Krise der Veredelung

Vieh- und Fleischhandel warnt vor Verdrängung der heimischen Fleischerzeugung

Verband sieht dringenden Handlungsbedarf der Politik wegen der existentiellen Bedrohung durch ASP und der verschärften Rahmenbedingungen im Arbeitsrecht.

Den dramatischen Verfall des Schweinepreises in Verbindung mit äußerst ungünstigen weiteren Rahmenbedingungen der Fleischerzeugung in Deutschland sieht der stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Vieh- und Fleischhandelsverbandes, Reinhold Koller, als ernst zu nehmende Gefahr für eine Verdrängung der heimischen Produktion von Lebensmitteln tierischen Ursprungs. Die Politik müsse nun durch stärkere Förderung der heimischen Landwirtschaft sicherstellen, dass Deutschland zukünftig nicht in ein starkes Abhängigkeitsverhältnis beim Import von Lebensmitteln gerät, sondern weiterhin hochwertige Lebensmittel aus eigener Produktion zur Verfügung hat.

„Der Ausbruch der afrikanischen Schweinepest bei Wildschweinen in Deutschland und die damit zusammenhängende, schwierige Vermarktung von Schweinefleisch haben dazu geführt, dass etliche Schweinehalter darüber nachdenken, die Schweinehaltung insgesamt aufzugeben", warnte Koller. Ein Ende der momentan herrschenden Krise sei nicht absehbar, weil auch die Schlachtkapazitäten aufgrund der Corona-Situation und den damit einhergehenden Infektionsschutzmaßnahmen nicht vorhanden sind. "Wir gehen davon aus, dass deutschlandweit ein Überhang von mehreren 100.000 Schweinen vorhanden ist, die eigentlich schlachtreif sind, aber nicht vermarktet werden können", so Koller weiter.

Mittelfristig könne dies bedeuten, dass Deutschland den hohen Grad der Selbstversorgung mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln tierischen Ursprungs verliert und auf Importe angewiesen ist. "Wie wir in dieser Situation hohe Qualitätsansprüche und vor allem den gesellschaftlich geforderten hohen Standard an Tierschutz gewährleisten sollen, sehen wir nicht. Ausländische Vorgaben für Tierschutz können wir nicht beeinflussen. Die mangelnde Loyalität der Politik mit unseren Landwirten werden wir nicht weiter hinnehmen!“ so der Verbands-Vize.

Koller fordert die Bundesregierung auf, zumindest die Maßnahmen zu ergreifen, die aus Sicht der Experten auf der Hand liegen:

  • Das angekündigte Arbeitsschutzkontrollgesetzes mit dem Verbot des Einsatzes von Fremdarbeitskräften in der Fleischwirtschaft ab dem 1. Januar 2021 müsse entschärft und
  • zusätzliche Schichten und Schlachtungen am Wochenende müssten durch großzügige Ausnahmen vom Arbeitszeitgesetz für Schlacht- und Zerlegebetriebe geschaffen werden.

„Es kann nicht im Sinne der Bundesregierung sein, dass eine systemrelevante, wichtige Branche dauerhaft um ihre Existenz in Deutschland bangen muss", warnt Koller. "So wie die medizinischen Berufe in der Hochphase der Corona-Krise, müssen auch die Agrar- und Lebensmittelproduktion jetzt die notwendige Anerkennung finden!“

Die Redaktion empfiehlt

ASP und Corona dürften auch 2021 für Verwerfungen im europäischen Schweinefleischmarkt sorgen. Die EU-Kommission hat eine Prognose erstellt.

Edeka Südwest führt eine Preisuntergrenze für Schweinefleisch von Erzeugern des Regionalprogramms Gutfleisch ein. So will der Händler die ASP-Folgen mit den sinkenden Marktpreisen abfedern.

Heribert Breker von der Landwirtschaftskammer NRW beantwortet die Frage, wo der aktuelle Schweinestau herkommt. Hintergrund: Die Schlachtbranche sagt, sie sei bei 95 % der alten Kapazitäten...


Diskussionen zum Artikel

von Günter Schanné

Vieh- und Fleischhandel

Die derzeitige Geringschätzung der Arbeit der tierhaltenden Landwirte haben diese selbst zu verantworten. Sie sind bislang nicht bereit auf kriminelle Eingriffe bei den Tieren wie das Ferkelschwanzkupieren, das Ausbrennen der Hornknospen bei Kälbern, das Einsperren von Muttersauen in ... mehr anzeigen

von Hermann Kamm

Ist doch logisch

wenn mehr Agrar Ware Importiert wird als verbraucht wird. Armes Deutschland, wenn unsere Gesellschaft das büsen muss, dann müssen sie noch irgendwann enorm hungern, spätestens wann es bei uns keine Bauern mehr gibt.

von Wilfried Maser

Da sollte sich

der Vieh- und Fleischhandelsverband mal Gedanken darüber machen, was kann er tun damit ihm die Lieferanten nicht wegbrechen. Ein Feld wäre das Preisfindungs- und Bezahlverhalten. Ein weiteres Feld wäre die Öffentlichkeitsarbeit, hier könnten die Landwirte auch Unterstützung ... mehr anzeigen

von Bernhard ter Veen

Die Angst den davonschwimmenden Fellen

hinterherschauen zu müssen... das haben die Herren der Branche doch selbst Verursacht... mit ihrer dem Erzeuger gegenüber unsolidarischen Gewinnsucht- exzessiven Expansion- der Konzernkomprimierung bis fast hin zum Monopol- und dann noch JAMMERN ...selbst wenn man seine Gewinne allesamt ... mehr anzeigen

von Erwin Schmidbauer

Im Strudel

Die Erfahrung lehrt: jedes mal, wenn ein Gesetz geändert wird, gibt es wieder "findige" Menschen, die diese Umgehen. Und in vielen Fällen müssen dann alle anderen der Branche mitziehen, um nicht wirtschaftlich abgehängt zu werden. Moral macht jemanden schnell zum Hungerleider.

von Wilfried Brade

Zu spät

Die Veredlung wandert weiter ab.......Der Weckruf auch dieses Verbandes kommt viel zu spät.. Die Wertschätzung der Arbeit der tierhaltenden Landwirte war noch nie so schlecht wie aktuell.. Die Politik, die zugehörigen vielfältigen und überproportional großen wissenschaftlichen ... mehr anzeigen

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