Interview

AGCO: Ersatzteilversorgung hat absoluten Vorrang

Viele Unternehmen haben in der Corona-Krise ihre Produktion heruntergefahren. Was das für die Mitarbeiter, die Produktion und den Service bedeutet, haben wir mit Torsten Dehner diskutiert.

Torsten Dehner ist der Europa-Chef von Agco. Er verantwortet unter anderem die Marken Fendt, MF, Valtra und GSI. Im Bereich EME (Europa und Mittlerer Osten) beschäftigt Agco rund 12.000 Mitarbeiter an 20 Standorten (Produktion und Ersatzteil-Zentrallager). Der Umsatz betrug hier im Jahr 2019 rund 5,3 Mrd. US $.

Torsten Dehner ist Ingenieur und seit 2010 im Unternehmen. Er verantwortet die aktuelle Position seit Januar 2020. Vorher war er u.a. als Vice President zuständig für das globale Ersatzteilwesen und den Technischen Kundendienst in EME.

Herr Dehner, wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?

Wir haben eine Krise von globalem Ausmaß. Alle Länder, alle Branchen sind mehr oder weniger gleichzeitig betroffen. Wir müssen Wege finden, die Gesundheit der Menschen zu schützen – und die Wirtschaft sichern.

Gleichzeitig wird jetzt aber auch klar, wie wichtig die Landwirtschaft für die Versorgung ist. Sie ist systemkritisch, und ihr Ansehen bei den Bürgern steigt endlich wieder. Die Landtechnik-Industrie ist gefordert, ihren Beitrag zu leisten, dass die Landwirtschaft läuft. Denn sie sichert die Ernährung.

Wie sieht die aktuelle Situation in Ihrer Produktion aus?

Derzeit steht die Produktion in Beauvais (MF), Marktoberdorf (Fendt), Suolahti (Valtra) und in Breganze (Mähdrescher). Das liegt zum einen daran, dass schlicht Teile aus unserem internationalen Netz von Zulieferern fehlen. Auf der anderen Seite wollen wir natürlich unsere Mitarbeiter schützen.

Konkreter sieht es bei der Marke Fendt so aus: Seit dem 25. März stehen die Bänder an den Standorten Marktoberdorf und Asbach-Bäumenhein. In Waldstetten (Ladewagen) und Hohenmölsen (Häcksler, Spritzen) stoppen wir sie ab der 15. Kalenderwoche. In Feucht (Futterernte) und Wolfenbüttel (Pressen) ist die Teileversorgung noch gesichert. Hier arbeiten die Mitarbeiter unter hohen Sicherheitsstandards zunächst weiter.

Mundschutz ist jetzt Pflicht

Mundschutz ist jetzt Pflicht (Bildquelle: Pressebild)

Wie wirkt sich der Stillstand der Bänder auf die Ersatzteilversorgung aus?

Das ist uns ganz wichtig: Service und vor allem die Ersatzteilversorgung laufen weiter! Und zwar 24/7, in mehreren Schichten. Das hat bei uns höchste Priorität. Die Teileversorgung ist gesichert. Wir haben mehrere Zentrallager, die miteinander vernetzt sind. Außerdem verfügen unsere Vertriebspartner über eigene Bestände.

Die Mitarbeiter in diesen Bereichen machen einen tollen Job. Auch das sind die Helden dieser Krise. Dafür sind wir ihnen sehr dankbar.

Wir statten sie nach den notwendigen Sicherheits- bzw. Gesundheitsstandards aus. Dabei hilft uns heute, dass unsere Werke in China und Italien schon früher betroffen waren. Bewährte Maßnahmen von dort haben wir weltweit auf unsere Prozesse übertragen.

Ersatzteilversand bei AGCO Parts

Ersatzteilversand bei AGCO Parts (Bildquelle: Pressebild)

Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?

Wir haben Krisenstäbe eingerichtet und sind ständig in engem Kontakt mit unseren Zulieferern, den Produktionsstandorten und den Vertriebspartnern. Wo immer es möglich ist, vermeiden wir direkt Kontakte und nutzen digitale Wege zur Kommunikation – oft mehrere Kanäle parallel. Da entwickeln sich gerade rasant neue Arbeitsweisen. Wir glauben, dass eine intensive, partnerschaftliche Kommunikation aller Beteiligten extrem wichtig ist.

Wir haben die Servicekräfte im Technischen Kundendienst verstärkt, sie stehen den Vertriebspartnern per Telefon und Videokonferenz zur Seite. Für den April haben wir für die Werkstätten freien Zugang zu Online-Trainings eingerichtet. Hier bieten wir schon ca. 100 Kurse an und bauen das Angebot unter Hochdruck aus.

Auch der Handel stellt sich auf die Situation ein. Die Teams arbeiten in getrennten Schichten, die sich nicht begegnen. Die Kunden übergeben die Maschinen auf Distanz – betreten die Werkstätten also nicht.

Lager von AGCO Parts

Lager von AGCO Parts (Bildquelle: Pressebild)

Eine Ursache für die stehenden Bänder sind ja fehlende Teile. Hat die Industrie das System „Just-in-Time“ überreizt?

Ich glaube nicht. Just-in-Time oder Just-in-Sequence sind ja nicht die Ursache der Krise. Diese Krise ist besonders, sie trifft alle Branchen und alle gleichzeitig.

Wenn man sich bei der Variantenvielfalt der modernen Landmaschinen alle Teile auf Vorrat aufs Lager legen würde, führte das zu einem enormen Kapital- und Platzbedarf, und zu höheren Preisen der Maschinen.

Auch bei der Fertigungstiefe gibt es Grenzen. Moderne Schlepper bspw. haben tausende Sachnummern. Durch den hohen Entwicklungsgrad gibt es sehr spezielle Teile und nur sehr wenige Lieferanten dafür.

Welche Lehren ziehen Sie persönlich aus der aktuellen Krise?

Es ist noch zu früh, um Bilanz zu ziehen. Man kann schwer abschätzen, was noch kommt. Wir glauben aber, dass vor allem in Krisenzeiten der faire Umgang aller Partner miteinander besonders wichtig ist. Angefangen von den Mitarbeitern und Arbeitnehmervertretern, über die Zulieferer, den Vertriebspartnern bis zu den Kunden. Wir brauchen einen engen Schulterschluss und müssen flexibel reagieren: Wir müssen die Maschinen unserer Kunden einsatzbereit halten. Wir müssen gemeinsam Lösungen entwicklen, die unsere Vertriebspartner unterstützen. Wir müssen mit den Zulieferern Wege finden, die Produktion schnellstmöglich sicher wieder hochfahren zu können Und wir dürfen nicht aufhören, eng miteinander zu kommunizieren. So eine Krise schweißt uns auch zusammen.

Lager von AGCO Parts

Lager von AGCO Parts (Bildquelle: Pressebild)

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Da viele wichtige Zulieferbetriebe in Europa, aber auch weltweit nicht mehr arbeiten, fahren auch die Traktorenhersteller zwangläufig nach und nach die Produktion runter. profi hat nachgefragt...


Diskussionen zum Artikel

von Andreas Punzmann

"Service und vor allem die Ersatzteilversorgung laufen weiter"

"Das hat bei uns höchste Priorität" Sorry, aber ich warte seit einer Woche auf Ersatzteile........mit Priorität hat das nicht´s mehr zu tun! Ich versteh die aktuelle Situation, aber so tun als ob es keine Probleme gäbe......naja. Das ist schönreden und Eigenlob stinkt

von Erwin Schmidbauer

Reine Abwehrhaltung

Just in time ist für die Unternehmen gut, weil es Kosten sparen kann, aber in dieser Krise, wenn Lieferanten reihenweise wegbrechen können und Lieferwege sehr unsicher werden, kommt es an seine Grenzen. Es ist lächerlich, zu behaupten wegen der vielen Sachnummern sei eine Lagerhaltung ... mehr anzeigen

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