top agrar plus Ukraine Krieg

Verzicht auf Pflanzenschutz auf Kosten der anderen?

Die Forderung, in den fruchtbarsten Regionen der Erde auf nahezu 50 % Ertrag zu verzichten, sei ethisch und moralisch nicht vertretbar. Das führt uns der Ukraine-Krieg gerade deutlich vor Augen.

Unser Autor: Prof. Dr. Joseph-Alexander Verreet,Universität Kiel

Der Sektor Landwirtschaft ist die Grundlage für den Wohlstand unserer Zeit. Die Menschen mit ausreichend Nahrung zu versorgen wird wegen der steigenden Weltbevölkerung und den zunehmenden Krisen zu den größten Herausforderungen der nächsten 100 Jahren zählen. Darüber hinaus wird die Landwirtschaft auch die zunehmende Futtermittelversorgung, die Rohstoffnachfrage und Energieversorgung befriedigen müssen. Damit haben die Anforderungen an die praktische Landwirtschaft weltweit extrem zugenommen.

Dieser Artikel ist bereits im Dezember 2020 erschienen, als die Leopoldina (Nationale Akademie der Wissenschaften) eine ökologischen Wende forderte, die unweigerlich Ertrag kosten wird. Angesichts des Ukrainekrieges, hat sich die Thematik schneller verschärft, als gedacht: Die stockenden Weizenausfuhren eines der wichtigsten Exportländern und die stark angestiegenen Getreidepreise heizen das Hungerrisiko in Teilen der Welt, die zugleich gerade häufig unter starken Dürren leiden, zusätzlich an.

Mehr Menschen haben Hunger

Bereits am Welternährungstag 1997 wie auch am Welthungertag 2020 wiesen Experten auf die Situation hin, dass durchgehend nahezu 800 Mio. Menschen, davon 190 Mio. Kinder, auf der Welt unterernährt sind.

Nach Schätzungen der FAO (Food and Agriculture Organisation) wird die Bevölkerung in 2020 auf annähernd 8 Mrd. und im Jahr 2050 auf 10 Mrd. Menschen ansteigen. Die recht genauen Prognosen der FAO sagen im Detail bis 2050 voraus, dass die Bevölkerung Asiens um 25% auf 5,3 Mrd., Nord- und Südamerikas um 29 % auf 1,2 Mrd., Afrikas um 141% auf 2,5 Mrd. steigen und in Europa um 3 % auf 716 Mio. abnehmen wird.

In Summe bedeutet dies für die Nahrungsmittelversorgung aller Menschen in 2050, dass sich die pflanzliche Nahrungsmittelproduktion auf den vorhandenen Flächen verdoppeln muss.

Hinzu kommt, dass mit dem in industriell aufstrebenden Ländern wachsenden Wohlstand, der Energiebedarf und der Fleischkonsum deutlich zunehmen. Die Veredlung von tierischem Protein durch pflanzliche Futtermittel führt zu einem steigenden Futtermittelbedarf, was sich wiederum zu einem konkurrierenden Flächenbedarf entwickelt. Gleichzeitig nimmt aber das für die Nahrungsmittelproduktion verfügbare Ackerland pro Kopf ab.

Durch die Abnahme der Erdölreserven steigt zudem der Bedarf an alternativen Energierohstoffen an. Der prognostizierte Klimawandel wirkt sich darüber hinaus auf die Ertragsleistung aus. Es sind vermehrt Ernteverluste durch widrige Wetterbedingungen zu erwarten. Insgesamt resultiert daraus eine erhöhte Konkurrenz der Anbauflächen um Nahrung, Futter, Bioenergiepflanzen und Faser.

Zwei Wege zu mehr Nahrung

Um im Jahr 2050 alle Menschen ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen, bedarf es der Anstrengungen aller – aber besonders der Länder und Regionen, in denen bereits Überfluss herrscht. Sie haben das Know-how und die Ressourcen, effizient und umweltschonend zu produzieren.

Das Überleben und das Wohlergehen der zukünftigen Generationen ist primär von einer ausreichenden und gesunden Ernährung abhängig. Der Beitrag der Landwirtschaft liegt damit in der Nahrungsmittelproduktion. Um den steigenden Bedarf zu sichern sind zwei Wege möglich:

  • Erweiterung der Flächen durch bisher landwirtschaftlich nicht genutzte Flächen.
  • Steigerung der Produktion auf den bereits genutzten Flächen.

Die Erweiterung der Anbauflächen stößt schnell an Grenzen, weil dies zu Lasten natürlicher Biotope (z.B. Regenwälder in den Tropen) geht. Bei den verfügbaren, landwirtschaftlich nutzbaren Flächen variieren die Produktionsvoraussetzungen wie Bodenfruchtbarkeit und Klimabedingungen deutlich. Weltweit betrachtet nimmt die durch Regen sowie künstlich bewässerte landwirtschaftliche Nutzfläche aufgrund der weltweiten Industrialisierung, Versiegelung und der Bodenerosion ständig ab. Es gilt daher, die vorhandenen Kulturflächen so effizient wie möglich zu nutzen, wobei ökologische Anforderungen unbedingt zu berücksichtigen sind.

Wer kann die Nahrung liefern?

Weltweit existieren lediglich drei sogenannte Hochleistungsstandorte, die durch die Kombination aus hervorragender Bodengüte (Einstufung Skala bis 100) und dem erforderlichen Klima (sogenannte feuchte Mittelbreiten) gewährleisten, dass das genetisch fixierte Ertragspotenzial unserer pflanzlichen Hochleistungssorten ausgeschöpft werden kann. Dazu zählen: der Corn Belt in den USA, Europa und Teile Chinas.

Ökologisch stellen diese feuchten Mittelbreiten ein ausgesprochenes Gunst-klima dar. Sonneneinstrahlung, Niederschläge sowie höchste Bodenzahlen ermöglichen Spitzenerträge. Weltweit sind weitere Regionen mit sehr guten Böden existent, jedoch stellt hier der fehlende Niederschlag den limitierenden Faktor dar. Diese Konstellation, die der Klimawandel noch verschärft, führt dazu, dass in vielen Anbauregionen nur extensiv produziert wird und im schlimmsten Falle in bestimmten Regionen (z.B. Afrika) eine ausreichende Produktion pflanzlicher Nahrungsmittel gar nicht mehr zu gewährleisten ist.

Begrenzte Fläche

Das theoretische Potenzial der Erdoberfläche liegt inklusive Bergen, Gletschern und Wüsten bei 13 Mrd. ha.

Davon sind 5 Mrd. ha landwirtschaftliche Nutzfläche (37,3%), 3,8 Mrd. ha Wald und Steppe (28,4%) sowie 4,3 Mrd. ha Wüste und Berge (32,1%). Die 5 Mrd. ha landwirtschaftliche Fläche verteilen sich auf 3,55 Mrd. ha Weideland und 1,45 Mrd. ha Ackerfläche. Von der Ackerfläche werden aber nur 260 Mio. ha zur Nahrungsmittelproduktion genutzt. Auf 1030 Mio. ha werden Futtermittel erzeugt, auf den restlichen 155 Mio. ha Substrate für Bioenergie und Fasern.

Im...

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