Interview

Sind Mindest-Milchpreise zielführend?

Agrarökonom Holger Thiele warnt davor, den Marktmechanismus bei der Milchpreisbildung infrage zu stellen. Potenzial für ein auskömmliches Einkommen sieht er auf der Kostenseite.

Der Agrarökonom Prof. Holger Thiele vom Kieler ife-Institut berichtet in einem Interview mit dem Presse- und Informationsdienst Agra-Europe über den Sinn und Unsinn einer Preissetzung, die sich an den Vollkosten orientiert. Er gibt eine Einschätzung über die Erfolgsaussichten der demnächst startenden Branchenkommunikation Milch und spricht über die Aktivitäten der Molkereien in Sachen Preisabsicherung.

Was halten Sie von den Empfehlungen der Borchert-Kommission zum Umbau der Tierhaltung?

Der Ansatz ist grundsätzlich sinnvoll. Bei der Finanzierung über die Variante Verbrauchssteuer besteht die Gefahr, dass das Geld nicht komplett bei den Tierhaltern ankommt. Sollte sich der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) nur einen Teil der Mehrkosten vom Verbraucher holen, könnte dies in Form von Preisdruck bei den Tierhaltern ankommen. Dann würde die Landwirtschaft einen Teil des Umbaus doch aus eigener Tasche bezahlen. Diese Aspekte sind mit zu berücksichtigen.

Würde so eine Verbrauchssteuer nicht die sozial Schwächeren überproportional treffen?

Aufgrund der Verbrauchsstruktur wird es so sein. Haushalte mit geringerem Einkommen werden überproportional durch eine Verbrauchssteuer auf tierische Produkte belastet. Solche Verteilungsaspekte darf man bei der Beurteilung der Finanzierungsalternativen nicht vernachlässigen, wenn eine breite gesellschaftliche Zustimmung erreicht werden soll. Egal ob über die Mehrwertsteuer oder eine Verbrauchssteuer: Am Ende bekommen die höheren Kosten in größerem Maße die unteren Einkommensgruppen zu spüren.

Bleiben wir noch beim Umbau der Tierhaltung. Die Weidehaltung wird ja gesellschaftlich besonders geschätzt. Aber rechnet sie sich für die Milchviehhalter auch?

Mit wachsender Herdengröße und durch zusätzliche Investitionen wird die Weidehaltung teuer. Deshalb brauchen die Betriebe über den Milchpreis finanzielle Anreize für die Produktion von Weidemilch.

Steht die Weidehaltung aufgrund der Methanemissionen nicht im Widerspruch zum Klimaschutz?

Ob die Weidehaltung von Kühen dem Klimaschutz zu- oder abträglich ist, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt, da es unter anderem keine einheitliche Einschätzung zur Wirkung der Weidehaltung auf die Milchmenge und die Interaktion mit vorhandenen Biogasanlagen gibt. Bei den CO2-Bilanzierungstools des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL) schneidet die Weiderhaltung tendenziell positiv ab. Belastbare Praxisversuche über alle Einflussfaktoren fehlen jedoch bisher.

Während die Weidehaltung ein positives Image hat, gilt für die Anbindehaltung das Gegenteil. Droht dieser Haltungsform durch die von mehreren Molkereien angekündigten Preisabschläge bei ganzjähriger Anbindung ein rasches Aus?

Die Diskussion über neue Standards wird mit hoher Frequenz in die Branche getragen. Allerdings meist nicht von der Politik, sondern den Lebensmitteleinzelhandel. Das war bei der gentechnikfreien Milch so, bei Glyphosat und jetzt beim Thema Anbindehaltung. Der Handel springt sehr schnell auf gesellschaftliche Trends, um sich gegenüber den Mitbewerbern zu differenzieren. Für die eine oder andere Molkerei bedeutet dies einen hohen Druck aus dem Markt, der aber nicht politisch abgefedert wird. Die zudem sehr hohe Geschwindigkeit dieses Prozesses droht viele in der Branche zu überfordern. Es geht also um eine angepasste Geschwindigkeit in der Umsetzung. Die Politik ist gefordert mitzuhelfen, dass notwendige Anpassungsprozesse in der Tierhaltung nicht zu einer vollständigen Überforderung der Akteure führen.

Können Anbindebetriebe, die ihre Ställe häufig schon steuerlich abgeschrieben haben, nicht ein oder zwei Cent weniger Milchgeld aushalten?

Es gibt unter den Anbindehaltern häufig sehr resiliente Betriebe, da das Haupteinkommen nicht nur mit der Milch erwirtschaftet wird. Häufig sind es Nebenerwerbsbetriebe. Wer als Anbindehalter kein auslaufender Betrieb ist, kann aber nicht einfach auf Teile seines Milchgelds verzichten, da der für mehr Tierwohl notwendige Umbau der Stallungen ja finanziell gestemmt werden muss. Da sind wir wieder bei der Ausgangsfragestellung, wer den Umbau der Tierhaltung letztlich finanzieren soll.

Ist die Anbindehaltung nicht ein Auslaufmodell?

Grundsätzlich ja. Der Abschied aus der Anbindehaltung sollte aber über einen größeren Zeitraum gestreckt werden. Schließlich gibt es gute Ansätze, wie...


Diskussionen zum Artikel

von Jürgen Donhauser

Ungerecht!

Jawohl Herr Thiele, gehen sie mit guten Beispiel voran! Verzichten sie auf einen Mindestlohn und Tariflohn und überlassen sie ihr Gehalt den freien Markkt! Oder fordern sie etwas von den Landwirten, das sie selbst nicht bereit sind!

von Willy Toft

Der Unterste Milchpreis darf nicht mehr unter 30 Cent/kg rutschen, um die Milchviehhaltung hier..

"Nachhaltig" zu festigen! Alles andere ist Heuchelei, und vernichtet nur schwer erarbeitetes Kapital der Bauern! Jeder Milchviehhalter überlegt es sich 3 mal, ob er diesem System noch einen Euro hinterherwirft! Kein Kaufmann handelt anders, dann muss es eben von sonstwo herkommen, wenn ... mehr anzeigen

von Gregor Grosse-Kock

Solange

Wir Preisnehmer sind und Preisgeber bleiben wir in dieser Diskussion. Menge bündeln Bundesweit - damit kann man Preise machen - dafür lohnt eine Kommission! Damit wären dann auch die Beihilfen überflüssig und nicht jeder versucht dem ganzen Gequatsche noch was gutes abzugewinnen!

von Gerd Schuette

.

Werner, du schreibst weiter unten, daß laut LfL die Kosten weit niedriger seien als das Milchboard errechnet hat. Du berufst dich auf das LfL, die deiner Meinung nach 35 Cent je kg errechnet hätten. Das LfL schreibt jedoch von 53,1 Cent je kg Produktionskosten für 2018/19 beim ... mehr anzeigen

von Bruno Stauf

Milchpreis

Keiner außer uns Milchbauern selbst, hat ein Interesse an besseren Preisen. Hätten sich die Spitzen des DBVs die letzten 30 Jahre in den vor und nachgelagerten Stufen der Lw nicht nur selbst die Taschen voll gemacht, sondern unkorrumpierbar für uns Landwirte gekämpft, wären wir heute ... mehr anzeigen

von jörg Meyer

Einfache Grundwahrheiten

Kingsche Regel und Engelsches Gesetz sind Grundwissen aus dem ersten Semester! Interessant ist, dass die teueren Bioprodukte von Haushalten mit überdurchschnittlichen Einkommen gekauft werden. Die "Schönen, Reichen und Eloquenten, vemeintlichen 'Eliten" lassen sich ihr Essen höher ... mehr anzeigen

von Rudolf Rößle

Ist Zustand

den hat Herr Thiele gut beschrieben. Wenn ein Milchbauer rein rational und ökonomisch denken würde, gäbe es in Deutschland vielleicht noch 10-20000 Milchbauern. aus ökonomischer Sicht habe ich damals den Betrieb nicht übernommen. Das verstehen aber Landwirte, was ich meine. Die junge ... mehr anzeigen

von Josef Doll

Die Kostenseite

die uns nur in Deutschland von Bioland , Demeter vorgaben auferlegt werden . Die Verlogene Fleischsteuer die für Tierwohl sein soll aber nur verteuert stellt hier eine deutsche Kostenseite dar.

von Gerd Schuette

Zahlen der LfLfür das Jahr 2018/199

Zahlen der LfLfür das Jahr 2018/19 Trotz Strukturvorteil keine Vollkostendeckung Ergebnisse in Stichpunkten für 2018/19: Bei einem Auszahlungspreis von 41,0 ct/kg Milch (brutto, tats. Inhaltsstoffe; Vorjahr 42,3 ct/kg) wurden im Durchschnitt der BZA-Betriebe Unternehmerverluste in ... mehr anzeigen

von Werner Albrecht

Gerd, du hast die Zahlen von 2017,2018 vergessen die waren alle positiv.

von Norbert Post

Betriebsleiter

Es stimmt, dass vieles vom Betriebsleiter abhängt. Aber die Produktionsfkatoren sind nicht überall gleich und kosten das gleiche, sondern sind sehr unterschiedlich. 20 Cent Unterschied unter ähnlichen Voraussetzungen sind doch blanker Unsinn, das glaubt er doch selbst nicht . Und ... mehr anzeigen

von Bernd Müller

Herr Post,

Ich habe lediglich gesagt, dass Herr Thiele klar die Fakten zusammengefasst und die Folgen aufgezeigt hat. Respektlos ist Wissenschaftler zu verunglimpfen und sich zudem nicht einmal mit der Materie auseinanderzusetzen. Das haben einige der Vorkommentatoren offensichtlich nicht getan.

von Werner Albrecht

Toller Bericht

Professor Thiele hat einen sehr praxisnahes Statement gegeben. Er hat auch anschaulich verdeutlich das die Vollkosten streuen und wesentlich niedriger sind als es z.b. BDM,Milchboard behaupten Das Lfl Bayern geht in Schnitt von 35 Cent aus. Bei einer Streuung von 20 Cent! Es zeigt ... mehr anzeigen

von Egge Mansholt

Beratungsresistenz

Wo uns die sogenannten Berater hingebracht haben, sehen wir ja. Wenn der BDM, Milchboard u.a. nicht wehemend gegen gesteuert hätte, sähe es wahrscheinlich noch wesendlich schlimmer aus.

von Bernd Müller

Sehr gut

Professor Thiele hat klar und deutlich die FAKTEN und die Probleme der landwirtschaftlichen Märkte dargestellt. Die bisherigen Kommentare sind ein keinster Weise faktenbasiert und nachvollziehbar

von Martin Siekerkotte

Katastrophec

Thiele hat Meierei Barmstedt beraten noch Fragen ???

von Steffen Hinrichs

Sind Wissenschaftler systemrelevant und wie berechnet sich ihr Einkommen ?

Herr Thiele ,schränken sie sich auch ein Fahrrad statt Auto ,Urlaub verzichten ,365 Tage arbeiten statt Thesen aufzusetzen, usw.

von Christian Aukamp

Ausbeutung - der jetztige Marktmechanismus

und die Rahmenbedingungen führen zur restlosen Ausbeutung der Milchbauern ! Natürlich wird das in Frage gestellt! Die dt. Milchviehhalter brauchen Unterstützung und nicht solche unterirdischen Fachbeiträge!!

von Rudolf Rößle

Klein und mittlere Betriebe

haben in der Regel höhere Kosten/erzeugtem Liter Milch. Dass der DB/Kuh sehr stark schwankt ist normal, weil die Betriebe unterschiedlich wirtschaften. Dennoch stellt sich die Frage welche Betriebsformen erhalten bleiben sollen. Zum Thema 40 Cent Milchpreis: Das funktioniert nur bei ... mehr anzeigen

von Frank Lenz

Bad News are good news!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist ein sehr aufschlussreicher Artikel. Fallt nicht auf die Taktik rein. Bleibt bei Euch. Positioniert Euch, formuliert wie Ihr Landwirtschaft betreiben wollt und den Milchpreis den Ihr dafür braucht. Im Artikel steht ja was zu tun ist. Um die ... mehr anzeigen

von Gerd Uken

2009 wollte uns

Schon jemand erzählen er könnte für 20 Cent produzieren Hat keine 10 Jahre gedauert - der hat keine Kühe mehr. Der Herr Proffessor lebt auch in einer anderen Welt- sorry aber so kann man Landwirtschaft nicht am Leben halten drei Jahre 31 Cent. Und was sagt er den jetzt zum anziehen des GDT ?

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