Prof. Dr. Alfons Balmann

Landwirte und Gesellschaft: Ideen für ein besseres Miteinander

Zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft eskalieren seit geraumer Zeit die Konflikte. Allerdings deuten sich auch Radikalisierungen der Landwirtschaft an, wie ein zunehmendes Leugnen von Problemen

Bei der Herbsttagung der Agrarsozialen Gesellschaft referierte Prof. Dr. Alfons Balmann, Direktor Leibnitz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO), zum Thema: Nachhaltige Landwirtschaft zwischen 1.0 und 4.0 – lassen sich Zielkonflikte und widersprüchliche Erwartungshaltungen auflösen? Hier seine Zusammenfassung im Original:

"Die Proteste vieler Landwirte in den vergangenen Monaten haben verdeutlicht, dass sich die Landwirte in Deutschland, aber auch darüber hinaus von der Gesellschaft missverstanden, durch Kritik aus dem Bereich der Zivilgesellschaft und der Medien diffamiert und zudem durch zahlreiche Politikvorgaben in einem nicht vertretbaren Maße belastet und gegängelt fühlen.

Im Rahmen dieses Beitrages wird zu verdeutlichen versucht, dass die Landwirtschaft trotz ihrer Sorgen nicht umhinkommt, berechtigte Kritikpunkte aufzugreifen und aktiv zur Lösungsfindung beizutragen. Dies wird nicht ohne schmerzhafte Anpassungsprozesse zu bewältigen sein. Umgekehrt müssen jedoch die Zivilgesellschaft, die Medien und auch die Politik selbstkritisch hinterfragen, welche Erwartungen und Veränderungen in den Rahmenbedingungen denn berechtigt, realistisch und umsetzbar sind. Dazu werden in diesem Beitrag vier Thesen formuliert und untersetzt.

1. Die Landwirtschaft muss sich verändern, aber es gibt enorme Zielkonflikte!

Der Veränderungsbedarf der Landwirtschaft ist vielfältig. Zahlreiche gesellschaftliche Erwartungen werden in Bereichen wie dem Tier-, Klima-, Umwelt-, Biodiversitäts- und Bodenschutz nicht erfüllt. Zugleich muss die Landwirtschaft essentielle gesellschaftliche Funktionen mit nationaler wie auch globaler Relevanz erfüllen, wie die Sicherung der Ernährung. Hierbei stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Umgang mit Zielkonflikten, wie etwa zwischen Tier- und Klimaschutz oder dem Umweltschutz und der Ernährungssicherung.

Daneben gibt es nicht nur innerhalb der Landwirtschaft, sondern auch etwa zwischen großen Teilen der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft unterschiedliche Vorstellungen, ob sich die Zielkonflikte eher im Rahmen einer ökologischen Agrarwende oder durch eine nachhaltige Intensivierung bewältigen lassen.

Eine spezifische Herausforderung liegt darin, dass viele der Probleme bereits seit einer Reihe von Jahren bekannt sind, jedoch nicht gelöst wurden, wodurch sich nicht einige der Probleme selber verschärft haben, sondern der Handlungsdruck für die Lösungsfindung zugenommen hat. Zudem lassen sich viele Problemlösungen nur unter hohen Kosten zeitnah realisieren, oft ohnehin nur schrittweise und mit erheblichem Zeitverzug.

2. Die Landwirtschaft wird sich verändern: Es gibt eine Reihe von gleichzeitigen Treibern!

Die Landwirtschaft befindet sich weltweit im Wandel, u.a. angetrieben durch die Digitalisierung, biotechnologische Entwicklungen, sich ändernde Konsummuster und den Klimawandel. Dabei befindet sich die Landwirtschaft im globalen Wettbewerb um knappe Ressourcen wie auch um Absatzmärkte, dem sich niemand entziehen kann. Teilweise scheinen sich Innovationen im Agrarsektor derzeit schneller in Schwellenländern in Südamerika und Osteuropa auszubreiten als in Westeuropa.

Es gibt jedoch auch lokale Treiber. So wird sich infolge des demografischen Wandels in vielen ländlichen Regionen künftig nur noch ein Bruchteil der altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheidenden Arbeitskräfte durch jüngere ersetzen lassen. Die Landwirtschaft wird um diese knapper werdenden Arbeitskräfte nicht nur mit anderen Sektoren, sondern auch mit urbanen Regionen konkurrieren müssen.

Zugleich ist die Landwirtschaft regional sehr heterogen. In vielen Regionen, insbesondere in Ostdeutschland, spielen traditionelle Muster, wie das der rein familienbetrieblichen Landwirtschaft bereits seit langem nur noch eine untergeordnete Rolle. Diese Entwicklungspfade lassen sich nicht umkehren, sondern werden durch die globalen wie regionalen Treiber eher noch befördert.

3. Nachhaltiger Wandel braucht Kohärenz: Landwirtschaft nur als Teil der Gesellschaft wandelbar!

Viele zivilgesellschaftliche und mediale Forderungen nach einer Agrarwende erwecken den Eindruck, dass sich zukunftsfähige und gesellschaftlich akzeptierte Landwirtschaft an einem postmodernen, naturalistischen Leitbild orientieren müsse, das von Prinzipien wie Ganzheitlichkeit, Suffizienz und Regionalität geprägt ist. Umgeben ist die Landwirtschaft jedoch von einer Gesellschaft, die nach wie vor auf Wachstum und Innovationen setzt. Selbst die SDGs der Vereinten Nationen beinhalten neben der Bekämpfung des Hungers auch die Ziele nachhaltigen Wirtschaftswachstums und nachhaltiger Industrialisierung.

Forderungen nach mehr Regionalität von Nahrungsmittelproduktion und -konsum widersprechen nicht nur der allgemeinen Globalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, sondern werfen Fragen danach auf, inwieweit diese Forderungen etwa mit den Erfordernissen des Klima- und Umweltschutzes vereinbar sind.

Gleiches gilt mit Blick auf die vergleichsweise breite Ablehnung neuer Technologien, wie etwa innovativer Züchtungsverfahren und des chemischen Pflanzenschutzes. Forderungen nach einer Ausdehnung der ökologischen Landwirtschaft stehen im Gegensatz zur sehr begrenzten Nachfrage nach Ökoprodukten und dokumentieren eine Verbraucher-Bürger-Diskrepanz (Consumer-Citizen-Gap).

Diese Inkonsistenzen hinsichtlich der Erwartungen an die Landwirtschaft und deren tatsächliche Rahmenbedingungen behindern die Landwirtschaft nicht nur in ihren Möglichkeiten reale Probleme zu lösen, sondern führen zu Orientierungslosigkeit und Verunsicherung.

4. Diskursversagen nimmt zu und behindert die Lösungsfindung

Auf verschiedenen Ebenen scheint es derzeit ein Diskursversagen zu geben. Innerhalb der Landwirtschaft besteht ein zentrales Problem darin, dass ein großer Teil der Betriebe keine Perspektive sieht, wie berechtigte Kritikpunkte wirtschaftlich vertretbar bewältigt werden können. Innerhalb der Gesellschaft werden Inkonsistenzen hinsichtlich der vielfältigen Erwartungen an die Landwirtschaft und damit verbundener Zielkonflikte sowie auch das Consumer-Citizen-Gap kaum bis gar nicht diskutiert. Teilweise wirkt es so, als würden innerhalb der Zivilgesellschaft die Kritikpunkte an der Landwirtschaft besonderen Eigendynamiken folgen, wie ein gegenseitiges Kopieren und Überbieten von Forderungen.

Zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft eskalieren daher seit geraumer Zeit die Konflikte. Dies wird nicht zuletzt an den eingangs angesprochenen Protesten der Landwirtschaft deutlich. Allerdings deuten sich auch Radikalisierungen der Landwirtschaft an, wie etwa ein zunehmendes Leugnen von Umwelt- und Klimaproblemen oder eine steigende Nähe zu Akteuren, die bestehende Probleme leugnen.

Erschwert wird der Diskurs dadurch, dass es in der Gesellschaft zwar einerseits einen Wertewandel gibt, der etwa dem Tierschutz eine neue Bedeutung zumisst, es andererseits jedoch auch Wissensdefizite gibt, die nicht nur aus einer allgemeinen Entfremdung zwischen Bürgern und Landwirten herrühren, sondern auch aus besonderen Mechanismen der alten und neuen Medien, wie etwa die starke Fokussierung der traditionellen Medien auf Skandale oder die pfadabhängige, selbstverstärkende Meinungsbildung innerhalb von Communities in den sozialen Netzen. Ein besonderes Problem scheint zudem aus unterkomplexen medialen Diskursen zu resultieren, die sich zumeist auf die Benennung und Lösung von Einzelproblemen, wie ausschließlich Tierschutz oder Klimaschutz, beschränken und dabei von grundlegenden Zielkonflikten abstrahieren.

Mit Blick auf diese Problemlagen stellt sich für die Landwirtschaft die Frage, ob und wie sie neue gesellschaftliche Diskussionsprozesse anstoßen kann, die nicht nur mehr Verständnis für die Sorgen der Landwirtschaft aufbringen, sondern die auch dazu beitragen, die Problembereiche nicht länger unterkomplex zu diskutieren und insbesondere Zielkonflikte mitzudenken.

Daneben wird wesentlich sein, dass sich die Zivilgesellschaft davon löst, der Landwirtschaft Lösungsvorgaben zu machen, sondern sich auf die Formulierung von Zielbündeln und einen allgemeinen Rahmen beschränkt. Dann bliebe es der Landwirtschaft überlassen, gemeinsam mit Partnern in der Wertschöpfungskette und der Politik die Erreichung dieser Zielbündel zu gewährleisten.

Begründen sollte die Landwirtschaft diesen Weg gegenüber der Öffentlichkeit damit, dass die gesellschaftlichen Ziele nur dann erreicht werden können, wenn die Landwirtschaft ihre Mittel den Zielen anpasst und nicht die Ziele sich aus den Mitteln ergeben müssen. Glaubwürdig ist ein solcher Weg jedoch nur, wenn sich die Landwirtschaft überzeugend, transparent und ernsthaft mit bestehenden Problemen auseinandersetzt."

Hinweis der Redaktion: Gastkommentare geben nicht in allen Bereichen die Meinung der Redaktion wieder. Wir veröffentlichen sie dann, wenn wir sie für einen interessanten Diskussionsbeitrag zur Weiterentwicklung der Landwirtschaft halten.

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