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Vegane Wadenbeißer: Molkereien öffnen sich pflanzlichen Milchalternativen

Immer öfter greifen Verbraucher zu Milchalternativen aus Pflanzen. Die Milchbranche spürt’s. Nach einer Zeit der Ignoranz, teilweise auch Schockstarre, werden die Molkereien aktiv.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der Fachzeitschrift Lebensmittelpraxis 11/2021.

Es ist wie bei den Stechmücken: Einen Stich erträgt man locker, doch wenn man in so einen Schwarm mit „Wadenbeißern“ kommt, wird es doch sehr unangenehm. So erging es auch jahrzehntelang der Milchwirtschaft mit Milchimitaten. Die sind eigentlich ein alter Hut.

In Deutschland zugelassen – und damit auf dem Markt – sind sie seit 1990. Aber: Wer hat es bemerkt? Wen hat das gestört? Kaum jemanden in der Milchbranche. Jedenfalls nicht in den ersten 25 Jahren. Doch nun scheint die Phase, in der diese Alternativen nur von wenigen ernährungssensiblen Verbrauchern gekauft wurden, vorbei.

„Besonders in Discountern hat die Nachfrage stark zugenommen“, erklärt Dr. Kai-Brit Bechtold, Marktforscherin bei der internationalen Ernährungsorganisation ProVeg, woher das „Mehr“ kommt. „Das zeigt, dass pflanzliche Alternativen keine Nischenprodukte mehr, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind“, resümiert die Marktforscherin.

Erst Milch, jetzt Joghurt und Pudding

Das ist keine Einzelmeinung, wie das Marktforschungsinstitut NielsenIQ bestätigt. Demnach konnten Milchimitate im Lebensmittelhandel inklusive Drogerien im vergangenen Jahr ein Umsatzplus von über 40 % hinlegen. Die Absatzmenge stieg gar um 52 %.

Monetär setzt der Handel 2020 damit allein mit Konsummilchimitaten 396 Mio. € um. Aber nicht nur im flüssigen Bereich machen die veganen Milchersatzprodukte den Kuhmilchoriginalen den Platz im Regal streitig. Denn auch Joghurts und Puddings aus Hafer, Erbse, Soja, Mandel, Haselnuss, Kokosnuss oder Reis sind am Start. Ebenso wie Imitate im Käsebereich.

Trumpf unter den veganen Milchersatzprodukten ist aber ganz klar die flüssige Variante. Das bestätigt die NielsenIQ-Expertin Corinna Ludwig: „Insbesondere pflanzliche Drinks boomen und nehmen immer mehr Platz im Regal ein.“ So hatten Haferdrinks mit 184 Mio. € den höchsten Umsatzwert 2020, gefolgt von mandelbasierten Drinks mit 82 Mio. € und Milchimitaten auf Sojabasis mit 74 Mio. €. Zum Vergleich: Laut Nielsen wurde 2020 in Deutschland Trinkmilch im Wert von 4,51 Mrd. € über den Lebensmittelhandel verkauft. Was einem Umsatzplus von 10 % gegenüber 2019 entspricht.

Bei einer monetären Gegenüberstellung von Milch und Milchimitaten wird also deutlich: Mit Milch aus Eutern klingelt die Kasse. Aber: Schon jeder zwölfte Euro für flüssiges weißes Gold – egal welcher Herkunft – wird für Varianten aus pflanzlichen Stoffen ausgegeben.

Discounter springen auf den Zug auf

Die pflanzenbasierte Erfolgsgeschichte ist nicht zuletzt ihrer Platzierung im Handel zu verdanken. Diese Produkte dürfen gemäß der EU-Gesetzgebung zwar nicht als Milch bezeichnet werden, werden aber genauso wahrgenommen. So wie etwa in Schweden, dem Pionierland des Haferdrinks, wo das Produkt immer neben Milch im Kühlregal steht, obwohl es gar nicht gekühlt werden muss.

Ein Beispiel, dem auch immer mehr Händler hierzulande folgen. In deutschen Supermärkten fand man Haferdrinks und Co. bis vor Kurzem eher in der Öko-Ecke, bei den veganen Brotaufstrichen oder den dunklen Mehlen in Hocktiefe. In Discountern mehr oder weniger gar nicht. Nun sind die veganen Milchalternativen aufgestiegen. In Griff- und Augenhöhe und in die Harddiscounter.

„Wir wissen, dass unsere Kundschaft die Alternativen gerne zusammen an einer Stelle im Regal haben möchte. Daher ist es unser Anspruch, unseren Kunden und Kundinnen diesen Wunsch zu erfüllen, um ihnen langes Suchen zu ersparen“, so Marco Migliore, Senior Category Buyer Vollsortiment bei Rewe Group. Das Angebot und die Vielfalt an pflanzlichen Alternativen sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen.

„Im Supermarktregal ist der Konkurrenzkampf zwischen Kuhmilch und Pflanzenmilchprodukten inzwischen offensichtlich“, weiß Clara Mehlhose vom Marketinginstitut in Göttingen. „Auch wir beobachten ein starkes Wachstum bei Milchalternativen, während die klassischen Milchprodukte nur noch moderat wachsen“, so die wenig überraschende Antwort des Allgäuer Händlers Feneberg gegenüber einer Tageszeitung.

Kein Wunder also, wenn die Milchwirtschaft die Stirn in Falten legt. Auch die streng reglementierte Benennung der Alternativen auf EU-Ebene hat nicht dazu beigetragen, sich von diesen Produkten abzugrenzen oder sie gar in der Nische zu halten. In der Verordnung heißt es: Der Ausdruck „Milch“ ist ausschließlich dem durch ein-...


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