Nach Tönnies-Lockdown

Zurück zu regionalen Schlachtbetrieben?

Der Tönnies-Lockdown in Rheda-Wiedenbrück zeigt, wie anfällig unser Vermarktungssystem ist. Kritiker fordern mehr kleine und regionale Schlachtbetriebe. Ist das nur Träumerei oder eine echte Chance?

Unser Autor: Dr. Albert Hortmann-Scholten, Landwirtschaftskammer Niedersachsen.

Der Preissturz im Frühsommer war dramatisch. Die Ferkel- und Schlachtsauenpreise halbierten sich, und Schweinemäster verloren in wenigen Wochen mehr als 60 € je Tier. Auslöser waren die Corona bedingten Schließungen von großen Schlachtbetrieben bei Westfleisch und Tönnies.

Immerhin konnten Nottötungen wie in den USA verhindert werden. Dennoch stellen vor allem Politiker nun die deutschen Schlachtstrukturen infrage und fordern, künftig wieder dezentral zu schlachten und zu verarbeiten.

Die Idee klingt verlockend: Neben einer krisenfesteren Vermarktung für Tierhalter stiege die Versorgungssicherheit der Bevölkerung mit Fleisch, so das Argument. Die Branche sei dann auch für einen möglichen Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest besser gerüstet. Ohnehin sei die regionale Vermarktung im Aufwind.

Kleinere Landwirtschaftsbetriebe könnten in Kombination mit mehr Tierwohl neue Nischen besetzen, und die Transportwege zum Konsumenten würden kürzer. Am Ende könne man sogar den Strukturwandel in der Landwirtschaft aufhalten, heißt es. Umsetzen wollen Befürworter die Idee mit einem umfangreichen Schlachthof-Strukturkonzept, das kleine, regionale Schlachthöfe gezielt fördert.

Strukturwandel per Gesetz

Aber so einfach lässt sich die Strukturentwicklung der letzten Jahre nicht zurückdrehen. Die großen Betriebe sind nicht ohne Grund entstanden.

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