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topplus Ausgleichsflächen im Stadtgebiet

Ein Landwirt sammelt Ökopunkte für die Stadt

Martin Kohlleppel betreibt mit seinen Eltern Landwirtschaft mitten im Ruhrgebiet. Sein Geld verdient er aber nicht nur mit Hähnchen, Raps und Getreide. Er gleicht hier auch Baumaßnahmen der Stadt aus.

Lesezeit: 8 Minuten

Dieser Beitrag von Julian Osthues erschien zuerst im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben.

Wir stehen auf einem Blühstreifen zwischen gelben Rapsfeldern und kniehohem, sattgrünem Weizen. Um uns herum sind nur Äcker, Wälder und Hecken zu sehen. Ein Paar mit Hund spaziert über einen schmalen Feldweg an uns vorbei. Auf Verkehr brauchen sie hier kaum zu achten – es gibt so gut wie keinen. Zu hören ist vor allem das Gezwitscher verschiedener Vögel – nur das Rauschen der Züge, Autos und Lkw hinter den Hecken erinnert daran, dass wir mitten im Ruhrgebiet sind.

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Der Blühstreifen, in dem wir stehen, gehört Martin Kohlleppel. Der 33-jährige Landwirt bewirtschaftet 92 ha Ackerfläche in Bochum-Wattenscheid und ist damit einer von sechs Landwirten im Stadtbezirk. Zudem hält er 50  000 Masthähnchen – wenige Hundert Meter von der dichten Bebauung Bochums im Osten und Essens im Westen entfernt. Die stadtnahe Lage stellt ihn immer wieder vor Herausforderungen, bietet aber auch Chancen: Zum Beispiel kann die Fläche, auf der er Lebensmittel produziert, auch als Ausgleichsfläche dienen.

Blüten gegen Beton

Wie jeder Bauherr müssen auch Städte ihre Bauprojekte ausgleichen. In der Regel geschieht das auf landwirtschaftlichen Flächen, z. B. durch Aufforstungen oder ­Heckenpflanzungen. Landwirte verlieren so oft doppelt: Zum einen „fressen“ Straßen und Gebäude Fläche. Zum anderen nimmt der Ausgleich Ackerflächen aus der Produktion.

Das störte nicht nur Landwirte wie Kohlleppel, sondern auch die Stadt Bochum selbst. Da Bauprojekte für die Gemeinde aber nach wie vor unverzichtbar sind, entwickelte diese gemeinsam mit der Stiftung Westfälische Kulturlandschaft das Projekt „PIK Bochum“ (siehe Kasten). Als Kohlleppel davon hörte, war er sofort interessiert: „Mit Blühstreifen sammle ich auf meinen Ackerflächen Ökopunkte, die die Stadt abrufen kann“, erzählt er.

Das Projekt "PIK Bochum"



Jeder Neubau von Gebäuden oder Straßen verschlingt ein Stück Landschaft. Diese Flächen boten Pflanzen und Tieren eine Heimat und wurden oft landwirtschaftlich genutzt. „Um den Verlust für die ­Natur auszugleichen, ist vorgeschrieben, dass an anderer Stelle Lebensräume ,naturschutzfachlich aufzuwerten‘ sind“, erklären Sophia Austrup und Tanja Brüggemann von der Stiftung Westfälische Kulturlandschaft. Hierzu werden häufig auch landwirtschaftliche Flächen genutzt. Landwirte verlieren also doppelt.



Die Stiftung geht einen anderen Weg: Sogenannte „produktionsin­tegrierte Kompensationsmaßnahmen“ (PIK) sollen sicherstellen, dass eine ökologische Aufwertung erfolgt, gleichzeitig aber die Wirtschaftsgrundlage von Landwirten erhalten bleibt. Diese stellen ihre Flächen nämlich nur für einige Jahre zur Verfügung und können anschließend entscheiden, ob sie noch länger am Projekt teilnehmen.



Grundsätzlich kann jeder Landwirt mit Flächen in Bochum teilnehmen. Dabei besteht die Wahl zwischen neun Maßnahmen – von der Stoppelbrache bis zum extensiven Getreideanbau mit Ernteverzicht. Die Landwirte bekommen dem Aufwand entsprechende Entschädigungen. Die finanziellen Mittel stellt die Stadt Bochum zur Verfügung.



Der Vorteil: Der Landwirt verpflichtet sich nur für fünf Jahre, in denen er die Blühstreifen stehen lassen muss. Für den Flächenaufwand, Aussaat, Saatgut und ggf. notwendige Pflegemaßnahmen erhält er eine festgelegte Entschädigung. Im Gegensatz zum Aufforsten stellt dieses System aber sicher, dass die Flächen ihren Ackerstatus behalten können und nicht langfristig aus der Produktion fallen.



Ein Projekt mit Zukunft? Ja, sind Austrup und Brüggemann sich sicher. Das System lasse sich auch auf andere Städte übertragen und „es profitieren Stadt, Landwirte und Bürger“. Mehr Informationen: www.kulturlandschaft.nrw

Für Bürger und Nützling

Mittlerweile stehen auf knapp 3 % von Kohlleppels Flächen Blühstreifen. Neben den bisherigen Streifen im Rahmen der Agrar-Umweltmaßnahmen seit dem vergangenen Herbst auch PIK-Blühstreifen. „Durch unsere besondere Lage haben wir rund um unsere Flächen sehr viele Fußgänger und Radfahrer. Da helfen die Blüten natürlich auch bei der Imagepflege“, so der Landwirt.

Gleichzeitig betont er aber auch, dass die Schutzstreifen viele Nützlinge anlocken. Diese helfen ihm wiederum auf dem Acker. Und trotzdem: „Ohne den finanziellen Ausgleich wäre der Anreiz, so viel Fläche für Blühstreifen zur Verfügung zu stellen, natürlich geringer. Das muss ich zugeben“, sagt er.

Aber wie groß ist das Geschäft? Wäre es für den Landwirt denkbar, auf all seinen Flächen Blühmischungen auszusäen? „Nein“, meint er und lacht: „Dann hätte ich ja nichts mehr zu tun. Aber im Ernst – das ist auch nicht meine Vorstellung von Landwirtschaft.“ Einige Hek­tar mehr Blühfläche könne er schon noch einsäen, wenn die Stadt das Projekt ausweitet und entsprechend bezahlt, „aber ich sehe es weiter als meine Hauptaufgabe, Lebensmittel und Futter für meine Tiere zu produzieren. Dazu bin ich viel zu gerne Landwirt.“ Außerdem kann man mit Blühstreifen keinen Hunger stillen, meint Kohlleppel.

Betrieb mit Zukunft

„Die Ackerfläche wird hier natürlich nicht mehr“, erzählt der Landwirt. „Die Städte sind seit etwa 1980 zum Glück kaum weiter in unsere Richtung gewachsen. Aber Flächen, die schon innerhalb der Städte liegen, werden nach und nach bebaut.“ Trotz der Verluste – auch Kohlleppel wird im Sommer wohl wieder 4 ha, die er von der Stadt Bochum gepachtet hat, verlieren – blickt der Landwirt optimistisch in die Zukunft.

Der Bau eines neuen Stalls ist für Kohlleppel quasi ausgeschlossen. Das haben Gespräche mit Bürgern und Politik schon vor vielen Jahren gezeigt. Auch der Ausbau des Ackerbaus scheint aufgrund der Flächenknappheit unrealistisch. Stattdessen setzt der Junglandwirt auf mehr Vielfalt. Das gilt nicht nur für seine Fruchtfolge, die er in den vergangenen Jahren auf sechs Kulturen (Ackerbohne, Raps, Winterweizen, Wintertriticale, Mais, Kartoffeln) ausgeweitet hat.

Meine Hauptaufgabe wird es immer bleiben, Lebensmittel zu produzieren.
Martin Kohlleppel

Seine Einnahmequellen hat Kohlleppel ebenfalls diversifiziert. Er ist sich zwar sicher, „dass die Hähnchenmast Zukunft hat. Denn Geflügelfleisch hat keine religiösen Einschränkungen, ist günstig und spielt aufgrund des hohen Proteingehaltes im aktuellen Fitnesstrend eine wichtige Rolle.“ Aber in Zukunft könnte der Gewinn aus dem klassischen Ackerbau und der Tierhaltung dennoch nicht mehr ausreichen.

Neben dem Blühstreifen-Anbau und dem Ertrag aus Photovoltaik-Anlagen mangelt es Kohlleppel daher nicht an Ideen, die seinen Betrieb langfristig sichern könnten. „Unsere Lage bietet sich natürlich für eine größere Direktvermarktung unserer Produkte an“, sagt er. Bisher verkauft er nur Kartoffeln in einer kleinen Selbstbedienungs-Hütte an der Hofzufahrt. Aber auch das regionale Verarbeiten und Vermarkten von weiteren Erzeugnissen hält er für denkbar. „Wichtig ist nur, dass wir bei allen Ideen kein zu hohes Risiko eingehen und sich der Aufwand auszahlt.“

Einer von wenigen

Doch bei allem Optimismus: Kohlleppel ist klar, dass er immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit steht. Er wirtschaftet in einer Landschaft, die viele Anwohner aus der Stadt als Naherholungsgebiet nutzen. Einige seiner Flächen liegen sogar dicht umbaut innerhalb der Stadtgrenzen. „Gerade wenn ich mit der Spritze unterwegs bin oder wir Gülle ausbringen, gibt es den ein oder anderen, der sich die Nase zuhält oder Ähnliches“, erzählt er.

Viele Einwohner im Ruhrgebiet haben so gut wie keinen Kontakt zur Landwirtschaft. Deshalb verstehen sie oft nicht, warum welche Maßnahmen wann notwendig sind. Aus diesem Grund versucht Kohlleppel, möglichst viele Bürger beispielsweise mithilfe von Schildern aufzuklären. „Diese wirken auch erstaunlich gut“, meint er. „Zumal ich leider keine Zeit habe, mit jedem, der sich die Nase zuhält, persönlich ins Gespräch zu kommen.“

Rücksicht als höchstes Gut



Martin Kohlleppel liegt die Öffentlichkeitsarbeit am Herzen. Noch mehr als andere Landwirte hat er täglich mit Menschen zu tun, die keinen Bezug zur Landwirtschaft haben. So können diese oft auch kein Verständnis für Dinge wie Pflanzenschutz, Güllegeruch oder Arbeiten am Abend oder an Wochenenden aufbringen.



Deshalb sucht er seit Jahren aktiv den Kontakt, um seine Arbeit zu erklären: Über Schilder, Zeitungsbeiträge, die WLV-Ortsgruppe und im persönlichen Gespräch mit Anwohnern gibt er der Landwirtschaft eine Stimme. So informiert er Politik und Bürger über notwendige Maßnahmen oder warum Hundekot auf den Flächen problematisch ist, Gülle aber nicht.



Doch die wichtigste Zutat für ein positives Image ist Rücksicht, ist Kohlleppel sich sicher: „Ich versuche, gerade auf sehr dicht umbauten Flächen weder abends noch am Wochenende zu arbeiten. Und wenn es sich aufgrund des Wetters mal nicht vermeiden lässt, suche ich vor der Maßnahme den Kontakt“, erzählt er. Damit hat er bislang gute Erfahrungen gemacht. Man könne schließlich nur dann Rücksicht von den Anwohnern erwarten, wenn man selbst auch Rücksicht nimmt.

Darüber hinaus würde er sich freuen, wenn die lokale Presse stärker auf den großen Beitrag der Landwirte zum Arten- und Umweltschutz sowie auf die guten Haltungsbedingungen der Tiere eingehen würde.

Denn eine Sorge hat sich bei ihm festgesetzt: „Wenn das Vertrauen und die Unterstützung für die deutsche Landwirtschaft weiter schwindet und Betriebe weiter oft zu Unrecht angefeindet werden, sinkt die Bereitschaft, die positiven Entwicklungen weiterzuführen.“ Solange das nicht der Fall ist, ist Kohlleppel fest davon überzeugt, dass er an seinem Standort noch lange wirtschaftlich produzieren kann – wenn auch zum Teil in anderer Form als heute.

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