Kommentar

Milchmarkt: Wahnsinn - ohne Ende?

Die Produktmärkte für Milch explodieren. Gleichzeitig auch die Anforderungen des Handels. Die Situation auf den Höfen etlicher Milcherzeuger ist übel. Ist ein Ausweg in Sicht?

Ein Kommentar von Patrick Liste, Chefredakteur des Wochenblatts für Landwirtschaft und Landleben:

Schwuppdiwupp ist die Situation der Milchbauern wie in der Schweinehaltung: Zaudernde Politik, abhängige Verarbeiter, skrupelloser Lebensmittelhandel – und die Zeche für diese gefährliche Mischung zahlen die Bauern.

Zwar gehen die Märkte für Milch gerade durch die Decke – Standardmilchpulver und -butter erlöst 52 Cent/kg Milch. Doch Aldi und Co haben die Preise für Konsummilch nur um 3 Cent pro Liter erhöht. Das haben sie schon im Herbst mit den Molkereien verhandelt – weil der Handel es so bestimmt hat. Da waren die Märkte nicht wie jetzt. Trotzdem spielt für DMK-Chef Ingo Müller der Verhandlungszeitpunkt keine große Rolle, sagte er im Dezember im Wochenblatt. Seltsam.

Milchpreis-Schere klafft auseinander

Klar ist jetzt: Die Milchpreis-Schere geht ausein­ander. Im Keller bleiben Molkereien, die viel an den Handel liefern und keine Alternative haben. Bei uns besonders betroffen sind Hochwald und Arla. Während der Handel mit Zustimmung des Kartellamts weitere Bündnisse bildet, fehlt den Verarbeitern eine gemeinsame Gegenstrategie. Vielmehr haben sich nach Wochenblatt-Information wieder Molkereien unterboten. Für einige soll es eine Nullrunde gewesen sein – bei explodierenden Kosten für Molkereien und Erzeuger.

Zeitgleich schraubt der Handel die Auflagen nach oben. Mehrere Unternehmen sortieren nun Milch wie Fleisch in die vierstufige Haltungsform. Mit Handelsmarken-Trinkmilch geht’s los. Haltungsform 1 (gesetzlicher Standard) dürfte kurzfristig aus dem Regal fliegen. Perspektivisch soll es nur noch Stufe 3 (Außenklima) und 4 (Premium) geben. Erzeuger erhalten für Stufe 2 einen Zuschlag von 1,2 Cent/kg – zumindest in der Theorie, die Praxis muss das noch zeigen.

Klar wird erstens: Was die Politik nicht anpackt, regelt der Handel. Beispiel Anbindehaltung: Jahre­lang hat sich die Politik gesträubt, ein verträgliches Ausstiegsszenario zu erarbeiten – auch, weil süddeutsche Landesbauernverbände das nicht wollten. Jetzt ist das Ende eingeläutet, denn zweitens: Der Handel startet mit Trinkmilch, rollt die höheren Standards auf weitere Produkte aus bis sie für die gesamte deutsche Milchproduktion gelten – wie bei der GVO-freien Milch. Somit auch für Milch, die in Industrie und Export geht – wo es aber keinen Zuschlag gibt.

Kein einfacher Lösungsweg

Wie geht es raus aus dem Dilemma? Alle bisherigen Versuche haben noch nicht gezündet: Weil sich die Milch-Organisationen zerstritten haben, gibt es gleich zwei Sektorstrategien. Handfeste Erfolge kann keine vorweisen. Genauso wenig wie die gemeinsamen Gesprächsrunden: Der Agrar­dialog ist geplatzt, die Zentrale Koordination Handel-Landwirtschaft startet erst und QM-Milch sowie Initiative Tierwohl stottern. Leicht wird’s also nicht.

Trotzdem scheinen diese Elemente die einzige Lösung zu sein: Ein klarer Kurs und verbindliche Absprachen in der Milchkette. Unterstützung könnte vom neuen Bundesagrarminister Cem Özdemir kommen. Er will mehr Geld auf die Höfe und mehr Fairness in die Wertschöpfungskette bringen. Kann er den gordischen Knoten aus zaudernder Politik, abhängigen Verarbeitern und skrupellosem Handel durchschlagen? Man darf gespannt sein.