Industrie bietet Leseraum für Glyphosat Studien an

Die EU-Kommission verlangt von der Pflanzenschutzindustrie die Veröffentlichung aller Studien, die sie bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) über Glyphosat eingereicht hat. Die Industrie fürchtet einen Missbrauch ihrer Daten. Als Kompromiss bietet sie einen Leseraum für die Einsicht an.

Die EU-Kommission verlangt von der Pflanzenschutzindustrie die Veröffentlichung aller Studien, die sie bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) über Glyphosat eingereicht hat. Die Industrie fürchtet einen Missbrauch ihrer Daten. Als Kompromiss bietet sie einen Leseraum für die Einsicht an.

Der EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis hatte Anfang der Woche in einem Brief die Veröffentlichung aller Studien, die bei der Efsa zur Neuzulassung von Glyphosat eingereicht wurden, gefordert. „Ich glaube, dass eine proaktive Veröffentlichung aller Studien inclusive der zugrundeliegenden Rohdaten durch die Glyphosate Task Force nützlich für die gesamte Gesellschaft wäre und den weiteren Diskussions- und Entscheidungsprozess erleichtern würde“, schrieb Andriukaitis an den Herstellerverband Glyphosat Task Force (GTF).

Studien sollen Gesellschaft beruhigen

Er begründete diese Forderung damit, dass ein „erheblicher Teil der Zivilgesellschaft“ beunruhigt über die Unterschiede bei der Bewertung hinsichtlich des Krebsrisikos von Glyphosat seien, wie sie von der Efsa und von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) abgegeben worden seien. "Als Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit kann ich diese Bedenken und Zweifel nicht ignorieren", schreibt Andriukaitis in dem Brief weiter. Die Efsa hatte im November 2015 ihre Empfehlung für die erneute Zulassung von Glyphosat heraus gegeben. Darin schätzte sie die krebserregende Gefahr des Wirkstoffes als „unwahrscheinlich“ ein. Anders hatten im Sommer 2015 die Forscher der IARC geurteilt, als sie Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ für den Menschen eingestuft hatten.

EU-Parlament macht ebenso Druck

Der Gesundheitskommissar bezog sich in seinem Schreiben auch darauf, dass sich das EU-Parlament in der kommenden Woche im Plenum mit dem Widerzulassungsverfahren von Glyphosat befassen wird. Der Umweltausschuss des Europaparlaments hat sich bereits Ende März gegen die Neuzulassung des Totalherbizids ausgesprochen, solange nicht weitere Untersuchungen durchgeführt würden. In einem Entschließungsantrag forderte auch der Ausschuss mehrheitlich die Veröffentlichung der Herstellerstudien.

Hersteller warnen vor Missbrauch ihrer Daten

Die Glyphosate Task Force (GTF) schlägt in ihrer Antwort auf den Brief des EU-Kommissars einen Lesesaal als möglichen Zugang zu den Studien vor. Hierdurch werde der Zugang auf Kopien aller 14 von der GTF eingereichten Studien zur Kanzerogenität, dem Krebsrisiko, ermöglicht, teilt die GTF in ihrer Antwort mit. Die Hersteller betonen jedoch, dass dies ein Ausnahmefall sei und in keiner Weise einen Präzedenzfall für andere Studien und Substanzen schaffen solle. Zu groß ist das Misstrauen bei den Herstellern, dass ihre Daten missbraucht werden könnten. Das sei auch der Grund, weshalb sie sich gegen eine umfängliche Veröffentlichung stellten, ist dem Schreiben weiter zu entnehmen. „Die GTF möchte betonen, dass die Debatte zu Glyphosat und zu der gesetzlich vorgegebenen Vertraulichkeit von Daten von Antragstellern nicht dazu missbraucht werden darf, die gesamte Grundlage zur Bewertung von Pflanzenschutzmitteln in Frage zu stellen“, heißt es darin.

Der deutsche Herstellerzusammenschluss, die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat (AGG) wies indes darauf hin, dass die zugänglich gemachten Daten bereits fachlich seriös bewertet wurden. Auch seien alle 14 Studien bereits Bestandteil eines begutachteten wissenschaftlichen Fachbeitrages, der im Internet unter „Greim et al., 2015“ abgerufen werden könne. „Diese zusätzliche Transparenz sollte nicht ausgenutzt werden, um wissenschaftlich haltlos zu skandalisieren und Panik zu schüren“, mahnte die Sprecherin der AGG, Ursula Lüttmer-Ouazane.

Ohne Entscheidung droht zunächst nur die strückweise Verlängerung

Die Entscheidung über die weitere Zulassung von Glyphosat haben die EU-Mitgliedstaaten auf die nächste Sitzung des Ständigen Ausschusses für Pflanzen, Tiere, Nahrungs- und Futtermittel am 18. und 19. Mai vertagt. Anfang März hatte sich eine Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten bei einer Probeabstimmung nicht auf die Wiederzulassung einigen können. Die Bundesregierung hatte dabei mit einer Enthaltung gestimmt, weil das Bundesumwelt- und Bundeslandwirtschaftsministerium entgegengesetzte Positionen vertreten.

Zum 30. Juni 2016 läuft die bestehende Zulassung auf EU-Ebene für Pflanzenschutzmittel mit dem Wirkstoff Glyphosat aus. Sollte es bis dahin keine Entscheidung geben, ist es möglich, dass die EU-Kommission die bestehende Zulassung ein drittes Mal für ein halbes Jahr bis Ende 2016 verlängert. Damit könnte eine rechtliche Lücke für die Anwendung durch die Landwirte vermieden werden.

Weitere Hintergründe:

Europaparlamentarier bekräftigen Zweifel an Glyphosat (29.3.2016)

Entscheidung über Glyphosat wird verschoben (8.3.2016)

Efsa entlastet Glyphosat (12.11.15)

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