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Von der Hilfskraft zur modernen Bäuerin

Das Bild der Bäuerin hat sich stetig gewandelt: Von Haushälterinnen entwickelten sich Frauen am Land zu starken Betriebsführerinnen. Was zeichnet sie heute aus? Welche Probleme müssen sie stemmen?

Lesezeit: 6 Minuten

Frauen, die PS-starke Traktoren len­­ken, mit der Motorsäge im Wald arbeiten und mit Leidenschaft die Betriebe führen. Dies ist für viele Alltag und zeigt, wie modern und engagiert die Frauen am Land heute den Beruf Bäuerin leben.

Bäuerinnen hatten viel Arbeit, wenig Freizeit

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Vor über 50 Jahren sah dies noch ganz anders aus. Damals mussten die Frauen in der Landwirtschaft körperlich anstrengende Hand- und Hilfsarbeiten verrichten, hatten keine soziale Absicherung und wenig Möglichkeiten, sich weiterzubilden. Freizeit kannten sie so gut wie nicht.

Gleichzeitig war das Bild der Bäuerin eher abschätzig. Die nicht bäuerliche Gesellschaft nahm diese als ältere Frau mit Kopftuch, Kittelschürze und Gummistiefeln wahr, die viele Kinder hatte und sich vor allem um den Haushalt kümmerte.

Die Situation der Frauen änderte sich erst mit dem verbesserten Zugang zur Bildung und der Auflockerung des Patriarchats. Nachdem viele Betriebe auf Nebenerwerb umstellten, übernahmen immer mehr Frauen die Betriebsführung. Die Männer ergriffen einen Beruf. Da die Bäuerinnen für die Arbeit mit den Maschinen einen Führerschein brauchten, erlangten sie dadurch zudem mehr Mobilität und Freiräume.

Ziel der Arge Bäuerinnen: Absicherung für die Bäuerin

Um die Gleichstellung der Frauen schließlich voranzutreiben, wurde 1972 die bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Bäuerinnen gegründet. Helga Wieser, die erste Bundesbäuerin Österreichs erinnert sich zurück: „Dass die Bäuerinnen von den Männern finanziell abhängig waren, ist mir gegen den Strich gegangen. Mir war es ein Anliegen, dass die Bäuerinnen sozial abgesichert sind und ihr Image verbessert wird.“

Es dauerte einige Jahre und auch ihre Nachfolgerinnen, um für die Bäuerinnen mehr Unabhängigkeit zu erreichen: Im Jahr 1982 wurde der gesetzliche Mutterschutz für Bäuerinnen eingeführt und 1992 die Bäuerinnenpension zur bereits 1989 etablierten geteilten Pensionsauszahlung. Das Karenzgeld für Bäuerinnen, die pensionsbegründen­­de Anrechnung von Kindererziehungszeiten, Pflegegeld und das Kinderbetreuungsgeld für alle Mütter kamen ebenfalls Anfang der 90er-Jahre.

Weitere Hilfestellung für die Bäuerinnen über die Jahre

Heute ist die soziale Absicherung der Bäuerinnen immer noch ein Thema. Denn viele stehen vor der Herausforderung ihre Sozialversicherungsbeitragsjahre vollzubekommen und mit kleinen Pensionen hauszuhalten. Einige Bäuerinnen müssen zudem durch das An­heben des Pensionsantrittsalters auf 65 Jahre überlegen, wie sie sich bei gleichzeitiger Hofübergabe an die Jungen weiter absichern können (siehe dazu "Bäuerinnen, sichert Euch frühzeitig ab in Ausgabe 3/2022).

„Die Basis passt, doch es gibt immer noch Punkte, die wir verbessern können“, erklärt die aktuelle Bundesbäuerin Irene Neumann-Hartberger. Sie spricht neben der Pension auch die Kinderbetreuung und Pflege an. Denn nicht alle Frauen können die Betreuung am Hof leisten. „Hier braucht es mehr Hilfestellung für die Frauen und finanzielle Unterstützung“, betont sie.

Um genau solche Anliegen der Bäuerinnen auch politisch umsetzen zu können, müssen sich die Frauen selbst in den Standesvertretungen einbringen. Die Zurückhaltung ist in diesem Bereich aber noch groß. Die Bäuerinnenvertretung versucht daher schon seit vielen Jahren, mehr Frauen für politische Funktionen zu gewinnen. Ziel ist ein Frauenanteil von mindestens 30 % in landwirtschaftlichen Gremien.

Bildung ist das A und O

Ein Fokus liegt dabei auf der Weiter­bildung. Seit über zehn Jahren bietet das Ländliche Fortbildungsinstitut (LFI) den Funktionärinnen-Lehrgang „ZAMm unterwegs“ an. Zahlreiche Frauen erlernten dabei bereits neue Fähigkeiten für die Mitarbeit in Verbänden, Vereinen und Gremien im ländlichen Raum.

Auch Carina Laschober-Luif aus Pinkafeld hat den Lehrgang abgeschlossen und stark profitiert. Seit 2020 ist sie im burgenländischen Landtag vertreten und setzt sich für die Interessen der Bauern ein (siehe top agrar Österreich-Ausgabe 3/2022).

Durch viele unterschiedliche Weiterbildungsmöglichkeiten holen sich die Bäuerinnen seit Jahren das Know-how auf die Betriebe. Eine große Herausforderung brachte jetzt die Corona-Pandemie. „Die Bäuerinnen mussten sich auf digitale Bildungsangebote umstellen. Ältere Bäuerinnen hatten anfangs ihre Schwierigkeiten“, bemerkt Neumann-Hartberger. Sie konnten sich aber gut auf die neuen Gegebenheiten einstellen.

Die Coronajahre zeigten außerdem, wie wichtig ein guter Internetanschluss ist. Daher setzt sich die Arge Bäuerinnen für den Breitbandausbau am Land ein. „Denn nur durch eine optimale Infrastruktur können die Familien ihre Betriebe weiterentwickeln“, erklärt die Bundesbäuerin.

Frische Ideen bringen auch viele zugeheiratete Frauen, die nicht aus der Landwirtschaft stammen. Diese machen heute rund ein Drittel der Bäuerinnen aus (1986 waren es nur 10 %).

Veronika Engelhardt aus Ramsau am Dachstein ist eine davon. Die gebürtige Wienerin hat während des Agrarstudiums die Leidenschaft zum Käsen entdeckt. Heute führt die 32-Jährige zusammen mit ihrem Mann Andreas einen Bio-Milchviehbetrieb und betreibt erfolgreich eine eigene Hofkäserei samt Direktvermarktung und Urlaub am Bauernhof (siehe top agrar Österreich-Ausgabe 3/2022).

Ihr ist wichtig, genug Zeit für sich und die Familie zu haben. Diese moderne Auffassung der Freizeitgestaltung zeigt, dass die Bäuerinnen von heute zwar oft wie ihre Großmütter von früh bis spät arbeiten, sich aber auch freie Tage und Urlaub gönnen wollen.

Konflikte belasten die Frauen

Unterschiedliche Anschauungen können aber auch immer wieder zu Konflikten in den Bauernfamilien führen. Die Arge Bäuerinnen unterstützt dabei die Familien seit 15 Jahren mit Lebensqualität am Bauernhof und dem Bäuerlichen Sorgentelefon. „Für uns ist es wichtig, Tabuthemen wie Generationskonflikte, Sucht, Bevormundung oder häusliche Gewalt zu thematisieren. Wir wollen frühzeitig Situationen entschärfen und vor allem die Frauen unterstützen“, erklärt Neumann-Hartberger.

Die Bäuerin als Expertin

Insgesamt hat sich das Image der Bäuerin in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Dabei geht es nicht nur um die Rollenverteilung am Hof oder das Erscheinungsbild der Frauen. „Mich freut es sehr, wie sich die Bäuerinnen entwickelt haben. Denn heute sind es die Frauen vom Land, die die Initiative ergreifen und den Leuten erklären, wie es geht“, so die 81-jährige Helga Wieser.

In Kochkursen und Schulworkshops geben zum Beispiel Seminarbäuerinnen seit über 25 Jahren ihr Wissen weiter. Viele Konsumenten verbinden die Bäuerin somit als Expertin für Lebensmittel und Ernährung. „Uns ist besonders wichtig, dass bereits Kinder über die Herkunft bäuerlicher Lebensmittel Bescheid wissen. Hier gibt es leider viele Defizite in der Gesellschaft“, erklärt Neumann-Hartberger. Landwirtschaftliche Lehrinhalte sollen daher verstärkt in den Schulen vermittelt werden.

Das soll auch wiederum das Verständnis der Gesellschaft für die Landwirtschaft stärken. Denn mit der Wertschätzung steigt auch das Selbstvertrauen der Bäuerinnen, ihre Ideen umzusetzen und auch künftig den ländlichen Raum mitzugestalten.

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