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Achtung Fake-News: Pflanzenschutzmittel-Rückstände im Schlafzimmer?

Kurz vor dem Scheitern der EU-Bürgerinitiative zum Verbot von Pflanzenschutzmitteln fährt eine NGO aus Österreich schweres Geschütz auf. Sie behauptet, PSM seien in Wohnungen nachweisbar.

Lesezeit: 5 Minuten

„Wir haben den Hausstaub von 21 EU-Ländern auf Pestizide untersucht und allerhand Rückstände gefunden“, behauptete am Dienstag die österreichische Umweltschutzorganisation Global 2000/Friends of the Earth Austria in einem ORF-Beitrag. Mit ihrer gewagten Behauptung versuchen die Agrarkritiker, die noch fehlenden Unterschriften für die EU-Kampagne gegen Pflanzenschutzmittel einzutreiben und so das drohende Scheitern noch zu verhindern – wir berichteten.

Die Behauptung

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Der Verein behauptet nachgewiesen zu haben, dass Pflanzenschutzmittelrückstände in Wohnbereiche gelangen. So würde ein Teil der Mittel bei der Ausbringung in die Luft vernebelt und durch den Wind in der Umgebung verteilt, so die Gegner. Vor allem Menschen, die auf dem Land in der Nähe von intensiv landwirtschaftlich genutzten Flächen wohnen, seien dadurch besonders gefährdet.

Mit der Unterstützung von Partner-NGOs haben die Österreicher nach eigener Aussage aus 21 EU-Mitgliedsstaaten Hausstaub-Proben in ihren Schlafzimmern genommen. Ein spezialisiertes Labor in Frankreich soll sie dann auf Rückstände von 30 in der EU verwendeten Wirkstoffen hin untersucht haben.

Im Durchschnitt seien die 21 untersuchten Schlafzimmer mit acht Wirkstoffen je Probe belastet gewesen, meint Global 2000. Der höchste gefundene Wert soll bei 23 Wirkstoffen in der Probe aus Belgien, der niedrigste bei einem Wirkstoff in Malta gelegen haben. Pestizide, die laut EU-Behörden im Verdacht stehen, bei Menschen Krebs zu erzeugen, habe man in jeder vierten Probe gefunden. „Bekannte Cholinesterase-Hemmer fanden wir in jeder dritten Probe. Und Pestizide, die im Verdacht stehen, die menschliche Fortpflanzung zu schädigen, wurden in 17 der 21 Schlafzimmerproben (81 %) gefunden“, erklären die Österreicher weiter.

In einer Pressemitteilung verbreiten sie anhand weiterer Prozentzahlen zu Spiroxamin, Fluazinam, Metolachlor, Pendimethalin etc. Verunsicherung, da diese Stoffe zu DNA-Schädigung, oxidativem Stress und Cholinesterase-Hemmung, zu erhöhtem Risiko für Krebs, Fortpflanzungsschäden und anderen chronischen Beeinträchtigungen führten. Auch würden sie Missbildungen beim ungeborenen Kind hervorzurufen und das Hormonsystem schädigen.

Experten weisen auf gravierende Fehler hin

Diese obige Aussage stößt bei Agrarexperten auf heftige Kritik. Sie verweisen auf gravierende fachliche Mängel dieses Papiers und rufen zu mehr Sachlichkeit im Agrardiskurs auf.

"Die vorliegende Publikation beinhaltet unter anderem Umrechnungsfehler, welche die Ergebnisse dramatisch erscheinen lassen. Auch das Forschungsdesign entspricht bei Weitem nicht den wissenschaftlichen Standards, die etwa Industriestudien erfüllen müssen. So wurde nur eine einzige Probe in Österreich gezogen, aus der dann Rückschlüsse auf ganz Österreich abgeleitet werden", kritisiert der Obmann der IndustrieGruppe Pflanzenschutz (IGP) in Österreich, Christian Stockmar.

"Die Industrie reicht für einen Wirkstoff ein Dossier mit bis zu 50.000 Seiten ein, das umfassende Studien und Analysen beinhaltet, zitiert ihn aiz.info. Diese müssten die Sicherheit eines Wirkstoffs bei einer den Auflagen entsprechenden Anwendung nachweisen können, damit er zugelassen wird", gibt der Obmann demnach zu bedenken.

Ein besonders gravierender Fehler in dem NGO-Papier sei bei der Umrechnung der erhobenen Pestizidwerte passiert: Auf Seite 10 behaupten die Studienautoren: "Die höchste Pestizidbelastung (gemessen an der Gesamtmenge der nachgewiesenen Wirkstoffe) lag bei 4.942 mg/kg (Dänemark)." Tatsächlich wurden laut Tabelle 4.942 ng/g gemessen. Bei der Umrechnung von Nanogramm auf Milligramm wurde also im Text das Tausendfache des tatsächlich gemessenen Werts angegeben.

Obstbauern setzen auf verlustarme Sprühtechnik

Die einzige österreichische Probe, die in dieser Untersuchung ausgewertet wurde, stammt aus einem Intensivobstanbaugebiet. Auch hier geben die Experten zu bedenken, dass das Ergebnis keinesfalls repräsentativ für das ganze Land sein könne. Der Bundesobstbauverband (BOV) wiederum weist darauf hin, dass in dem ORF-Bericht, in welchem die Studie vorgestellt wurde, eine veraltete, nicht mehr zeitgemäße Pflanzenschutztechnik gezeigt wurde.

"Die Zukunft ist die verlustarme Sprühtechnik, sie findet immer größere Verbreitung im Obstbau. Eine spezielle Düsenbestückung in Verbindung mit einer optimierten Gebläseluftsteuerung sorgt für eine nachhaltige Verminderung von Pflanzenschutzmittel-Einträgen auf Nicht-Zielflächen. Die Abdrift kann dadurch um mehr als 90% reduziert werden", wird betont. Der BOV bemüht sich, dass diese Technik noch breitere Verwendung in der Praxis findet. Dazu wäre es wichtig, sie in die Investitionsförderung der Ländlichen Entwicklung zu integrieren.

Fragwürdige, intransparente Methodik

Experten der Landwirtschaftskammer (LK) Österreich äußern auch generelle Bedenken gegen die Methodik dieser Untersuchung. Es sei unseriös, Proben unter nicht definierten Entnahmebedingungen zu ziehen und aus einer einzigen Probe Rückschlüsse auf die Situation eines gesamten Landes zu ziehen. Außerdem treffe das in der Studie zugrunde gelegte Szenario auf die meisten Wohnungen und Wohnflächen in Österreich nicht zu, weil die Probe unmittelbar neben einer landwirtschaftlichen Nutzfläche gezogen wurde.

Grundsätzlich sei festzuhalten, "dass die Bäuerinnen und Bauern selbst größtes Interesse an der Sicherheit ihrer Betriebsmittel und an der Qualität der von ihnen erzeugten Lebensmittel haben. Landwirte in Österreich arbeiten unter strengsten Auflagen. Für den Erwerb und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln müssen sie eine spezielle Ausbildung absolvieren. Geräte, mit denen sie Pflanzenschutzmittel ausbringen, müssen regelmäßig überprüft werden", so die LK-Experten.

Sie verweisen darüber hinaus auf die höchst aufwendigen, mehrstufigen und strengen Pflanzenschutzmittelprüf- und -zulassungsverfahren der europäischen und nationalen Gesundheitsbehörden. Einschlägige LKÖ-Projekte und regelmäßige Proben der AGES zeigten überdies, dass es in Österreich im Allgemeinen keine bedenklichen Rückstände und Belastungen von Erntegut gibt.

"Das vorgelegte NGO-Papier ist ein verwerfliches Spiel mit der Angst der Menschen. Tatsächlich soll hier eine Kampagne befeuert und kein Beitrag zu einem sachlichen und wissenschaftsbasierten Diskurs geleistet werden", fasst Stockmar die Kritik an der Studie zusammen. Nichtsdestotrotz will sich Global 2000 gemeinsam mit der Bürgerinitiative für eine "pestizidfreie Landwirtschaft in der gesamten EU" einsetzen.

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