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Konventionelle und Biobauern können voneinander lernen

Ökolandbau ist nicht die Generallösung. Aber sind dessen Ansätze für mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit auf die konventionelle Landwirtschaft übertragbar? Das untersucht Gustav Alvermann.

Lesezeit: 8 Minuten

Unser Autor: Gustav Alvermann, Bio2030.de, Westerau

Gesellschaftliche Erwartungen bei eingeschränkten Möglichkeiten der Produktion lassen die Herausforderungen für den konventionellen Ackerbau ständig größer werden. Ist die Umstellung auf Ökolandbau ein Ausweg aus dem Frust vieler konventioneller Betriebe?

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Auch der ist allerdings kein Selbstläufer, weder produktionstechnisch noch betriebswirtschaftlich. Abgesehen davon, dass er hohe Produktpreise braucht und die Märkte diesbezüglich nicht unendlich belastbar sind. Aber zu mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit kann der Ökolandbau dem konventionellen sehr wohl ein paar Gedankenanstöße geben.

1 Nährstoffkreisläufe organisieren

Die Spezialisierung ist weit fortgeschritten. Kaum noch findet man »bäuerliche Gemischtbetriebe« mit vielen synergistischen Nährstoffkreisläufen und gegenseitigen positiven Abhängigkeiten zwischen Pflanzenbau und Tierhaltung. Treibende Kraft war die Arbeitsproduktivität.

Sind unterschiedlich spezialisierte Betriebe in einer Region vorhanden, so kann man zum Ausgleich der verloren gegangenen ökologischen Stabilität eine Zusammenarbeit organisieren: Nicht dreimal Ackerbau in einer Kooperation, um die Kosten der Arbeitserledigung noch um einige weitere Euro pro ha zu senken, sondern je einmal Ackerbau, Futterbau und Veredelung im Verbund.

Konventionelle Marktfruchtbetriebe halten oft die angesetzten Ausnutzungsraten der organischen Dünger für zu hoch. Das mag sein. Aber viele vergessen dabei den mittelfristigen Effekt der organischen Düngung auf die Bodenstruktur und den Gehalt an organischer Substanz. Diese Wirkung wird verstärkt, wenn durch die Zusammenarbeit eine Option für Klee, Luzerne und Gras entsteht.

Engere und weitere Nachbarschaften. Dass sich die spezialisierten Betriebe oft in unterschiedlichen Regionen befinden, zeigt sich heute als schwerer organisatorischer Fehler, der vielen Landwirten auf die Füße fällt. Bio-Ackerbaubetriebe haben eine erheblich höhere Motivation, eine Zusammenarbeit mit gegensätzlich spezialisierten Kollegen zu suchen, da nur so mobiler Stickstoff in den Betrieb gelangt. Der Ausgleich von Grunddüngern und die Humuswirkung im Boden kommen obendrauf.

Die Möglichkeit, einen mehrfach genutzten Futterbau in die Fruchtfolge einzubauen, ist zudem eine zentrale Säule der Unkrautregulierung. Jede Nährstoffkooperation basiert auf Vertrauen der Tauschpartner und benötigt ein überzeugendes logistisches Konzept (Lagerung der organischen ­Dünger, Ausbringzeiten, bodenschonende, verlustarme Ausbringtechnik, Zuordnung der Düngung zu geeigneten Kulturen etc.).

Ein intensiver Bio-Drusch- und Hackfruchtbetrieb in Ostniedersachsen betreibt parallel übers Jahr z. B. folgende Nährstoffkreisläufe: Kleegras an eine Bio-Biogasanlage gegen den flüssigen Gärrest, Futtergetreide gegen Bio-Hühnertrockenkot aus Weser-Ems, Stroh gegen Champost aus einer Bio-Pilzzucht, Kleegras, Dauergrünlandaufwuchs und Stroh gegen Rinder- und Schafmist. In absehbarer Zeit dürfte es auch in der konventionellen Landwirtschaft keine benachbarten Ackerbau- und Milchviehbetriebe mehr geben, die bei entsprechender Speziali­sierung nicht zusammenarbeiten.

Das wäre viel vernünftiger, als sich im Kampf um die Fläche die Pachtpreise um die Ohren zu schlagen, um einerseits Gülle loszuwerden und andererseits eine erweiterte Fruchtfolge mit Sommerungen zu installieren. Arbeitet man zusammen, ergibt sich beides von allein.

2 Die Fruchtfolge erweitern

Leguminosen spielen als Stickstoffsammler im ökologischen Landbau eine zentrale Rolle. Bei gekonnter Anbautechnik und standortgerechter Auswahl schaffen es Ackerbohnen, Erbsen, Lupinen und Soja als interessante Marktfrüchte in die Fruchtfolge.

Lernen von den Bio-Betrieben kann man aber, dass die Grundfutter-Leguminosen Klee und Luzerne ein ackerbaulich deutlich stärkeres Gewicht haben als die genannten Druschvarianten. Wie erst ein mehrfach genutzter Futterschlag die Ackerkratzdistel im Ökolandbau zurückdrängt, entfaltet im konventionellen Bereich erst das mehrjährige Kleegras eine deutlich sanierende Wirkung in Bezug auf Ackerfuchsschwanz. Für beide Systeme gilt leider, dass ohne wirtschaftliche Nutzung das Kleegras seine alte Fruchtfolgebedeutung kaum wiederbekommt.

In konventionellen Betrieben wird es somit vordringlich um die Integration der Körnerleguminosen in die Fruchtfolge gehen. Produktionstechnisch ist oft Luft nach oben. Hier wird das Beste erreicht, wenn Öko-Bauern und konventionelle mal ihre Köpfe zusammenstecken. Gerade bei den Leguminosen kann man bilateral lernen, weil hier die N-Mineraldüngung keine Rolle spielt. Die ackerbauliche Vorbereitung bei Druschleguminosen über Vorfrucht, moderate organische Düngung, vertikale Bodenbearbeitung, Zwischenfrüchte und eine hohe Bestellqualität bietet produktionstechnisch große Reserven und belohnt den guten Ackerbauern – vorausgesetzt, die Witterung spielt nicht ganz verrückt. Bei der Wasserversorgung sind die Druschleguminosen nämlich empfindlich.

3 Den Boden schonen

Hackfruchtvollernter, 30 m3-Gülleverteiler, Dreiachser-Silierwagen und Mähdrescher mit über 10 t Korntankinhalt sind Zeitbomben für den Boden. Bio-Bauern sind in diesem Punkt hellhörig, weil sie in ihren Beständen Strukturschäden beispielsweise im Getreide deutlich direkter sehen als in konventionell hoch gedüngten Beständen.

Konventionelle Betriebsleiter »streichen« ihren Weizen regelmäßig mit Stickstoff einheitlich dunkelgrün an. Aber auch sie verzeichnen Ertragseinbußen, wenn der Boden nicht in Ordnung ist.

Die Schlussfolgerung kann nur sein: Luftdruck und Achslasten runter! Oder man besinnt sich auf entschärfende Techniken wie CTF »light« (Controlled Traffic Farming), Gülleverschlauchung und (wo möglich) den alten Grundsatz, den Boden bei Nässe weder zu befahren noch zu bearbeiten.

Wer über eine organisierte Verbundwirtschaft nachdenkt (z. B. Kleegras gegen Gärrest), muss auch gleich den zweiten Schritt mitdenken: Wie schone ich mit der logistischen Lösung meinen Boden? Andernfalls macht man mit der Befahrung kaputt, was man mit dem Kleegras-Anbau verbessern wollte.

4 Das Gesamtsystem: Erst vorbeugen, dann hacken

Chemischer Pflanzenschutz, Gentechnik und Digitalisierung sind nicht das Fundament des Ackerbaus. Das bilden Fruchtfolgen, Nährstoffkreisläufe, die Regeneration der organischen Bodensubstanz, angemessene Bestellsysteme und die sich daraus ergebenden biologischen Regelkreise. Andere Lösungsansätze können allenfalls pflanzenbaulich nachsteuern.

Die Unkrautregulierung im ökologischen Getreidebau geschieht beispielsweise überwiegend vorbeugend. Hauptstellschrauben sind die Fruchtfolge und eine wohldosierte Stickstoffversorgung aus der Vorfrucht nebst optionaler Flüssigdüngung (Gülle, Gärrest, PPL) in die Hauptbestockung. Flankiert wird das Ganze durch eine dezidiert gute Bestellung zur Etablierung eines lückenlosen Bestandes. Weiter gehören auch eine nicht zu niedrige Saatstärke und eine Arten- und Sortenwahl nach Wüchsigkeit und Beschattungsvermögen der Kulturpflanzen dazu.

Erst nach der geordneten Abarbeitung dieser Verfahrensschritte kann man sich über Striegel und Hacke unterhalten – sofern man das dann noch muss. Lernen kann der konventionelle Landwirt daraus, dass der Ersatz für verschlissene und nicht ersetzbare Herbizide nicht aus einer Maßnahme allein besteht. Der gesamte acker- und pflanzenbauliche Ablauf muss neu justiert werden.

5 Den eigenen Weg finden!

Eine neue Art der Landwirtschaft entsteht weder allein durch Vorschriften noch durch eine einheitliche Ackerbaustrategie. Die Mehrheit der Öko-Landwirte will grundsätzlich etwas ändern. Nur so entstehen die nötige Kreativität und das Durchhaltevermögen. Ökologische Landwirtschaft wird maßgeschneidert nach den Möglichkeiten des Betriebes, der Region und der Intention des Landwirts.

Verbindend für alle individuellen Wege war und ist das Bestreben, den Boden als Wirtschaftsgrundlage pfleglicher zu behandeln. Bei allen Stellschrauben handelt es sich jeweils auch um Teilschritte zu mehr Umwelt-, Natur- und Klimaschutz. Betriebsleiter, die in dieser Richtung an ihrem Ackerbaukonzept feilen, sind besser auf die veränderten gesellschaftlichen Erwartungen vorbereitet.

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Nicht die erste Welle eines großen Umbruches

Nichts ist beständiger als der Wandel. Das gilt für die Landwirtschaft ebenso wie für den Blick der Gesellschaft auf die Landwirtschaft. Grundlegende Umbrüche hat es in der Vergangenheit schon viele gegeben. Und jetzt sind wir wieder einmal mittendrin in einem.

Triebfeder ist neben vielen anderen Faktoren die permanente Fortentwicklung der Gesellschaft.

Vor 75 Jahren. Der englische Militär-Gouverneur mahnte kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges die schleswig-holsteinischen Bauern: Die Lebensmittelerzeugung zum Überleben der Bevölkerung ist erste und oberste Aufgabe. Kaum 15 Jahre später hatte sich Deutschland im Rahmen des Wirtschaftswunders so weit entwickelt, dass die Landwirtschaft abgehängt zu werden drohte. Land­arbeiter­löhne hatten sich binnen kurzer Zeit im Schlepptau der Entlohnung in der prosperierenden Industrie und im Gewerbe verdoppelt. Gleichzeitig wurde zur weiteren Entwicklung der Wirtschaft 1958 mit der Gründung der EWG ein großer europäischer Binnenmarkt geschaffen.

Vor 50 Jahren. Zehn Jahre später machte der Mansholt-Plan die Runde. Die Bauern sollten durch Technisierung, Spezialisierung und Intensivierung ihr eigenes Wirtschaftswunder schaffen, um Schritt zu halten. Die Betroffenen protestierten vehement gegen diese Pläne, aber es änderte nichts. Die Einkommensdisparität zwischen Landwirtschaft und Gewerbe sollte und musste überwunden werden.

Dieser Verlauf vollzog sich in den 1960er und 70er Jahren keinesfalls nur im Westen, sondern noch ausgeprägter im Osten. Die Schaffung von »agro-industriellen Komplexen« zur nachhaltigen Hebung der Arbeitsproduktivität nannte man das. Großbetriebe mit mehreren tausend Hektar Fläche und riesigen Viehbeständen waren die Folge – es war gesellschaftlich und politisch so gewollt.

Vor 30 Jahren. Kaum eine Generation später musste die EU auf die Bremse treten. Preisstützungen und EU-Außenschutz führten durch die immer produktivere Landwirtschaft zu teuren Überschüssen. Die Landwirtschaft hatte ihre Hausaufgaben gemacht. Aber das führte zu neuen Problemen. Es folgten zum Gegensteuern Flächenstilllegungsprogramme und der Umstieg auf Flächen- anstatt Produktsubvention. Gleichzeitig wurde der EU-Außenschutz gelockert. Wieder protestierten die Landwirte – mussten sich den neuen Spielregeln aber letztlich fügen.

Und heute bzw. morgen? Heute stehen die Landwirte abermals vor neuen He-rausforderungen. Sie bekommen es von allen Seiten ab, und es ist nicht verwunderlich, dass die Berufskollegen aus Protest auf die Straße gehen bzw. fahren. Die Erfahrung lässt jedoch erwarten, dass es nach einigen politischen Zugeständnissen zu keiner grundsätzlichen Kurskorrektur kommen wird. Der Zeitgeist wird weiter seine Bahnen ziehen.

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