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„Stillstand statt Fortschritt“

Neue Züchtungstechnologien fallen nun unter das Gentechnikrecht. Damit entgehen der Landwirtschaft innovative Sorten – davon ist Stephanie Franck vom BDP überzeugt.

Lesezeit: 7 Minuten

Neue Züchtungstechnologien fallen nun unter das Gentechnikrecht. Damit entgehen der Landwirtschaft innovative Sorten – davon ist Stephanie Franck vom BDP überzeugt.


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Kürzlich hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass neue Züchtungstechnologien, wie Crispr/Cas9, unter das Gentechnikrecht fallen. Welche Folgen hat das für den Zuchtfortschritt?


Franck: Die Pflanzenzüchter arbeiten mit vielen verschiedenen Methoden, wobei Kreuzung und Selektion nach wie vor die Grundlage bilden. Genscheren wie Crispr/Cas9 hätten dort ergänzend eingesetzt werden können, wo die genetischen Grundlagen einer Eigenschaft bekannt sind und die gewünschte Ausprägung des Gens in der angepassten Form einer Art nicht vorkommt. Also dort, wo man aufwendige Kreuzungen mit wilden Verwandten machen oder Mutationsprogramme durchführen muss, in der Hoffnung, dass man damit die gewünschte Eigenschaft erhält.


Die hohen Regulierungsanforderungen des Gentechnikrechts werden nun voraussichtlich dazu führen, dass die Züchter das Potenzial dieser Methoden nicht nutzen können. Dies wird sich auf den Zuchtfortschritt auswirken.


Was bedeutet das Urteil für den Austausch genetischer Ressourcen?


Franck: Ob und wie wir künftig weiterhin Pflanzen aus der ganzen Welt für die Weiterzüchtung in Europa nutzen können, ist völlig unklar. Der weltweite Austausch genetischer Ressourcen – dazu zählen auch neue Zuchtsorten aus anderen Ländern – ist das Kernelement des züchterischen Fortschritts. Eine marktreife Sorte enthält somit genetische Informationen aus einer Vielzahl von Ausgangspflanzen. Wenn Pflanzen aus Genome Editing außerhalb der EU ohne gesonderte Zulassung und Kennzeichnung angebaut werden und man sie von klassisch gezüchteten Sorten nicht unterscheiden kann – wie können wir in Europa dann noch genetische Ressourcen aus dem Rest der Welt nutzen? Hier droht der Innovationsmotor der Züchtung abgewürgt zu werden.


Wie stark beschleunigen die neuen Züchtungsmethoden den Zuchtfortschritt im Vergleich zu klassischen Methoden?


Franck: Bei der Kreuzung zweier Elternpflanzen können neben den erwünschten Eigenschaften auch zahlreiche unerwünschte Merkmale mit übertragen werden. In diesem Fall muss man sie durch mehrfache Rückkreuzungen wieder entfernen. Mit den neuen Züchtungsmethoden ist es möglich, Merkmale gezielt zu verändern, wenn die zugrundeliegende Genetik aufgeklärt ist. Dadurch lassen sich Rückkreuzungsschritte, die mehrere Jahre in Anspruch nehmen, reduzieren und der Züchtungsprozess abkürzen.


Insgesamt bleibt die Pflanzenzüchtung aber auch mit diesen Verfahren eine langwierige und teure Angelegenheit, da es nicht ausreicht, einzelne Eigenschaften zu verbessern. Jede Sorte muss immer in der Gesamtheit ihrer wertbestimmenden Merkmale über-zeugen.


Landwirte benötigen dringend Sorten, die Wetterextremen wie Trockenheit oder Frost besser standhalten. Auch Krankheitsresistenzen sind mehr denn je gefragt. Wie schnell ließen sich Erfolge mit den neuen Methoden realisieren?


Franck: Die Entschlüsselung des Genoms und die Zuordnung von Genen zu Merkmalen der Pflanze bringen uns nicht nur umfangreiche Erkenntnisse zur Genetik von Resistenzen und Toleranzen gegen Krankheitserreger. Auch zur Genetik bedeutender Eigenschaften wie beispielsweise der Platzfestigkeit von Schoten bei Raps gibt es vielversprechende Ergebnisse.


Wichtig ist, dass wir uns bei der Erforschung und Entwicklung umwelt-stabiler Pflanzen möglichst vieler Züchtungsmethoden bedienen können. Merkmale wie Hitze- und Trockentoleranz haben eine sehr komplexe, teils unbekannte Genetik. Hier hilft die Kreuzung mit genetischen Ressourcen aus trockenen Weltregionen. Häufig ist die erwünschte Trockentoleranz aber an negative Eigenschaften wie fehlende Mehltauresistenz gekoppelt. Dies ist z.B. beim Weizen so. Hier könnte Genome Editing unterstützen, die Mehltauresistenz in den neuen, trockentoleranteren Kreuzungs-Nachkommen wieder zu etablieren.


Wo hört für Sie die klassische Züchtung auf und wo fängt Gentechnik an?


Franck: Wenn in eine Pflanze genetisches Material aus einer anderen Art eingebracht wurde, ist das unzweifelhaft ein gentechnisch veränderter Organismus, egal ob dieser mithilfe der klassischen Gentechnik erzeugt wurde oder mit neuen Züchtungsmethoden.Mit den neuen Methoden können aber auch Pflanzen entwickelt werden, die sich von natürlich entstandenen oder durch Kreuzung und Selektion entwickelten nicht unterscheiden. Sie sollten nach Auffassung der Pflanzenzüchter auch wie diese behandelt werden.


Wie wirkt sich das Urteil auf mittelständische Züchtungsunternehmen aus?


Franck: Nach dem Urteil müssen alle Pflanzen, die mithilfe neuer Züchtungsmethoden entwickelt werden, als genetisch veränderte Organismen reguliert und damit durch das finanziell sehr aufwendige Zulassungsverfahren gebracht werden. Dabei sind die Erfolgsaussichten und vor allem die Dauer unklar. Vor diesem Hintergrund sehen die mittelständischen Pflanzenzüchter nur wenig Perspektiven für die Nutzung dieser Methoden. Viele Mittelständler sind in ihren Kulturarten Marktführer, das gilt z.B. für die Gemüsezüchter. Aber auch Kartoffeln, Rüben oder Roggen sind nur einige Beispiele für Arten, in denen der Mittelstand Europas weltweit züchterisch führend ist. Wenn sich Produkte aus Genome Editing auf dem wichtigen Heimatmarkt EU nicht nutzen lassen, ist es fraglich, ob unsere Spitzenreiter ihre internationale Position halten können. Außerhalb der EU konkurrieren ihre Produkte dann mit solchen, die genomeditiert sein können.


Wie verändert das Urteil den Wettbewerb zwischen mittelständischen Züchtungsunternehmen und international agierenden Großkonzernen?


Franck: Es gibt Befürworter des Urteils, die sich erhoffen, dass der Wettbewerbsdruck auf die einheimischen mittelständischen Züchter nun sinkt, weil niemand die Methoden nutzen kann – jedenfalls nicht für den Saatgutmarkt der EU. Tatsächlich ist es wohl eher so, dass nun der Wettbewerbsdruck auf die hiesigen Landwirte steigt: Während jede innovative Sorte, bei deren Entstehung neue Züchtungsmethoden verwendet wurden, in Europa künftig pauschal als GVO gesehen wird, kommen in anderen Ländern der Welt entsprechend gezüchtete Pflanzen bereits ohne Regulierungsauflagen in den Markt. Das kann zu Wettbewerbsverzerrungen zwischen den Agrarräumen führen. Sicher kann man sagen, dass große international agierende Unternehmen weniger Schwierigkeiten haben, die hohen Anforderungen der GVO-Zulassung in der EU zu stemmen. Sollten der europäischen Landwirtschaft also doch genomeditierte Sorten zur Verfügung stehen – nach Gentechnikrecht zugelassen – dann werden sie kaum aus dem Mittelstand kommen.


Außerhalb der EU bedient man sich bereits der Crispr/Cas9-Methode. Werden uns Länder wie China in naher Zukunft in der Züchtung überholen?


Franck: Das kann bei einigen Zuchtzielen in bestimmten Kulturarten durchaus der Fall sein. Wir rechnen damit, dass Wissen und Innovation im Bereich der neuen Züchtungsmethoden verstärkt ins außereuropäische Ausland abwandern werden. Mit neuen Züchtungsmethoden entwickelte Endprodukte werden sicherlich irgendwann auch auf den europäischen Markt drängen, ohne dass die hiesigen Unternehmen – Züchter, Landwirte und Verarbeiter – davon profitieren können.


Was sollte der Gesetzgeber jetzt tun? Benötigt die EU ein neues, modernisiertes Gentechnikrecht?


Franck: Insbesondere aus der Wissenschaft kommen schon länger Überlegungen zu einem neuen Gentechnikrecht. Solche Forderungen werden nun zahlreicher. Gesetzesänderungen und -initiativen sind langwierig und mit hohem Aufwand verbunden. Deshalb müssen sie gut durchdacht sein, insbesondere hinsichtlich möglicher Konsequenzen. Als BDP werden wir nun in unseren Verbandsgremien zunächst die Ableitungen aus dem EuGH-Urteil diskutieren und Handlungsoptionen erörtern.


Welche Herausforderungen sehen Sie?


Franck: Wir Züchter übersetzen Ergebnisse aus der Forschung in Produkte. Das ist nur sinnvoll, wenn die Produkte auch gewünscht werden. Es reicht nicht, dass die Landwirtschaft möglichst innovative Sorten will. Wir müssen uns über die gesamte Wertschöpfungskette bis hin zum Verbraucher darüber verständigen, dass wir immer nachhaltigere und produktivere Agrarökosysteme brauchen. Es ist richtig, dass dazu vielfältige Fruchtfolgen notwendig sind und ein besonderes Augenmerk auf Humusbildung und die Gesamteffizienz von Produktion und Konsum zu legen ist – wozu dann auch Ernährungsfragen gehören, ebenso wie der viel zu hohe Verlust beim Transport, im Lager und in Haushalten. Aber auch bei all diesen Fragen sollte der Beitrag der Züchtung ein zentraler Baustein sein, denken Sie an die große Vielfalt, die züchterisch bearbeitet werden muss, und an hochrelevante Zuchtziele wie N-Effizienz, Produktqualität und Haltbarkeit.


Wir brauchen ein gesamtgesellschaftliches Verständnis für diese Perspektive und für die Rolle der Züchtung darin. Daher kann man aus meiner Sicht nur in einem solchen Kontext breit über neue Rechtssetzung diskutieren.


Das Interview führte Matthias Bröker

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