicht dabei. Für mich sollte da die Frage an den Informationsdienst im Bundestag lauten ( den nutzen Linke und Grüne um Ihre Sicht der dinge zu untermauern besonders gerne): Wieviel bekommen die NGOs wie Nabu, WWF, Greenpeace pro kg Fisch durch die Zertifizierung in IHREN Spenden oder Einnahmenhaushalt ???

von Gerhard Steffek

Wär alles kein Problem -

wenn nicht so viele Besserwisser am Werk wären, die meinen Lautstark ihre unwissende Meinung zu diesem Thema unters ebenso unwissende Volk streuen zu müßen. Ideologien waren noch nie zielführend, daß Einzige was Regulierend wirkt ist der Markt. Dieser muß von der Politik entsprechend gesteuert werden, jede andere Methode findet immer wieder irgendwelche Schlupflöcher. Allerdings sollte auch entsprechend realistisch und ehrlich reagiert werden. Wie gesagt, Ideologien waren noch nie zielführend. Besonders im Bereich Landwirtschaft führten diese letztendlich nur zu Hungersnöten und zu Mord und Totschlag.

von Diedrich Stroman

Warum beleuchtet der Herr Professor

Nicht den ganzen globalen Wettbewerb unter dem wir Landwirte wirtschaften müssen, ohne Schutz der Deutschen oder gar europäischen Politik? Gerade wo Deutschland der zweit größte Importeur von Nahrungsmitteln auf der Welt ist??Da sitzt man in seinen Glashäusern und gibt Ratschläge die mit Praktikablen Lösungen nicht's zu tun haben! Wahrscheinlich noch nicht mal Landwirtschaft gerochen hat!!Was wir an Futtermitteln einführen, an Menge, sei es Soja oder Mais ist an Menge doch lachhaft von dem was alleine die Chinesen schon aufkaufen! Und bei Soja ist es nur der Rest der Bohne!!!

von Richard Huber

Warum beleuchtet der Herr Professor

nicht die Importstrategie von Fleisch aus Mercosur und Nordamerika? Solange dort andere Produktionsbedinungen herrschen als in Europa bleiben alle Vorgaben im Inland Makulatur.

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