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„Die Kraftwerksstrategie entscheidet über die Zukunft unserer Biogasanlagen“

Landwirt Heiko Lehn investiert laufend in sein Speicherkraftwerk. Im top agrar-Interview erklärt er, warum die flexible Fahrweise nötig ist und wo die Politik dringend Bremsen lösen müsste.

Lesezeit: 6 Minuten

Hintergrund: Heiko Lehn aus Tiddische (Landkreis Gifhorn, Niedersachsen) hat im Jahr 2006 die HL Gas GmbH & Co. KG gegründet und eine Biogasanlage mit 530 kW in Betrieb genommen. Am Tag des offenen Hofes am 9. Juni gewährt Lehn einen Einblick in die Biogasproduktion. Inzwischen ist die Anlage flexibilisiert. Im top agrar-Interview verdeutlicht der Betriebsleiter seine Strategie, die Visionen für die Zukunft und die Wünsche an die Politik.

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Lehn: Unsere Anlage ist 2006 mit 530 kW in Betrieb gegangen und wurde 2009 um 250 kW erweitert. Die Bemessungsleistung liegt bei 741 kW. Im Jahr 2017 haben wir ein BHKW mit 1948 kW sowie einen großen Gasspeicher ergänzt. Damit ist unsere Anlage jetzt knapp 3,7-fach überbaut. Seit Anfang 2017 arbeiten wir mit dem Direktvermarkter Next Kraftwerke zusammen und produzieren flexibel Strom.

Wie läuft die flexible Fahrweise ab?

Lehn: Die Anlage ist in die Intraday-Vermarktung eingebunden. Damit deckt der Vermarkter den kurzfristigen Strombedarf an der Börse. Hierzu steuert er das BHKW in Abhängigkeit vom Füllstand von Gas- und Wärmepufferspeicher. Die flexible Fahrweise funktioniert gut und bringt Entlastung im Betrieb: Mit dem größeren BHKW können wir fehlende Strommengen nachholen, um die jährliche Höchstbemessungsleistung voll auszuschöpfen. Und wenn wir einmal bei einer BHKW-Störung zu viel Gas haben, muss es nicht gleich abgefackelt werden, sondern lässt sich speichern.

Welche Speicherkapazität hat Ihre Anlage?

Lehn: Zurzeit können wir Gas und Wärme jeweils für etwas mehr als einen Tag speichern. Ich strebe aber mindestens eine Verdoppelung des Speichervermögens an. Zusätzlich soll dann die produzierte Strommenge im Winter doppelt so groß sein wie im Sommer. Das wollen wir schaffen mit dem verstärkten Einsatz von Mist und schwer abbaubaren Stoffen im Sommer und dem schwerpunktmäßigen Einsatz von Mais und Zuckerrüben im Winter. Alternativ denken wir über eine Gasaufbereitung nach, um im Winter das eingespeiste Gas zur Stromproduktion wieder zu nutzen. Dabei könnten wir das Gasnetz zusätzlich als Speicher verwenden. Hierfür wäre aber eine rechtliche Anpassung beim Anschluss ans Strom- und Gasnetz nötig. Denn Biogas ist aktuell nicht privilegiert und wird mit Photovoltaik und Windenergie gleichgestellt. Dadurch werden die Stromnetze künstlich verengt. Zudem ist das Ein- und Ausspeisen von Biomethan aktuell zu teuer.

Viele Betreiber scheuen die flexible Fahrweise, wenn sie ein Wärmekonzept haben. Denn der Wärmebedarf ist ja unabhängig vom Strompreis. Wie gehen Sie damit um?

Lehn: Wir nutzen nahezu die gesamte Wärme. Seit 2011 gibt es ein Nahwärmenetz, an das sechs Wohnhäuser, eine Werkstatt sowie eine Getreidetrocknung angeschlossen sind. Zudem betreiben wir eine Gärresttrocknung. Jetzt wollen wir das Nahwärmenetz sogar erweitern und rund 300 Häuser in den Ortsteilen Hoitlingen und Tiddische anschließen. Die Gemeinde ist Mehrheitseigner über ein Gemeindewerk. Zusätzlich sollen zwei Hackschnitzelanlagen jeweils in den Ortsteilen zur Ergänzung und Absicherung der Biogasanlage installiert werden. Mit großen Pufferspeichern können wir die Wärmeversorgung unabhängig von der BHKW-Laufzeit aufrechterhalten. Kurzum: Eine flexible Fahrweise ist auch mit Wärmenutzung möglich.

In der Politik hat Bioenergie ja seit Jahren keinen besonders guten Stand. Warum ist Biogas aus Ihrer Sicht dennoch eine Lösung?

Lehn: Ich sehe Biogasanlagen künftig als Energiedrehscheibe an, vor allem zur Sektorkopplung, also zur Kombination von Windenergie, Photovoltaik und Wasserstoff, um verschiedene Produkte für den Wärme-, Strom- und Verkehrssektor herzustellen. Überschussstrom aus Wind- und Solarparks kann beispielsweise mithilfe eines Elektrolyseurs in Wasserstoff umgewandelt werden. Diesen können wir mit der biologischen Methanisierung nutzen, um den Methangehalt im Rohbiogas auf über 90 % zu erhöhen. Die zusätzliche Gasmenge lässt sich einfach ins Gasnetz einspeisen. Mit diesem Vorgehen können wir sämtliche Energie nutzen, ohne Wind- und Solarparks bei schwacher Stromabnahme abschalten zu müssen. Die Leistung aller Biogasanlagen in Deutschland könnte bei acht- bis zehnfacher Überbauung und jährlich nur noch 1000 bis 1500 Betriebsstunden auf 30 bis 35 GW erhöht werden ohne Leistungserhöhung. Mit dem Einsatz von mehr Reststoffen, die bisher noch ungenutzt sind, könnte die Leistung sogar auf 50 bis 60 GW steigen.

Die Bundesregierung will aber ja anstelle von regenerativen Biogasanlagen lieber fossile Erdgaskraftwerke bauen, die künftig auch mit Wasserstoff betrieben werden.  

Lehn: Ja, das ist das Unverständliche. Mit dem bestehenden Biogasanlagenpark könnten wir eine große Menge dieser neuen Gaskraftwerke vermeiden und viel fossile Energie sparen. Denn der Wasserstofftransport per Schiff aus Übersee kostet viel Energie. Außerdem ist der Wasserstoff noch lange nicht grün, sondern wird meist aus der Spaltung von Erdgas hergestellt. Hier hätten wir mit Biogas eine klimafreundlichere Alternative. Und die vier geplanten Großkraftwerke mit je 2,5 GW Leistung könnten auch die riesige Abwärmemenge nicht effizient nutzen. Da sind unsere dezentralen Anlagen vor Ort zur Versorgung von Nahwärmenetzen wesentlich besser geeignet. Das spart zusätzlich Ausbaukosten im Stromnetz. 

Aktuell denken einige Betreiber auch über einen Umstieg auf die Biomethanproduktion mit Gaseinspeisung nach. Wie bewerten Sie das?

Lehn: Die Biogasproduktion muss flexibler werden. Denn die Zeiten mit Stromüberschüssen im Netz und negativen Strompreisen an der Börse nehmen heute schon massiv zu. Daher wird eine unflexible Anlage künftig nicht mehr wirtschaftlich sein. Dazu kommt, dass wegen der Vielzahl an Anlagen, die jetzt aus dem EEG herauskommen und in die Ausschreibung gehen, die Vergütung massiv sinken wird. Das bedeutet, dass neben der EEG-Vergütung weitere Erlöse dringend nötig sind. Die Flexibilisierung bietet eine gute Möglichkeit dazu. Es gibt aber auch Anlagen im Außenbereich, bei denen keine Wärmenutzung möglich ist. Für sie kann sich eine Umstellung auf Gaseinspeisung lohnen. Sie können entweder CNG für den Kraftstoffmarkt produzieren oder Biomethan einspeisen, wenn das Gasnetz in der Nähe liegt. Denn auch das Biomethan lässt sich über große BHKW flexibel zur Stromerzeugung nutzen. Es gibt auch schon erste Motoren, die je nach Situation Rohbiogas, Biomethan oder Wasserstoff nutzen können, was den Betrieb noch flexibler macht. Diese großen BHKW müssen dann dort stehen, wo die Wärme z.B. in Nahwärmenetzen sinnvoll genutzt werden kann. Damit Betreiber aber in einen dieser Bereiche investieren, brauchen sie sichere Rahmenbedingungen.

Wo müsste die Politik dabei Ihrer Meinung nach jetzt ansetzen?

Lehn: Wir brauchen ein Signal, dass Biogasanlagen für die Bundesregierung eine Option der Zukunft sind. Dafür wäre es ganz wichtig, dass Biogasanlagen in die Kraftwerksstrategie aufgenommen werden. Solange die Politik aber dermaßen auf der Bremse steht wie aktuell und gleichzeitig die Branche eher verunsichert als ihr Zukunftsoptionen bietet, wird es mehr Betreiber geben, die über eine Anlagenstilllegung nachdenken.

Tag des offenen Hofes

Am Sonntag, 9. Juni, erhalten Sie auf dem „Tag des offenen Hofes“ Einblick in die Biogasproduktion von Heiko Lehn. Es wird u.a. Vorträge zur flexiblen Fahrweise und zur geplanten Nahwärmeversorgung geben. Zudem wird der benachbarte Hof Röhl über biologische Milch- und Eierproduktion informieren. Unter dem Motto: „Zukunft gestalten, um Zukunft zu schaffen“ zeigen die Betriebe zudem moderne Techniken, mit denen Betriebsmittel wie Dünge- oder Spritzmittel eingespart und bodenschonend gewirtschaftet werden kann.

Weitere Infos finden Sie auf der Internetseite www.tag-des offenen-hofes-niedersachsen.de sowie auf www.hofroehl.de

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