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Krach um Biomasse-Studie geht in die nächste Runde

Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina bleibt bei den grundlegenden Aussagen ihrer umstrittenen Studie „Bioenergie: Möglichkeiten und Grenzen“. Kritiker der Studie werfen der Leopoldina vor, dass nicht alle Aspekte des Themas aufgegriffen wurden.

Lesezeit: 5 Minuten

Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina bleibt bei den grundlegenden Aussagen ihrer umstrittenen Studie . Kritiker der Studie werfen der Leopoldina vor, dass nicht alle Aspekte des Themas aufgegriffen wurden. Das waren die beiden wesentlichen Standpunkte einer Diskussionsrunde auf Einladung der Leopoldina am vergangenen Mittwoch in Berlin, in der sich die Forscher der Kritik an ihrer im Juli 2012 veröffentlichten Studie stellten.


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Alles nur falsch verstanden?


Man habe nie von einem Ausstieg aus der deutschen Bioenergie-Erzeugung gesprochen, stellte der Koordinator der Studie, Prof. Rudolf K. Thauer vom Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie, zu Beginn der Diskussion klar. Die Empfehlung der Forscher sei lediglich gewesen, den Bioenergiebereich nicht weiter auszubauen und stattdessen die Effizienz bestehender Anlagen und Techniken zu erhöhen. In anderslautenden Berichten über die Studie sei die Stellungnahme der Leopoldina-Forscher falsch interpretiert worden.


Der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Dr. Helmut Born, bescheinigte der Studie „viel Gutes“, kritisierte aber etliche Ungereimtheiten. Die Studie habe außerdem auch positive Aspekte der Bioenergie benannt, erklärte Thauer. Dazu zähle er die Möglichkeit, künftig Abfallprodukte aus Biomasse wie Gülle oder Nahrungsmittelreste als Energiequelle zu nutzen, sowie die im Vergleich zu Photovoltaik- oder Windenergie besseren Speichermöglichkeiten. Die Leopoldina bleibe aber bei ihren Kritikpunkten.Das seien vor allem die schlechte Treibhausgasbilanz der Bioenergie, der im Vergleich zu anderen regenerativen Energien hohe Flächenverbrauch, die Nutzungskonkurrenz zu Nahrungsmittelpflanzen und Pflanzen für die stoffliche Verarbeitung sowie Nachteile für die Biodiversität, die Bodenfertilität und die Ressource Wasser.


Die Bundesregierung habe sich bis 2050 unter anderem die Ziele gesetzt, 23 % der Primärenergie aus Biomasse zu erzeugen und gleichzeitig den Primärenergieverbrauch Deutschlands zu halbieren. Die Leopoldina glaube, dass es sinnvoller sei, den Schwerpunkt auf das Reduktionsziel zu setzen und die Bioenergie gleichzeitig effektiver zu machen, um so gegebenenfalls den Bioenergieanteil am Primärenergieverbrauch zu erhöhen. Angesichts der missverständlichen Berichterstattung über die Studie hätte man rückblickend diese Aussage stärker in den Vordergrund stellen und in der veröffentlichten Kurzfassung andere Schwerpunkte setzen sollen, gestand Thauer ein.


Deutsche Bioenergie größtenteils aus Holz


DBV-Generalsekretär Born hielt den Argumenten der Leopoldina unter anderem entgegen, dass europaweit nur zwischen 5 % und 6 % der landwirtschaftlichen Produktion als nachwachsende Rohstoffe energetisch oder stofflich genutzt würden. In Deutschland sei der Anteil zwar höher; allerdings komme hierzulande der überwiegende Teil der Biomasse zur Energieerzeugung nicht von Ackerflächen, sondern sei Holz aus der Forstwirtschaft. Hier greife die Kritik der Leopoldina zum Flächenverbrauch und zur verschlechterten Bodenfertilität nicht.


Born mahnte in der Debatte um die Nachhaltigkeit von Bioenergie mehr Fairness gegenüber der deutschen Landwirtschaft an. Deutschland habe im internationalen Vergleich ein sehr strenges Umweltreglement. „Es passt nicht zusammen, dass wir hier nachhaltig Energiepflanzen anbauen und uns dann dafür verantworten sollen, dass in Südamerika Regenwald für den Sojaanbau gerodet wird“, sagte Born. Die intensivierte Landwirtschaft in Südamerika habe ebenso wie steigende Weltmarktpreise für einige Grundnahrungsmittel hauptsächlich mit der steigenden Lebensmittelnachfrage aus Asien zu tun - und nicht mit der deutschen oder europäischen Bioenergieerzeugung. Zum künftigen Potential der Bioenergie betonte Born für den DBV: „Wir haben nie behauptet, Bioenergie sei die Lösung aller Probleme.“ Der Anteil von heute 8,2 % Bioenergie am deutschen Primärenergieverbrauch lasse sich aber auch unter nachhaltigen Anbaubedingungen noch steigern.


Diskussion verheerend


Scharfe Kritik an den Auswirkungen der Studie übte Johannes Röring, CDU/CSU-Bundestagsabgeordneter und Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV). Die Leopoldina-Empfehlungen hätten für starke Verunsicherungen in der Branche sowie bei Investoren gesorgt. Das sei besonders schädlich, weil die Bioenergiebranche auf Investitionssicherheit für einen Zeitraum von zehn bis 20 Jahren angewiesen sei. Eine Diskussion, die in einem Jahr mehr, im nächsten Jahr wieder weniger Bioenergie fordere, sei verheerend für die Wirtschaft.


Röring sieht in der deutschen Bioenergie außerdem keine Gefahr für die weltweite Ernährungssicherheit. Die Lösung der globalen Ernährungsfrage sei nicht der Ausstieg aus der Bioenergie, sondern vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern ein deutlich verbesserter Ertrag bei gleichzeitig nachhaltigen Anbaubedingungen. „Mit mehr Effizienz und neuen Technologien werden wir die Herausforderungen stemmen, vor die uns die auf 9 Milliarden Menschen wachsende Weltbevölkerung stellt“, sagte Röring. Der beste Weg, um Flächenkonkurrenz zu vermeiden, sei, auf bestehenden landwirtschaftlichen Flächen effizienter zu wirtschaften. Wenn bei der Bioenergie bestimmte Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigt würden, könne es beispielsweise für südamerikanische Landwirte durchaus sinnvoll sein, ihre Maschinen mit heimischem Palmöl anstatt mit Erdöl aus Saudi-Arabien zu betreiben, erklärte Röring.


Experten uneins


Besonders kontrovers wurde auf der Veranstaltung der tatsächliche Beitrag der Bioenergie zum Primärenergieangebot diskutiert. Während DBV-Generalsekretär Born von 8,2 % ausging, schätzte Prof. Bärbel Friedrich, Vizepräsidentin der Leopoldina und Mitautorin der Studie, den Anteil deutlich niedriger. Ziehe man die Biomasse ab, die nur mit erheblichen Importen, zum Beispiel von Futtermitteln, hergestellt werden könne, trage die Bioenergie nur rund 3 % zum Primärenergieangebot in Deutschland bei, so Friedrich. Zudem würden nur rund 80 % der hier zur Energieerzeugung verwendeten Biomasse überhaupt in Deutschland hergestellt, 20 % hingegen komplett importiert, ergänzte Studienkoordinator Thauer. Helmut Lamp, Vorsitzender des Bundesverbandes BioEnergie (BBE), zweifelte die Zahlen an. Angesichts des hohen Anteils von Holz in der deutschen Bioenergieproduktion, für dessen Anbau kaum Importe notwendig seien, müssten die Leopoldina-Ergebnisse noch einmal überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden. (AgE)

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