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Fleischkonzern reagiert cool

ZDF-Die Spur wittert bei Tönnies verstecktes Separatorenfleisch in Geflügelwurst

Eine Doku am Mittwochabend wollte Tönnies unterstellen, nicht deklariertes Separatorenfleisch in seiner Wurst zu verwenden. Ein Konzernsprecher erklärt dagegen, wieso das kein solches Fleisch ist.

Lesezeit: 6 Minuten

Das ZDF-Format "Die Spur" beschäftigte sich in seiner Sendung am Mittwochabend mit vermeintlichem Separatorenfleisch in deutscher Wurst.

Ein neues Testverfahren deutete schon 2022 darauf hin, dass in Wurst von Wiesenhof, Wiltmann, Tönnies/Zur Mühlen-Gruppe und anderen Herstellern Separatorenfleisch enthalten sei, heißt es darin. Separatorenfleisch ist eine Masse aus abgepressten Knochenresten und „Schlachtabfällen“. Sie darf legal verwendet werden, es muss aber auf der Verpackung gekennzeichnet sein. Das ZDF fragt daher, ob Millionen Verbraucher darüber getäuscht werden, was sie da essen und ob das überhaupt kontrolliert wird.

Die Fleischhersteller selbst würden jedenfalls bestreiten, dass sie Separatorenfleisch verwenden und das der Test überhaupt funktioniert, behauptet die ZDF-Doku weiter. Prof. Stefan Wittke, Biochemiker der Hochschule Bremerhaven, erklärt aber, dass die Firmen den Gegenbeweis schuldig geblieben sind, warum die Testmethode dennoch das Fleisch nachweist.

Zulieferer im Fokus

Laut ZDF gibt es weitere Hinweise, dass die Aussage der Hersteller nicht stimmen kann. So würden sich z.B. viele große Hersteller von „fragwürdigen Lieferanten“ beliefern lassen. Auch Tönnies kauft Geflügelfleisch zu, weil sie selbst kein Geflügel schlachten. Ein Zulieferer war die Wijdenes GmbH, die laut ZDF nach Insolvenz heute unter anderem Namen weiterarbeitet.

Gereon Schulze Althoff, Leiter Qualitätsmanagement und Nachhaltigkeit bei Tönnies, sagt in der Doku ganz klar, dass Separatorenfleisch auf anderen Märkten außerhalb Deutschlands völlig normal ist. Bei Produkten für diese Märkte verwende Tönnies daher ebenfalls Separatorenfleisch. Für die hierzulande verkauften Produkte der Zur Mühlen-Gruppe schließt er den Einsatz dieses Fleisches aber aus. Eine Trennung der Produktlinien im Werk sei sichergestellt.

Knochen zermalmt, bis das letzte ausgepresst ist

Franz Voll ist gelernter Metzger und war fast 25 Jahre in der Lebensmittelkontrolle. Zusammen mit Prof Wittke hatte er die Idee für die Entwicklung des neuen Testverfahren. In der ZDF-Doku schildert und zeigt er, was aus seiner Sicht das Problem am Separatorenfleisch ist. So sei es zunächst die Verbrauchertäuschung, die er anprangert. Denn auf den Verpackungen werde suggeriert, dass der Kunde für sein Geld hochwertiges Fleisch bekommt. Tatsächlich sei jedoch minderwertiger, aus Knochen ausgepresster Abfall enthalten, für den der Kunde nie bereit wäre zu zahlen, wenn er das wüsste.

Separatorenfleisch ist laut Voll ohne Struktur, wie Silikon. „In einer Schnecke wird ausgepresst, was geht. Auch das, was wir sonst nie essen würden. Das ist vorsätzlicher Betrug, also vorsätzliche Lebensmittelkriminalität, und dann reden wir sofort über Gefängnisstrafen“, so der Kritiker. Er ist der Meinung, dass die Justiz härter durchgreifen müsste.

Umgeht Tönnies die Deklaration mit einem Trick?

Nach weiteren Recherchen des ZDF kommt heraus, dass Tönnies von Zulieferern zerkleinertes Hähnchen bekommen hat. Das bestätigt auch Schulze Althoff. „Wir haben von der Firma Wijdenes Hähnchenkeulenfleisch entsehnt bekommen. Hier wurde zunächst das Hähnchenkeulenfleisch vom Knochen gelöst und danach wurde die Sehne durch eine Apparatur wie einen Wolf entfernt. Und das ist nicht als Separatorenfleisch zu deklarieren.“

Die Muskelstruktur werde zwar dabei verändert, das sei aber nur eines von mehreren Kriterien. Separatorenfleisch wäre es erst, wenn nach dem Zerlegen das Restfleisch auf dem Knochen maschinell dort abgetragen werde, so der Tönnies-Manager. Und da das hier nicht der Fall sei, sei dieses so gewonnene Fleisch laut Schulze Althoff auch in deutsche Wurst gegangen.  Das ZDF überzeugt das nicht, weil die Verfahren annährend gleich sind.

Das sieht auch Rechtsanwalt Johannes Zindel so. Für ihn ist auch das bei Tönnies bearbeitete Fleisch Separatorenfleich, auf das auf der Verpackung hingewiesen werden müsste. Das habe der Europäische Gerichtshof schon 2014 in einem Urteil so festgestellt: Eine Zutat, bei der es zu einer stärkeren Auflösung oder Veränderung der Muskelstruktur kommt, als sie rein an Schnittflächen eintritt (….), dürfe nicht als „Fleischzubereitung“ eingestuft werden. Zudem regeln EU-Verordnungen, wie Produkte und Inhaltsstoffe zu kennzeichnen und beschreiben sind, um den Kunden nicht irrezuführen. Laut Zindel handelt es sich bei genannten Tönnies Hähnchenresten um kein Fleisch mehr. „Da ist was faul, und zwar im großen Stil“, sagt er.

"Da irrt Herr Zindel"

„Hier liegt Herr Zindel leider völlig falsch“ antwortete Dr. Schulze Althoff auf Nachfrage. „Erstens: Unsere Betriebe deklarieren klar und transparent gemäß der gültigen Gesetze was in die Wurst kommt. Zweitens: Würste gehören gesetzlich nicht zu den Fleischzubereitungen sondern sind Fleischerzeugnisse. Zur Herstellung von Leberkäs, Wiener Würstchen, Lyoner und Co. braucht man das sogenannte Brät als Zwischenprodukt. Diese homogene Masse ist wichtige Zutat für das Endprodukt, sonst könnte man diese typischen und leckeren Erzeugnisse mit der schönen rosa Farbe gar nicht herstellen. Wenn Herr Zindel Recht hätte, könnte keiner eine Brühwurst herstellen, egal ob Metzger oder Wurstbetrieb", so Schulze Althoff. Er findet es schade, dass das ZDF nicht hierzu nachgefragt habe, weil er das Missverständnis gerne aufgeklärt hätte.

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Stellungnahme Schulze Althoff auf LinkedIn

Anlässlich der Ausstrahlung der Sendung meldete sich am Mittwoch Gereon Schulze Althoff auf seinem Linkedin-Account zu Wort:

„Überraschung für Dich? Nicht für mich - denn anders als in Deutschland ist Geflügel-Separatorenfleisch in vielen europäischen Ländern gern genutzter Rohstoff für leckere Brühwürstchen. In Spanien, Frankreich und England verwenden beispielsweise so gut wie alle großen namenhaften Markenhersteller deklariertes Geflügel-Separatorenfleisch für ihre Produkte.

Die Zur Mühlen Gruppe verwendet es zum Beispiel für die leckeren und in England sehr beliebten Wikinger Hot Dog Würstchen. Diese werden in Deutschland hergestellt, aber eben nicht in Deutschland verkauft, sondern im Ausland.

(…) Das Fleisch würde ansonsten als Abfall verloren gehen. In Deutschland ist dieser Rohstoff stigmatisiert. Daher verwendet die Zur Mühlen Gruppe ihn nicht für die deutschen Produkte, sondern für den Export“, schreibt Schulze Althoff.

Die Autoren des ZDF Formats “Die Spur“ hätten geglaubt, dass die Zur Mühlen Gruppe Geflügel-Separatorenfleisch unerlaubterweise einsetzt. „Man dachte, eine großen Story zu haben und produzierte eine 45-minütige Sendung. Kurz bevor der Dreh fertig sein sollte, konfrontierte man uns schriftlich mit Fragen. Wir haben hier nichts zu verbergen. Deshalb war uns viel daran gelegen, offen und transparent mit dem Autor Hannes Vogel und dem Sender zu kommunizieren. So haben wir die Reporter zu uns eingeladen. Man ließ sich dankenswerterweise darauf ein. Offenbar hatte der Autor bis dahin keine Kenntnis darüber, dass wir als weltweit agierendes Unternehmen Geflügel-Separatorenfleisch in wenigen unserer Werke einsetzen. Groß war die Überraschung, als wir dann unsere Wikinger-Produkte für den UK-Markt mit eben dieser Rohware transparent deklariert gezeigt haben. Wir haben in diesem Zusammenhang auch deutlich gemacht, dass wir selbstverständlich eine umfangreiche Warenstromtrennung gewährleisten können.“

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