Über Sorgen und Probleme reden wirkt Wunder!

In den Medien hört man lediglich, dass es aufgrund der niedrigen Erzeugerpreise auf den Höfen finanziell nicht gut aussieht. Was da aber eigentlich hintersteckt, erfahren Außenstehende kaum. Viele Landwirte fressen ihre Sorgen und Probleme in sich hinein, so die Erfahrung von Coach Peter Jantsch.

Die Belastung durch den Hof färbt auch auf die Familie ab (Bildquelle: Zeichnung Jantsch; www.veraenderung.jetzt)

In den Medien hört man seit Längerem lediglich, dass es aufgrund der niedrigen Erzeugerpreise auf den Höfen finanziell nicht gut aussieht. Was da aber eigentlich hintersteckt, erfahren Außenstehende kaum.

Dass viele Landwirte ihre Sorgen und Probleme in sich hineinfressen, was schließlich zu Familienstreit und gesundheitlichen Problemen wie Burnout führt, weiß Peter Jantsch. Der Diplom-Agraringenieur ist Systemischer Coach - ein Konzept, das es so noch nicht oft gibt. Er bietet keine Fachberatung, sondern will den Betroffenen helfen, selbst Lösungen zu finden. In seinem aktuellen Newsletter schildert er eine Geschichte, wie er sie oft erlebt:

„So schlimm ist es doch noch nicht!“

„Claus hat ein Problem. Durch die Milchpreis-Krise der zurückliegenden Jahre hatte er nicht, wie geplant, seinen Viehbestand aufstocken können, sondern kam in Verzug mit seinem bestehenden Kapitaldienst. Er hatte bislang geglaubt, er würde es in den Griff bekommen, wenn er nur mehr arbeiten würde. Aber die Situation wurde nicht besser.

Richtig erschrocken war er, als Tom – ein gut befreundeter Kollege – plötzlich im Krankenhaus lag. Im letzten Jahr schon war es still geworden zwischen ihnen, kein Wunder, sie hatten ja auch mehr und mehr zu tun. Und jetzt war Tom zusammengebrochen und lag im Krankenhaus. Schnell gingen die Gerüchte durch den Kreis, aber was wirklich passiert war, blieb unklar.

Die Sache mit Tom ging Claus sehr nahe. Er fühlte sich hilflos angesichts von Schwierigkeiten, mit denen umzugehen er nie gelernt hatte. Gleichzeitig war er erleichtert, nicht selber betroffen zu sein. Und damit ihm das nicht auch passiert, beschloss Claus, noch mehr zu arbeiten.

Die Entfremdung zwischen ihm und seiner Frau Helga kam schleichend. Der Einbruch des Milchgeldes fiel zusammen mit der Geburt ihres ersten Kindes. Wirtschaftliche Verunsicherung, schlaflose Nächte mit dem schreienden Kind und die Beobachtung, wie das euphorische Lächeln seiner Berufskollegen von Weihnachten 2013 sich innerhalb eines Jahres in mattes Grau verwandelte – all das hinterließ auch Spuren bei Claus.

„Wie soll das denn noch werden?“ fragte Helga, als sie die letzte Milchgeldabrechnung bekommen hatten. „Wir haben ein Kind, erwarten ein zweites, ich bin am Ende meiner Kräfte, und du bist nicht da!“ Er zeigte auf die Abrechnung. „Nicht da? Ich arbeite mehr denn je, sorge dafür, dass der Laden am Laufen bleibt! Mit Kinder durch die Gegend tragen verdient man kein Geld!“

Claus ging schweigend zurück in den Stall. „So schlimm ist es doch noch nicht“, sagte er sich, „wenn sich der Milchpreis wieder fängt, dann läuft alles wieder wie früher“. Aber wenn er sich abends nach dem letzten Füttern auf das Fressgitter lehnte und erschöpft in seine Herde schaute, kam ihm immer öfter das klamme Gefühl, dass die Rechnung nicht aufgehen könnte.

Reden hilft (Bildquelle: Zeichnung Jantsch; www.veraenderung.jetzt)

Dann hört Claus von einem Landwirt, den er sehr achtet, dass der sich Hilfe geholt hatte. Man sagte, wegen ständigem Streit mit seinem Junior. Dabei lief sein Betrieb, soweit er das einschätzen konnte, richtig gut! Naja, man sieht nicht dahinter …

Aber jetzt machte es den Eindruck, dass bei denen der Knoten geplatzt war. Die bekommen ja auch nicht mehr Geld für die Milch als er, aber als er sie bei den letzten Sprechtagen gesehen hatte, da strahlten sie! Keine grauen Gesichter.

Helgas Gesicht dagegen war grau. Und er schaute morgens selber nicht mehr gerne in den Spiegel. Was sollte er tun? Irgendwas musste er tun. Schließlich sprach er mit Uwe, einem Kollegen und Freund, von dem er weiß, dass er gut zuhören kann und einem nicht gleich sagt, wie man es richtig machen soll. Dem schüttete er sein Herz aus.

Mann, war das schwer! Warum war das nur so schwer? Und wie sagt man das richtig? Er wollte Helga ja auch nicht Unrecht tun. Er sah ja, dass sie nicht mehr konnte. Und dass er selber auch nicht noch mehr arbeiten konnte. Sein Freund hörte ihm zu. Und verstand. Da passierte das Überraschende: Jetzt fing Uwe an zu erzählen.

Er vertraute Claus an, dass er sich schon eine Weile mit der Frage quält, ob er aufhören soll. Ob er alles hinschmeißen und die Landwirtschaft aufgeben soll. Und jetzt hörte Claus zu. Uwe sagte, er hätte noch mit keinem Menschen darüber geredet. Was für eine Erleichterung, das endlich mal auszusprechen! Sie fragten sich, was sie tun können. Sie saßen lange beisammen und überlegten verschiedene Möglichkeiten. Sie hatten das Gefühl, wieder handlungsfähig zu werden. Das tat so gut.

Claus würde morgen den Kollegen anrufen und ihn fragen, bei wem er sich Unterstützung geholt hatte. Und was der gemacht hatte. Und Uwe wollte bei der Landwirtschaftskammer um ein Gespräch bitten. Das wollten sie tun. Das haben sie sich gegenseitig versprochen.“
 

Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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