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Tierarzt rät dringend zur Rindergrippe-Impfung

Tierarzt Dr. Fabian Schleß und Familie Maas sind von der Rindergrippe-Impfung überzeugt. Wir haben nachgefragt, welche Vorteile das regelmäßige Impfen bringt und was es kostet.

Lesezeit: 8 Minuten

Die Grippeimpfung für unsere Rinder wollen wir nie wieder missen. Denn wir haben einmal einen Grippeeinbruch erlebt und das wollen wir unbedingt verhindern“, sagt Tobias Maas, Milchviehhalter und Bullenmäster aus Alpen bei Wesel (NRW).

Zusammen mit seinen Eltern Ulla und Klemens Maas bewirtschaftet er den Betrieb mit 200 Milchkühen, Nachzucht und 100 Mastbullen. Mit ihrer Fleckvieh-Herde melken sie rund 10.300 kg.

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Seit etwa zehn Jahren impfen die Landwirte das Jungvieh gegen Rindergrippe und sind überzeugt: „Der Schutz der Kälber und Jungtiere zahlt sich aus: Wir haben so gut wie nie Tiere mit Atemwegserkrankungen und wenn, dann nur mit sehr milden Symptomen.“

Die Tierarztpraxis „Rinderteam Niederrhein“ in Sonsbeck betreut Familie Maas. Dr. Fabian Schleß ist Tierarzt und Geschäftsführer. Mit einem Team von zwölf Tierärztinnen und Tierärzten betreut er 120 Rinderhalter in der Region, darunter Mastbetriebe und Milchviehbetriebe mit 30 bis 1.500 Tieren.

Impfen gegen Grippe

Etwa 70 % seiner Kunden impfen gegen Rindergrippe und Schleß ist von der Wirksamkeit überzeugt. „Etwa 15 bis 20 % der Kälber in Deutschland erkranken in den ersten drei Lebensmonaten an einer Atemwegserkrankung. Das zeigte eine Studie der TiHo-Hannover. Doch bei der Atemwegserkrankung bleibt es meist nicht“, so Schleß.

Eine Lungenerkrankung bei Kälbern und Jungrindern zieht oft einen Rattenschwanz an Folgeerkrankungen nach sich: Die Futteraufnahme geht zurück und auch die Lebendmassezunahmen sinken. Dann steigen oft auch das Erstkalbealter und damit die Kosten der Aufzucht. Laut Studien seien das rund 300 € Mehrkosten pro Tier.

Hinzu kommen Einbußen durch eine geringere Milch- oder Mastleistung. Denn Lungenschäden sind nicht sichtbar, doch einmal erkrankte Tiere erreichen als Milchkuh nie die maximale Milchleistung, ist Schleß überzeugt: „Die Lungen sind nicht optimal ausgebildet und damit ist eine Hochleistung nicht möglich.“

Impfen reduziert AB-Einsatz

Weil sich auf Lungenerkrankungen oft weitere Virus- oder Bakterieninfektionen setzen, reduziert das Impfen auch den Einsatz von Medikamenten. „Das können wir eindeutig bei unseren Kunden sehen: Betriebe, die Impfen, benötigen im Schnitt 50 % weniger Antibiotika im Kälberbereich als Betriebe, die nicht impfen“, sagt Schleß.

Mit dem ab Ende Januar 2022 ­geltenden EU-Tierarzneimittelgesetz werden Tierärzte in der Auswahl und Anwendung von Antibiotika deutlich eingeschränkt. Auch das spricht laut Schleß für das Impfen.

Mit Impfstoff therapieren

Es gibt grundsätzlich zwei Impfstoffvarianten. Inaktivierte Impfstoffe (Totimpfstoffe) enthalten nicht-vermehrungsfähige Bestandteile des jeweiligen Erregers, die der Körper als „fremd“ erkennt. Das regt das Immunsystem an, spezifische Antikörper gegen diesen Erreger zu bilden.

Aktivierte Impfstoffe (Lebend­impfstoffe), enthalten geringe Mengen vermehrungsfähiger, aber abgeschwächter Krankheitserreger. Diese lösen die Krankheit nicht direkt aus, sondern „infizieren“ im Körper die passenden Zellen. Es kommt zu einer schnellen und effizienten Antikörperbildung. Die Immunität kommt der einer natürlichen Infektion sehr nahe.

Eine Lungenerkrankung kostet in der Aufzucht rund 300 € - Dr. Fabian Schleß

„Welcher Impfstoff sinnvoll ist, hängt immer vom Zweck und der betrieblichen Situation ab. Aber wir arbeiten häufig mit aktiven Impfstoffen“, so Schleß. Unter anderem weil sich diese auch therapeutisch anwenden lassen, wenn bereits kranke Tiere in der Herde vorkommen oder zu erkranken drohen. Denn Lebendimpfstoffe wirken innerhalb kurzer Zeit, erklärt der Tierarzt. Die Immunreaktion sei stärker, da mehr eigene Antikörper gebildet werden. Aber auch als Prophylaxe sei ein Lebendimpfstoff sinnvoll, denn das Immunsystem ist damit auf eine Infektion gut vorbereitet.

„Als Sprühmittel für die Nase wirkt der aktivierte Impfstoff sehr lokal und wird direkt von den Schleimhäuten aufgenommen. Dort bilden die Antikörper quasi eine Barriere für Erreger, die somit gar nicht erst in die Lunge gelangen“, erklärt Schleß. Gleichzeitig belastet der Impfstoff nicht den gesamten Körper, sondern wirkt vor allem lokal. „Das ist besonders für junge Kälber sinnvoll und wenn die Tiere bereits erkrankt sind oder zu erkranken drohen“, so der Tierarzt. Die Virusbelastung ist reduziert und die zusätzliche Virenvermehrung wird gestoppt.

Erreger vorher bestimmen

Bevor Betriebe mit einem Impfprogramm starten, empfiehlt Schleß eine Diagnostik. „Es ist wichtig zu wissen, welche Erreger im Betrieb vorrangig vorkommen, um gezielt impfen zu können. Dafür reichen Proben von zwei bis drei Tieren je Haltungsgruppe. Die Kosten dafür übernehmen häufig die Impfstoff-Anbieter“, so seine Erfahrung. Für viele Betriebe sei es motivierender mit dem Impfen zu starten, wenn sie schwarz auf weiß die Erreger nachgewiesen bekommen.

Proben sind per Nasentupfer, Lungenspülprobe oder Blutuntersuchung möglich. „Die häufigsten Erreger für Rindergrippe sind BRSV, PI3, Mannheimia haemolytica und Pasteurella. Diese kommen auch in den meisten Betrieben vor“, sagt Schleß.

Dreimal Impfen gegen Grippe

Wenn der Tierarzt diese Erreger feststellt, empfiehlt er einen aktiven Kombiimpfstoff. So zum Beispiel bei Familie Maas vor einigen Jahren. Seitdem lassen sie alle Jungtiere impfen: Die erste Grundimmunisierung erhalten Kälber ab dem 14. Lebenstag als intramuskuläre Impfung. Gegen BRSV-Erreger sind die Kälber nach fünf Tagen immun und gegen PI3 nach zehn Tagen. „Nach vier Wochen impfen wir die Jungrinder bei Familie Maas ein zweites Mal. Dann sind sie für etwa sechs Monaten geschützt“, so Schleß.

Für Betriebe, die mit dem Impfen neu starten und gegebenenfalls angeschlagene Tiere haben, empfiehlt der Tierarzt eine intranasale Impfung der jüngsten Kälber und anschließend die beiden intramuskulären Impfungen im Abstand von vier und sechs Wochen.

Da vor allem Kälber und Jungrinder für Lungenerkrankungen anfällig sind, empfiehlt der Tierarzt diese Gruppen zu impfen. „Entscheidend sind die ersten vier Monate. Ältere Tiere sind für Rindergrippe weniger anfällig und nur, wenn andere Stressfaktoren hinzu kommen oder sie eine Erkrankung als Kalb verschleppt haben. Und Betriebe, die konsequent das Jungvieh impfen, entwickeln eine gewisse Herdenimmunität“, sagt Schleß.

Familie Maas setzt auf das Impfen im Herbst, berichtet Sohn Tobias: „Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht. Wir starten im September und impfen bis in den April. Beim ersten Mal impfen wir alle Kälber ab 14 Tagen und Jungtiere bis fünf Monate. Dann sind die Tierärzte alle vier Wochen zum Impfen bei uns und impfen alle neugeborenen Kälber mit. So sind alle Jungtiere im Winter und Sommer geschützt, bis im nächsten Herbst die neuen Kälber geimpft werden.“

Sinnvoller wäre es laut dem Tierarzt zudem, regelmäßig bzw. das ganze Jahr durchgängig zu impfen. „Eine Saison für Rindergrippe gibt es nicht. Von der saisonalen Impfung wollen wir daher weg und empfehlen das ganze Jahr zu impfen“, sagt Schleß.

Zwar bestehe in Phasen des Wetterumschwungs mit kalt, feuchten Nächten und optimalen Bedingungen für Erreger das größte Risiko. Aber auch im Sommer gebe es für Jungtiere Stresssituationen, wie das Umstallen oder Enthornen, die einen Grippeausbruch verursachen können.

Rentabel trotz Aufwand

„Wenn Betriebe nur im Herbst/Winter impfen möchten, dürfen sie nicht zu spät starten. Spätestens im Oktober sollten die Kälber eine Immunität haben. Deshalb erinnern wir spätestens mit der August-Rechnung an die anstehende Impfung“, so Schleß.

Der Tierarzt bleibt nach dem Impfen im engen Kontakt mit den Betrieben. „Wichtig ist zu beobachten und zu dokumentieren, ob die Impfung erfolgreich war. Es kann immer zu Impfeinbrüchen kommen, wenn also das Immunsystem den Erreger nicht optimal verarbeitet und nicht ausreichend Abwehrstoffe bildet“, so Schleß. Grund kann eine zusätzliche Bakterieninfektion sein, Stress oder Managementprobleme. Grundsätzlich sollten Betriebe rund um die Impfung auf Umstallen, Enthornen oder Futterumstellung verzichten, empfiehlt der Tierarzt.

Die Kosten für die drei Impfungen belaufen sich je nach Impfstoff auf 15 bis 25 € pro Tier. Diese Kosten zu vermitteln, ist für Tierarzt Schleß nicht immer einfach: „Wenn wir keine Tiere behandeln müssen, sehen die Betriebe die Kosten einer Grippeerkrankung nicht. Der verlorene Gewinn ist schwer zu beziffern. Während das Impfen selbst reale Rechnungen verursacht.“

Das bestätigt auch Milcherzeuger Tobias Maas: „Wenn wir im Herbst das erste Mal alle Jungtiere impfen, ist die Rechnung hoch. Dennoch bin ich überzeugt, dass wir am Ende von einer besseren Tiergesundheit und einer höheren Leistung profitieren. Eine Lungenentzündung kostet viel Geld. Im Vergleich dazu ist das Impfen günstiger.“

Wenn Kälber bei Familie Maas erkranken, zeigen sie nur milde Symptome und fressen weiter. Das ist für die Landwirte eine Erfolgsbestätigung. Auch andere Krankheiten sind selten auf dem Betrieb. „Durchfallerkrankungen sind bei uns die Ausnahme. Wir müssen seltener Kälber behandeln und sparen dadurch bares Geld“, sagt ­Tobias Maas.

Das Impfen lohnt sich: Unsere Tiere sind fitter und leistungsfähiger - Landwirt Tobias Maas

Zudem profitieren sie von der Herdenimmunität sowohl in der Milchproduktion als auch in der Bullenmast. Und auch beim Fresserverkauf, ergänzt Klemens Maas: „Das Erste, was der Händler fragt, ist: ‚Sind die Tiere geimpft?‘“

Neben dem Etablieren eines festen Impfkonzeptes hat Familie Maas aber auch die Haltung der Kälber und des Jungviehs in den letzten Jahren optimiert. Raus aus alten Ställen mit niedrigen Decken, rein in offene Stallsysteme bzw. überdachte Gruppeniglus.

Impfen ist kein Allheilmittel

In dem Zusammenhang macht auch Tierarzt Schleß deutlich: „Impfen kann zwar Mängel in der Haltung zeitweise ausgleichen bzw. überbrücken, bis Alternativen gefunden sind. Aber es ist kein Allheilmittel. Im Gegensatz: Impfen ist ein Baustein von vielen bei der Bekämpfung von Atemwegserkrankungen.“

Deshalb berät der Tierarzt die Betriebe auch zu Haltung oder Fütterung. Besonders wichtig ist für Schleß ein gutes Stallklima. Offene Stallsysteme seien ideal, aber auch ältere Ställe ließen sich optimieren, zum Beispiel mit Lüftungssystemen. Zudem empfiehlt der Tierarzt regelmäßiges Entmisten. Denn Ammoniak reizt die Schleimhäute und erhöht damit das Infektionsrisiko.

Tierarzt Schleß ist überzeugt: „Erfolgreiches Impfen ist ein betriebsindividuelles Gesamtkonzept, an dem alle mitwirken.“

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