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Wolfgang Frh. von Wolff-Metternich forstet mit System wieder auf

Gut Maygadessen in Höxter-Godelheim hat mehr als ein Drittel seiner Bestände verloren. Wir haben uns angesehen, wie es dort weitergeht. Ein wichtiges Element ist die intensive Jagd.

Lesezeit: 11 Minuten

Caroline von Wolff-Metternich tritt den Boden rund um die frisch gepflanzte Roteiche an. Zusammen mit zwei weiteren pflanzt die Forstwissenschafts-Studentin im Regen dieses Frühjahrs junge Bäume auf einer riesigen, geräumten Windwurffläche.

Wir sind mit ihrem Vater, Wolfgang Freiherr von Wolff-Metternich, unterwegs. Er bewirtschaftet das Gut Maygadessen in Höxter-Godelheim, unter anderem mit 350 ha Wald, und betreut drei weitere Forstreviere für deren Besitzer.

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Der eigene Wald ist der Betriebsschwerpunkt, die Ackerflächen des Guts sind verpachtet. Die ganze Familie zieht mit. Sohn Leopold – gelernter Landwirt – ist voll mit im Betrieb. Die Gegend ist recht hügelig, der Boden wechselt von Muschelkalk mit dünner Auflage bis zu tiefgründigeren Lößstandorten (bis zu 1,20 m). Durch den Regenschatten des Eggegebirges liegt der mittlere Jahresniederschlag bei 750 mm.

Wenn man sieht, wie sich Wolfgang von Wolff-Metternich bei unserem Termin um einzelne umgedrückte junge Pflanzen kümmert, wie er quasi jeden Baum kennt, dann kann man ermessen, was die letzten Jahre mit dem Förster gemacht haben. Innerhalb dieser Zeit hat er gut ein Drittel seiner Bestände verloren – vor allem Fichte durch Sturm und Borkenkäfer sowie vor allem ältere Buchen durch die Dürre.

Riesiger Windwurf

Es begann mit dem Orkantief Friederike am 18. Januar 2018, auf den Tag genau elf Jahre nach dem Orkan Kyrill. Das Gut der Familie lag in der Hauptwindschneise, nachmittags um 14 Uhr schlug Friederike zu.

„Innerhalb einer Stunde warf der Sturm 15 000 fm Fichtenholz zu Boden“, erinnert sich Wolfgang von Wolff-Metternich. Der Fichtenanteil betrug bis zu diesem Tag rund 30 %. Die Bäume waren 40 bis 70 Jahre alt und in ihrer höchsten Produktivität. Die Bestände waren gesund und gut durchforstet.

An vielen anderen Stellen hat der 59-jährige Betriebsleiter, der seit Langem auch in der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) aktiv ist, bereits stabilere Waldkonzepte umgesetzt. Bei einem Praktikum vor jetzt über 30 Jahren lernte Wolfgang von Wolff-Metternich einen Betrieb mit natur­gemäßer Waldbewirtschaftung kennen und war von dem Konzept direkt begeistert. „Wir hatten hier immer schon Kalamitäten und kaum Zeit, uns wirklich auf die Forstwirtschaft zu konzentrieren. Ich wollte mich künftig um Einzelindividuen kümmern. Also genau erkennen, was braucht der Baum gerade und wann ist er reif.“ Aber die von seinen Vorgängern gepflanzten Fichten sollten natürlich noch ihre Hiebsreife erreichen. Bis Friederike kam.

Wenn so ein Sturm so zuschlägt – was macht das mit einem? „Es ist ein ganz unwirtliches Gefühl, es macht einen ohnmächtig“, fasst der Förster zusammen. „Nach dem Sturm haben haben wir uns mit einer Drohne zunächst einen Überblick verschafft. Der Forstlohnunternehmer, bei dem übrigens mein Sohn einige Jahre als Fahrer gearbeitet hat, räumte zuerst die Wege mit dem Harvester.“

Der wirtschaftliche Schaden hielt sich bei der ersten Kalamität noch in Grenzen. Denn in der Zeit nach Friederike waren die Holzpreise noch hoch und das Gut Maygadessen konnte das meiste frische Sturmholz als Sägeholz für anfänglich bis zu 95 €/fm absetzen. Das sollte sich bei den folgenden Kalamitäten – Käfer und Dürre – ändern.

Es ist nicht zynisch, wenn Wolfgang von Wolff-Metternich sagt, dass es gut war, wenn Friederike so viel Holz gemacht hat. Denn in der Folge fielen durch Trockenheit und Käferbefall weitere 10.000 fm an. Zuerst ließ sich das Holz im Export nach China noch losschlagen. Für 40 bis 50 €/fm. Doch bei unserem ersten Besuch kommt die Coronakrise gerade in Gang und würgt auch diesen Absatzweg komplett ab. Mittlerweile gibt es keine grüne Fichte mehr. Die ursprünglichen 75 ha haben sich „aufgelöst“.

Buchenschäden durch Dürre

Im Herbst des Trockenjahres 2018 zeigten sich auch die ersten Buchenschäden. Einige Kronen waren verlichtet, aber die meisten Bäume hatten durch das nasse Frühjahr noch genug Wasser. 2019 wurde es deutlich schlimmer.

Nach Beobachtungen von Wolfgang von Wolff-Metternich litten vor allem die Altbestände auf den südlich exponierten Lagen, bei denen sich der Wassermangel sehr bald bemerkbar machte. Im Besonderen waren alte, licht stehende Buchenbestände durch die extreme Sonneneinstrahlung und die weiter austrocknenden Böden sehr stark betroffen. Denn diese Bäume wurzeln in einer Tiefe von 1,20 bis 1,80 m, in einer Schicht, die besonders von der Wasserarmut betroffen ist.

Von Niederschlägen konnten diese Bäume nicht profitieren – das Wasser kam gar nicht erst unten an. Erst im März 2020, nachdem es seit Beginn des Jahres rund 300 mm geregnet hatte, rechnete der Waldbesitzer mit etwas steigenden Pegeln in dieser Tiefe.

Bis Mitte August hatte es immer mal wieder geregnet, sodass wenigstens die neuen Kulturen nicht vertrockneten. Doch in der Tiefe kam von den Schauern kaum etwas an. Bei einem Gespräch im August berichtet von Wolff-Metternich, dass höchstens die oberen 20 bis 30 cm gut durchfeuchtet sind.

Durch die Kronenverlichtungen kam es auch zu Sonnenbränden. In den Beständen stehen vitale, geschädigte und komplett abgestorbene Bäume direkt nebeneinander. Das Ausmaß kann der Förster bei unserem Besuch noch nicht komplett abschätzen, die Buchen hatten zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgetrieben. Doch abgestorbene Buchen machten im Frühjahr bereits rund 300 bis 400 fm aus, und mindestens 30 % der alten Buchen sind geschädigt.

Bei den geschädigten Bäumen hofft Wolfgang von Wolff-Metternich auf eine Besserung. Allerdings geht er durch den Schleimfluss – ausgelöst durch Stockungen im Saftfluss – von einer hohen Wertminderung aus: „So einen Schaden findet man auch Jahrzehnte später. Wir haben heute noch Buchen, die durch das sehr trockene Jahr 1959 geschädigt sind. Buchen können zwar eine Sekundärkrone ausbilden und wieder gesunden. Aber die Holzqualität erreicht dann nur die Güteklasse C und lässt sich dann nur mit deutlich geringerem Erlös vermarkten.“

Im März 2019 hat dann Sturmtief Eberhard eine ganze Reihe der vorgeschädigten Buchen umgeworfen. Aktuell beobachtet der Waldbesitzer sehr genau, welche Buchen sich ggf. regenerieren und welche entnommen werden müssen – was bei den sehr schlechten Preisen wirklich keinen Spaß macht. Und – um das Maß voll zu machen – auch bei den Eschen rechnet der Förster mittelfristig mit einem annähernden Totalverlust durch das Triebsterben.

Generell versucht der Förster die Situation so gut wie möglich im Blick zu halten und dadurch Erfahrungen zu sammeln. Deshalb markiert er viele Bäume mit dauerhafter Sprühfarbe: Rot für tot, Orange für krank und Blau für gesund.

Neustart durch Pflanzung

Wie geht es also weiter, auf den Flächen des Guts? Die natürliche Sukzession bringt nur begrenzt die Lösung. Denn die betroffenen Bereiche sind teils 15 bis 20 ha groß. Außer Brombeere, Himbeere, Pionierbaumarten wie Birke, Eberesche, Salweide und eben Fichte wächst dort so schnell nichts anderes.

Deshalb hat sich Wolfgang von Wolff-Metternich für eine gezielte, laubholzdominierte Aufforstung entschieden. Dazu gehören Buche, Bergahorn, Roteiche und Schwarznuss, sowie teilweise auch Baumhasel und Kirsche. Außerdem bringt der Betrieb 20 % Nadelholz ein (je 10 % Lärche und Douglasie). Auf südlichen Hängen und Standorten mit dünner Bodenauflage über dem Muschelkalk kommen vor allem Elsbeere, Traubeneiche und Hainbuche zum Einsatz. Denn auf ähnlichen Flächen – teils wurden sie nach Kyrill gepflanzt – ist die Rotbuche durch die Trockenheit ausgefallen. Hainbuche, Kirsche, Feldahorn und Roteiche haben überlebt.

An einigen ausgewählten Plätzen hat von Wolff-Metternich in Verbissschutznetzen auch einzelne Sequoien, also Mammutbäume, gepflanzt, die er in den ersten zwei Jahren besonders hegt und pflegt.

Fast alle Sturmflächen hat zuerst ein Kettenbagger mit einem Rechen geräumt. Das ist für den Förster in vielen Fällen die Grundvoraussetzung, um später ordentlich und leistungsfähig pflanzen zu können.

Der Bagger zieht den Schlagabraum und losen Stubben auf den ehemaligen Rückegassen zusammen. Die Gassen haben einen Abstand von etwa 20 m. Nach 20 Jahren, bei der ersten Durchforstung, hat sich das Material soweit abgebaut, dass die Gassen wieder befahrbar sind. Eine erhöhte Brandgefahr könnte auf manch trockenen Standorten aber auch zu anderen Überlegungen führen.

Der geübte Baggerfahrer schafft etwa 1 ha pro Tag. Die Kosten – eine Förderung gibt es dafür nicht – liegen bei rund 1.600 € (o. MwSt.). Wolfgang von Wolff-Metternich sieht im Vergleich zum flächigen Mulchen einige Vorteile des Baggers: Auf einer gemulchten Fläche stehen im ersten Jahr ausschließlich die gepflanzten Bäume. Eventuell vorhandene Naturverjüngung überlebt das Mulchen nicht. Außerdem schädigt es die Organismen im Boden stark. Weil zunächst Begleitvegetation fehlt, konzentrieren sich die Rehe komplett auf die frisch gepflanzten Bäumchen.

Der Bagger dagegen verwundet den Boden. Weiterer Bewuchs stellt sich ein und hilft, das Rehwild von den neuen Bäumen abzulenken. Außerdem läuft zusätzlich in Bereichen, wo Lärchen, Küstentannen oder Douglasien stehen geblieben sind, willkommene Natur­verjüngung auf.

Wolfgang von Wolff-Metternich setzt beim Pflanzen ausschließlich auf Heister. Das sind zwei- bis dreijährige Sämlinge aus der Baumschule, die zwischen 1,20 und 1,50 m hoch sind. Der Pflanzverband ist 2 x 1,50 m. Der Preis liegt je nach Baumart momentan zwischen 1,30 und 1,50 €.

Die Löcher stellen die Pflanzer mit dem Motorerdbohrer her. Die Einmann-Pflanzbohrer sind mit einer großen Spindel (Ø 150 mm) bestückt. Für lehmige Standorte haben die Bohrer seitliche Zinken, damit sich an den Wandungen keine verdichtete Schicht bildet.

Im Frühjahr 2019 waren auch Pflanzkolonnen im Einsatz, die im Akkord pro Stück bezahlt wurden. Bei unserem Besuch pflanzten Wolfgang von Wolff-Metternich, ein Mitarbeiter, mehrere Schüler sowie sein Sohn und seine Tochter selbst. Seit dem Orkan hat der Betrieb auf den eigenen Flächen 120.000 junge Bäume gepflanzt.

Die erste, noch im Friederike-Jahr ­gepflanzte Fläche, musste zwei außer­gewöhnlich trockene Jahre überstehen. Auf diesem 5 ha großen Lößstandort schätzt der Förster den Ausfall aber trotz der Dürre nur auf 20 %.

Jagd statt Zaun

Auf Zäune verzichtet der Freiherr komplett – aus Prinzip und Überzeugung – der Wald muss mit dem Wild leben, wobei es auf das richtige Jagdmanagement ankommt. Lediglich einige empfindliche Einzelbäume wie Weißtanne, Elsbeere oder die Sequoien schützt er mit Wuchshüllen oder Netzen.

Um die Verbiss- und Fegeschäden in Grenzen zu halten, hat Wolfgang von Wolff-Metternich zusammen mit seinem Jagdpächter Claus Knipping ein umfangreiches Konzept entwickelt. Der Jäger kennt das 300 ha-Revier seit seiner Jugend – schon sein Vater war hier Pächter. Er übt die Jagd derzeit mit zwei anderen Jägern aus.

In den ersten Jahren nach der Pflanzung wollen die Waidmänner das Rehwild besonders stark bejagen. Sie rechnen mit einem Abschuss von rund 40 Stück Rehwild pro Jahr. Vor allem auf einer revierübergreifenden Drückjagd. Dazu haben sie ein enges Netz von Hochsitzen aufgestellt, die sich sowohl für die Ansitz- als auch für die Drückjagd nutzen lassen.

Zum Konzept gehören spezielle Äsungsstreifen, die der Jäger und sein Team nach der Baggerräumung an­gelegt hat. Sie sollen das Wild von den Jungpflanzen ablenken. Die Streifen sind bis zu 8 m breit und 200 bis 250 m lang, je nach Gelände und Form der Jungkultur.

Vor der Aussaat hat sich Claus Knipping intensiv beraten lassen. Die mehrjährige Saatgutmischung u. a. mit Klee, Luzerne und Süßgräsern ist genau auf den Geschmack der Rehe abgestimmt (Anbieter: Kiepenkerl Saaten). Die Saat hat Knipping mit einem handbetriebenen Granulatstreuer gleichmäßig ausgebracht, mit einer Scheibenegge flach eingearbeitet und mit deren Nachläufer angedrückt. Eine jährliche Überfahrt mit dem Mulcher soll für frisches Grün sorgen und den Streifen freihalten. Für die Ansitzjagd stehen an jedem Streifen einige Hochsitze.

Wolfgang von Wolff-Metternich und Claus Knipping wissen durchaus, dass ihr strenges Jagdregime in der Nachbarschaft nicht unumstritten ist. Doch für sie gibt es derzeit keine Alternative: „Wir halten das so lange für notwendig, bis die Pflanzen aus dem Äser heraus sind. Sonst wird es hier keine schnelle Wiederbewaldung geben.“ Danach wollen sie wieder zu einer „normalen“ Intensität zurückkehren.

Wolfgang von Wolff-Metternich ist nach dem Kraftakt mittlerweile wieder verhalten optimistisch. Einen Dämpfer bekam der Förster allerdings durch die bürokratische Förderungspraxis. Als bei einer Kontrolle die Abstände und teils die Zahl der Bäume nicht ganz genau passten, musste er einen empfind­lichen Abzug hinnehmen.

Der Förster aus Höxter hat Verständnis, dass kontrolliert werden muss. Aber bei der aktuellen Situation glaubt er nicht, dass man alle bürokratischen Vorlagen bis aufs Komma genau be­folgen und dokumentieren kann. Der Wald ist in höchster Not, und das müsste doch eigentlich in den Amtsstuben angekommen sein…

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