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topplus 16 % Fichte weg

Schmallenberg: Wiederbewaldung mit Containerpflanzen und Intervalljagd

Der hochgelegene Stadtwald von Schmallenberg hat bereits 16 % der Fichten verloren. Wir haben uns vor Ort die Strategien zur Wiederbewaldung angesehen.

Lesezeit: 8 Minuten

Als wir das erste Mal vor Jahren für das Forstmagazin in den Wäldern der Stadt Schmallenberg unterwegs waren, ging es um die Folgen einer großen Kalamität: Wir haben uns Flächen angesehen, die nach Kyrill wieder bewaldet worden waren.

Damals war noch nicht abzusehen, dass mit Dürre und Borkenkäfer viel größere Schäden kommen sollten. Zusammen mit dem Stadtförster Christian Bröker haben wir uns Ende Februar darüber unterhalten, welche Maßnahmen er jetzt plant.

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Ein Teil der Fichten verloren

Der Stadtwald ist 2.800 ha groß. Der Anteil der Fichten beträgt 60 %. Von diesen 1.680 ha sind bereits mehr als 16 % verloren – und im Vergleich zu anderen Revieren im Sauerland ist das noch moderat. Christian Bröker führt das vor allem auf die Lage der Bestände zurück: „Unsere Flächen liegen zwischen 400 und 818 m über Normalnull, die Fichten stehen meist ab 600 m und höher.

Trotzdem: Bis zu unserem Besuch hatte der Betrieb seit Beginn der Ka­lamität 232 ha Waldfläche geräumt und 116.000 Festmeter (fm) Schadholz aufgearbeitet. Zum Vergleich: Kyrill hatte hier eine Schadholzmenge von 50.000 fm hinterlassen, und bereits das war monströs.

Als wir Christian Bröker besuchen, waren gerade durch die dicht aufeinander folgenden Frühjahrsstürme wieder Fichten umgefallen. Zwei Harvester waren damit beschäftigt, die Bäume möglichst bis zum März aufzuarbeiten. Bei der einsetzenden warmen Witterung sollte dem Borkenkäfer möglichst wenig brutfähiges Material zur Verfügung stehen.

Die aktuelle Situation fasst der Förster in einigen Sätzen zusammen: „Zwar habe ich im Frühjahr nicht viele Einbohrlöcher gefunden, aber ich glaube, dass der Käfer in der Bodenstreu überwintert hat. Das geht sofort wieder los. Im Jahr 2021 hatten wir ab 14 bis 15 °C Käferflug und innerhalb kürzester Zeit ein Schadvolumen von 33.000 fm. In diesem Frühjahr wirkt die Fichte nach den Winterniederschlägen etwas vitaler. Allerdings könnten die Stürme die Feinwurzeln weiter geschädigt haben. Wenn es jetzt trocken wird, könnte es wieder schlimm werden.“

Positiv – im Vergleich zu Beginn der Kalamität ist der Holzpreis hoch. Die von Wind geworfenen Stämme lassen sich zügig abverkaufen und das mit einem erfreulichen Gewinn.

Naturverjüngung und gezielte ­Pflanzungen

Wie geht es auf den geräumten Flächen weiter? Hier hat sich der Förster für eine Doppelstrategie entschieden. Etwa ein Drittel soll sich durch Naturverjüngung bzw. Sukzession wieder bewalden. Die anderen zwei Drittel werden aktiv bepflanzt.

Christian Bröker ist mittlerweile eher pessimistisch, was die Zukunft der Fichte in seinem Revier angeht. Er zitiert einen Kollegen aus einem anderen Revier im Sauerland: „Der Käfer gibt erst Ruhe, wenn die letzte Fichte erledigt ist …“ Der Käfer hat seine Chancen im Zuge des Klimawandels genutzt, findet der Förster. Fichte folgt deshalb nur noch im Rahmen der Naturverjüngung, sie wird nicht mehr aktiv gepflanzt.

Auch die Buche und andere Laubbaumarten kommen durch Naturverjüngung. Hier ist der Förster optimistischer, dass sich diese Baumarten durch die Epigenetik an die veränderten Umweltbedingungen anpassen werden.

Wir wollen das knappe Saatgut möglichst effizient nutzen

Bei den Pflanzen setzen die Schmallenberger unter anderem auf Containerpflanzen. Dabei übernehmen derzeit zwei Baumschulen, eine im Sauerland und eine in Österreich, die Lohnanzucht. Das Saatgut stammt aus eigenen Beständen oder wird teils zugekauft.

Die eigenen Herkünfte sind vor allem Küstentanne, Douglasie oder Weißtanne. Lärche und Bergahorn kaufen die Sauerländer aktuell zu. Eigentlich war auch Roteiche geplant, doch im Moment ist kein Saatgut verfügbar. Eine Mast der Baumart hatte sich zwar angedeutet, war dann aber doch ausgefallen.

Neben den oben genannten Hauptbaumarten experimentiert der Forstbetrieb unter anderem mit Atlaszeder, Hamlocktanne (aus Naturverjüngung) oder auch Mamutbäumen. Eine weitere Möglichkeit sind Nobilistannen. Diese könnten eine Vornutzung durch Schnittgrün ermöglichen.

Warum setzt der Förster auf die vergleichsweise teuren Containerpflanzen? „Wir wollen das knappe Saatgut so effizient wie möglich nutzen. Außerdem haben wir festgestellt, dass das bessere Anwuchsverhalten der 25 bis 30 cm hohen Bäumchen die Mehrkosten kompensiert.“ Beim Pflanzen nutzen die Mitarbeiter Hohlspaten, Erdbohrer oder das spezielle Pflanzrohr für die Container („Pottiputki“). Wenn möglich, setzt der Betrieb auf Herbstpflanzung – sie hat eindeutig Priorität.

Bei der Baumartenwahl orientiert sich der Stadtwald eng an den Standortbedingungen und Ansprüchen der Baumarten. Die Bäume müssen zur Fläche passen. Deshalb ist dem Förster die genaue Standortkartierung wichtig.

Definierte Waldentwicklungstypen (WET) fassen zusammen, welche Waldgesellschaft dort am besten passt. Nach WET sind vier Hauptbaumarten das Ziel. Dazu kommen vier Pioniergehölze als Begleitbaumart (Birke, Eberesche, Erle oder Weide).

Nur plätzeweise räumen?

Wie hat der Betrieb die Flächen vorbereitet? Die Schmallenberger probierten unterschiedliche Strategien aus. Bei der ersten Variante hat ein Rückezug den Abraum auf den späteren Gassen zusammengezogen. Ähnliche Varianten arbeiten per Bagger. Christian Bröker hat aber festgestellt, dass sich auf der Fläche, zwischen den Wällen, ungünstige kleinklimatische Bedingungen ergeben.

Auf anderen Flächen ist eine Streifenfräse zum Einsatz gekommen, die nur den späteren Pflanzstreifen mulcht. Das Pflanzen war relativ einfach und die Bäume hatten einen guten Start. Gegen das Verfahren spricht nach Ansicht des Stadtförsters, die Geländeausformungen im hängigen Gelände sowie die Pflanzung in der Mulchauflage.

Bei der dritten Variante kam ein Bagger zum Einsatz, der sich ebenfalls nur auf den späteren Rückegassen bewegte. Mit einem Räumwerkzeug legte der Bagger getrennte Pflanzplätze im Raster von ungefähr 2 x 1 m frei. Die Pflanzer folgen, nachdem der Bagger die Fläche fertiggestellt hat. Es gibt keine geraden Pflanzreihen. Damit die Bäume bei der Kulturpflege zu finden sind, kommt neben jede Pflanze ein kleiner Pfahl aus Lärchenholz (Abfall vom Sägewerk). Die abgezogene Humusauflage bleibt neben jedem Pflanzplatz. Das sorgt nach Ansicht von Christian Bröker für ein günstigeres Kleinklima und mehr Windruhe.

Der freigelegte Mineralboden fördert zudem die Naturverjüngung, und das Unkraut braucht einen Moment, um den Bereich direkt an der Pflanze wieder zu besiedeln. Zudem bleibt das Wasser nicht im Rohhumus hängen, der Regen versickert schneller im Bereich der Pflanze und steht ihr zur Verfügung

Der Förster gibt zu, dass die Flächen zunächst ziemlich uneben sind. Das könnte die Pflege aufwendiger machen. Allerdings bleiben die Gassen gut begehbar, was die Arbeit in den Bestandsblöcken etwas erleichtert.

Kaum Zäune, Anreize zur Jagd

Wegen der großen Flächen ist das Gattern schwierig, es konzentriert sich vor allem auf Pflanzen, die besonders intensiv verbissen werden, z. B Weißtannen-Pflanzungen. Da geht ohne Schutz nichts. Der Förster hat festgestellt, dass sich innerhalb der Zäune durch Naturverjüngung vier bis fünf Baumarten einstellen, außerhalb meist nur zwei.

Die Stadt Schmallenberg hat deshalb die Verträge bei der Jagdverpachtung überarbeitet. In der Gegend gibt es Rehwild, Mufflons, Rothirsche und Schwarzwild. Ein wichtiger Teil der Strategie sind definierte Abschussziele in den Pachtverträgen.

Wenn der Pächter das Ziel erreicht, wird er vom Schadenersatz durch Wild entbunden. Gibt es zu viel Wild, muss er für die Schäden aufkommen. Auch die Auswahl der Pächter läuft heute anders als früher. Nicht mehr der Meistbietende erhält den Zuschlag.

Eine Bewertungsmatrix soll vor allem heimische Jäger fördern. Sie sind vor Ort und fühlen sich dem Wald meist mehr verbunden, hat Christian Bröker festgestellt. Der Stadtforst gliedert sich in sieben Reviere, verantwortlich ist jeweils ein Hauptpächter.

Die Schmallenberger setzen auf die Intervalljagd. In der aktiven Zeit des Rehwilds erlegen die Jäger möglichst viele Tiere – sie nutzen jede Chance. Dazwischen gibt es Ruhephasen. Christian Bröker sieht derzeit ein wichtiges Zeitfenster für die aktive Jagd. Die Kulturen sind klein und stark gefährdet. In einigen Jahren wird die Bejagung in den Dickungen ungleich aufwendiger. Um einen Überblick über die aktuellen Bestände zu bekommen, setzen die Schmallenberger mehrere sogenannte Weisegatter nach den Vorgaben der Arbeitsgemeinschaft Naturnahe Waldwirtschaft (ANW). Als Ziel gilt derzeit der Abschuss von zehn Rehen pro 100 ha.

Neben der Jagd wird die Kulturpflege in den nächsten Jahren eine riesige Aufgabe sein. Die Stadt hat dazu gerade eine neue Stelle ausgeschrieben. „Wir wollen die Pflege möglichst mit eigenem Personal stemmen, durch Fachkräfte, die genau wissen, was sie tun.

Weil bundesweit so große Flächen in die Pflege kommen, wird es auch wahrscheinlich sehr schwierig sein, gute Kolonnen zu bekommen“, schätzt der Förster.

Und wenn der Borkenkäfer sich weiter ausbreitet, nehmen diese Arbeiten eher zu. Die warmen Wochen im Frühjahr haben ihm jedenfalls mächtig in die Karten gespielt.

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