Kommentar

Vermarktung endet nicht an der Stalltür

Die Bauern müssen die Preisvorgaben des Handels in der Regel akzeptieren. Das Problem: Die Produkte sind austauschbar und der Erzeuger ist damit erpressbar. Das nutzen viele Abnehmer schamlos aus.

Ein Kommentar von Marcus Arden, top agrar Redaktion:

Wenn Bauern Milch, Rinder, Schweine, Getreide bzw. Obst oder Gemüse verkaufen, bestimmt fast immer der Abnehmer den Preis und fast alle Regeln. Wann der Bauer z.B. sein Geld bekommt, sagt ihm der Käufer. Das ist seit Jahrzehnten so. Vielen Landwirten stinkt das gewaltig. Mitspracherecht? Fehlanzeige!

Oft bleibt den Erzeugern nichts anderes übrig, als die Bedingungen zu akzeptieren – selbst wenn sich das betriebswirtschaftlich nicht rechnet. Die Schweinehalter können ein Lied davon singen, die Rinderhalter ebenso. Denn besonders in der Nutztierhaltung baut sich der Preisdruck rasend schnell auf, weil sich die Produktion nun mal nicht von jetzt auf gleich anpassen lässt. Die nächste Melkzeit kommt bestimmt.

Die Branche kämpft seit Jahren mit den zwei gleichen Grundproblemen: Jeder denkt zuerst an sich. Und die Produkte sind austauschbar und der Bauer ist damit erpressbar. Das nutzen viele Abnehmer schamlos aus. Verwunderlich ist das nicht, denn die Erzeuger sind den Handelsriesen oft schutzlos ausgeliefert.

Dass es auch anders geht und man mit seinen Abnehmern auf Augenhöhe Rahmenbedingungen festlegen und Preise aushandeln kann, zeigen die Gewinner des Siegel-Preises „Faire Partner – Bauern, Hersteller, Händler“. top agrar und die Fachzeitschrift Lebensmittel Praxis haben den Preis ins Leben gerufen.

Alle drei Preisträger vereint eines: Die Bauern sitzen mit am Verhandlungstisch. Dass sie dort sitzen, ist kein Zufall. Die Landwirte denken über die gesamte Kette hinweg mit. Sie verteidigen ihre eigenen Vorstellungen, haben aber immer auch die Interessen bzw. Probleme ihrer Geschäftspartner im Blick. Das ist wichtig! Wer mit dem Denken an der eigenen Stalltür aufhört, braucht gar nicht erst im Team antreten und gemeinsame Vermarktungskonzepte entwickeln.

Gleiches gilt für den Handel. Mit Lebensmitteleinzelhändlern, denen nur der Blick in die eigene Ladenkasse wichtig ist und denen die Lieferanten – weil sie ja austauschbar sind – egal sind, kann man kein faires Geschäft aufbauen.

Doch die Zeiten ändern sich. Anfang Mai hat der Bundestag das Gesetz gegen unfaire Handelspraktiken auf den Weg gebracht. Zudem denken immer mehr Händler um. Viele holen die Bauern mit an den Verhandlungstisch. Denn wer im Supermarkt verstärkt auf die Karte Regionalität und/oder Tierwohl setzt, braucht nicht nur zuverlässige Lieferanten vor Ort. Als Händler braucht man auch eine Geschichte zum Produkt. Und die liefern die Landwirte mit ihrem Einsatz auf den Höfen. Diese Chance gilt es zu nutzen! Wer über die Stalltüre hinaus denkt und auf seinen Händler vor Ort zugeht, kann gemeinsam regionale Wertschöpfungsketten aufbauen.

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