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Alzheimer: Demenz-Erkrankten tut der Hof gut

Menschen mit Demenz blühen auf dem Bauernhof auf und können verloren geglaubte Ressourcen mobilisieren. Die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein hat ein Betreuungsangebot entwickelt.

Lesezeit: 8 Minuten

Fünf Paar ältere Hände halten einer Ziege Pellets hin, die sie verzückt verschlingt. „Wo sind wir hier“, fragt einer der Herren – und das zum sechsten Mal an diesem Nachmittag. Die Antwort kann er sich partout nicht merken. Er ist an Demenz erkrankt, wie die anderen vier Senioren auch.

Auf dem Hof von Urte Meves im schleswig-holsteinischen Eddelak erscheinen die älteren Herrschaften agiler, gesprächiger und fröhlicher als sonst. Dieser Ort tut ihnen gut. Er lässt sie aufblühen und mobilisiert ungeahnte Ressourcen.

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Dass der Bauernhof eine positive Wirkung auf Demenz-Erkrankte ausüben kann, ist schon länger bekannt. 2015 tat sich Heiderose Schiller von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, die 10 Jahre zuvor bereits das Konzept der Bauernhofpädagogik für Kinder etabliert hatte, mit dem Kompetenzzentrum Demenz SH zusammen. Gemeinsam stellten sie das Projekt „Bauernhöfe für Menschen mit Demenz“ auf die Beine.

Ziel war es, die Versorgungslücken für Betroffene im ländlichen Raum zu schließen und ihre pflegenden Angehörigen durch Betreuungs- und Entlastungsangebote à zwei bis drei Stunden zu unterstützen. Landwirtsfamilien sollten dadurch die Möglichkeit erhalten, das Einkommen des Betriebs um eine weitere Quelle zu ergänzen.

In vier Jahren hat sich viel getan: „Aktuell gibt es in Schleswig-Holstein 16 Höfe, auf denen Demenz-Erkrankte betreut werden. Ihre Angebote sind nach §45c SGB XI und der Alltagsförderungsverordnung anerkannt“, berichtet Schiller. Pro Stunde und Gast verdienen die Bäuerinnen und Bauern zwischen 10 und 17 Euro. Ihre Besucher können sich bis zu 125 Euro als Betreuungs- und Entlastungsleistungen von der Pflegekasse rückerstatten lassen.

Die Agraringenieurin und Krankenschwester Maria Nielsen konnte als Fachberaterin gewonnen werden. Sie vernetzt die Landwirtschaft mit dem Gesundheitswesen und berät interessierte Höfe.

Demenzrate steigt

Etwa 1,7 Millionen Menschen sind in Deutschland derzeit an einer Demenz erkrankt. Berechnungen zufolge wird sich diese Zahl bis 2050 auf ca. 3 Millionen erhöhen. Der Grund: „Steigen die Lebenserwartung und das Durchschnittsalter, erhöht sich auch die Demenzrate. Denn das Risiko zu erkranken ist altersabhängig“, erklärt Susanna Saxl von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.

„Demenz“ – dieser Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich übersetzt „weg vom Geist“. Er nimmt das wesentliche Merkmal dieser Krankheit vorweg: Betroffene müssen eine Verschlechterung bis hin zum Verlust der geistigen Fähigkeiten durchleben. Einzig die Erlebnisfähigkeit und das Gefühlsleben bleiben ihnen erhalten. „Die Krankheit verläuft schleichend und von Mensch zu Mensch verschieden“, fügt Saxl hinzu.

Grundsätzlich differenziert man zwischen primären und sekundären Formen von Demenz. Erstere sind in der Regel irreversibel, also unumkehrbar. Ein Beispiel: Bei Alzheimer-Patienten kommt es im Gehirn zu einem Absterben von Nervenzellen und der Zerstörung ihrer Verbindungen. „Von den ersten Symptomen bis zum Tod dauert es je nach Diagnosestellung zwischen drei und zehn Jahre“, so das Bundesgesundheitsministerium. Sekundäre Formen der Demenz dagegen sind Folgeerscheinungen anderer Grunderkrankungen im Körper. Sie lassen sich behandeln, teilweise sogar heilen, machen aber nur zehn Prozent aller Krankheitsfälle aus.

Weil es für die Mehrzahl der Demenz-Erkrankungen eben keine Therapie gibt, ist man bestrebt, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Unabhängig von der medikamentösen Behandlung diverser Begleitsymptome wie Angst und Schlafstörungen gilt es daher, Erinnerungen gezielt zu wecken, verbliebene Fähigkeiten zu trainieren und das Selbstwertgefühl zu stärken. Fachleute sagen dazu „aktivieren“.

Betreuung auf dem Hof

Um Menschen mit Demenz zu fördern, ist der Bauernhof geradezu prädestiniert. Maria Nielsen erklärt: „Unter den Demenz-Erkrankten gibt es gegenwärtig viele, die in ihrer Kindheit intensiven Kontakt mit der Landwirtschaft hatten. Hier werden Erlebnisse aus der Jugend wach.“ Mehr noch: Den Hof können die Betroffenen mit allen Sinnen erfahren, wenn sie die Tiere beobachten und streicheln, Stallmist riechen oder das Motorengeräusch des Treckers hören. Außerdem können sie hier mitmachen, den Kühen Futter anschieben oder Hochbeete bepflanzen, und sich wieder kompetent fühlen. „Das ist viel wert“, sagt Nielsen.

Die Bäuerinnen und Bauern selbst gehen ganz pragmatisch an den Umgang mit Demenz-Erkrankten heran. Man merkt, dass sie sich zu dieser Aufgabe berufen fühlen und entsprechend geschult worden sind: „Einfach machen, nicht zerdenken“, lautet etwa die Devise von Urte Meves. „Fängt einer meiner Besucher plötzlich an zu schimpfen, dann versuche ich, ihn aus der Situation rauszuholen, ihn abzulenken. Dafür hole ich meist ein Tier zum Kuscheln aus dem Stall.“

Abel Reimer-Ibs aus dem schleswig-holsteinischen Groß Rheide ist überzeugt: „Ganz egal, was der Demente sagt, ob es richtig ist oder falsch, er bekommt immer Recht. Er muss nicht mehr belehrt werden, nichts mehr beweisen, nichts mehr erreichen. Es geht nur darum, dass er die Zeit auf dem Hof schön findet.“

Die Rahmenbedingungen der Betreuung stellen die Landwirtsfamilien jedoch bisweilen vor Herausforderungen: Weil „Demenz“ häufig ein Tabuthema für die Angehörigen zu sein scheint, erweist es sich als schwierig, häuslich gepflegte Personen für die Betreuung zu finden. Auch die Anreise zum Hof ist oftmals problematisch.

Um die Angebote lukrativer zu gestalten, hat die LWK SH für das kommende Jahr einen neuen, umfassenderen Lehrgang konzipiert: „Green Care“ soll Bäuerinnen dazu befähigen, zusätzlich Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen zu betreuen.

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„Nicht zerdenken, einfach machen“

Seit einigen Monaten betreut Urte Meves demenzerkrankte Senioren. Außerdem hält sie Mutterkühe.

Urte Meves ist 38 Jahre alt, hauswirtschaftliche Betriebsleiterin und seit Mai dieses Jahres selbstständig: Auf ihrem 26 ha großen Nebenerwerbsbetrieb in Eddelak (SH) heißt sie regelmäßig Senioren mit Demenz aus den umliegenden Pflegeheimen willkommen sowie ältere Herrschaften, die Zuhause leben und dort umsorgt werden.

Ihre Gäste, auch Kinder und psychisch erkrankte Menschen, empfängt die Bäuerin in ihrer „Vier-Jahreszeiten-Scheune“. Diese hat sie gemeinsam mit Ehemann Sönke barrierearm umgebaut und mit Möbeln bestückt, die vergangene Tage aufleben lassen.

Wie sie den Besuch einer bis zu 15 Köpfe starken Gruppe gestaltet, entscheidet Meves abhängig von der Verfassung der Leute und aus dem Bauch heraus. „Ich bin ein echter Gefühlsmensch“, sagt sie. Was in den ca. zwei Stunden jedoch nie fehlen darf: Ein Hofrundgang und das Kennenlernen mit Ziege „Rieke“ und Henne „Trude“. „Manchmal sind meine Gäste ängstlich, skeptisch oder verärgert. Wenn ich aber die Tiere dazu hole, ändert sich das meist ganz schnell. Diesen Wandel mitzuerleben, ist etwas ganz Besonderes“, sagt die ehemalige Angestellte einer psychiatrischen Einrichtung.

In nächster Zeit möchte die Bäuerin gern behindertengerechte Toiletten bauen, einen „Garten der Sinne“ anlegen und ihren Internet-Auftritt erweitern. Außerdem hofft sie, ihre dementen Besucher noch häufiger mit Kindergruppen zusammenbringen zu können. „Kleine Kinder, bei denen der Wortschatz noch nicht so ausgeprägt ist, verstehen es auf besondere Weise, mit Demenz-Erkrankten zu kommunizieren“, erklärt Urte Meves.

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Ein Stück Familie bieten

Abel Reimer-Ibs ist Vierfachmutter, Bäuerin und Demenzbetreuerin.

Ein Gartenhäuschen aus Holz. Drumherum: Wiesen, grasende Kälber und Stallgebäude. Innen drin: Eine Kaffeetafel für zwölf. Das Sonntagsgeschirr steht schon parat, kunstvoll drapierte Servietten liegen auf den Tellern. Hier sitzt Abel Reimer-Ibs regelmäßig mit ihren Besuchern zusammen, isst Kuchen und hält „Klönschnack“. Geduldig beantwortet sie die immer gleichen Fragen, stimmt zu, dass draußen „Schietwetter“ ist – auch wenn die Sonne hoch am Himmel steht.

Eigentlich ist die 38-Jährige hauswirtschaftliche Betriebsleiterin und Mutter von vier Kindern. Dass sie jetzt zusätzlich mit demenzerkrankten Senioren arbeitet, hängt mit ihrer Mutter zusammen: „10 Jahre lang habe ich mich um sie gekümmert, sie gepflegt. Sie war nicht dement. Aber: Je weniger sie konnte, desto wichtiger war es ihr, mittendrin zu sein“, erzählt Reimer-Ibs. „Das brachte mich auf die Idee, den Hof für Senioren-Gruppen zu öffnen.“

Während ihr Mann Thorsten die Praktikabilität dieses Vorhabens zunächst anzweifelte, erkundigte sich Reimer-Ibs bei der Kammer nach den Möglichkeiten. 2017 ist der Familienbetrieb im schleswig-holsteinischen Groß Rheide (105 ha, Ackerbau und Milchvieh) als vierter Hof mit Demenz-Betreuungsangeboten vom Amt für soziale Dienste anerkannt worden.

Derzeit kommen zweimal im Monat 5- bis 12-köpfige Gruppen von Senioren mit Demenz aus Pflegeheimen in Rendsburg, immer in Begleitung ihrer Betreuerinnen. Der Umbau dafür hielt sich in Grenzen: Die Hoffläche sowie die Ställe waren ohnehin mit dem Rollstuhl befahrbar – schon allein wegen der Futterkarre. Ein Gartenhäuschen und den Weg dorthin wollte das Landwirtspaar sowieso bauen. Einzig die kleine Küchenzeile und ein behindertengerechtes WC kamen hinzu. Einmal wöchentlich fährt die Bäuerin außerdem zu einer Dame nach Hause, die an Demenz erkrankt ist.

Bevor eine Gruppe eintrifft, erkundigt Reimer-Ibs sich nach der Anzahl an Personen. Vor allem aber fragt sie nach den Ressourcen und Fertigkeiten der Leute, ob sie gerne basteln oder lieber singen. „Jeder soll das machen, was er noch kann und wozu er Lust hat“, sagt die hauswirtschaftliche Betriebsleiterin. Für die Vorbereitung, z.B. das Kuchenbacken, Tischdecken oder Bereitstellen von Marmeladengläsern, benötigt sie zwischen zwei und drei Stunden.

Wenn die Leute ankommen, geht es meist direkt in den Stall. „Auf dem Futtertisch stehen Gartenstühle bereit. Da können sie sich reinsetzen, die Kühe beobachten, sie streicheln, eventuell Futter anschieben. Manchmal legen ihnen die Kinder auch Kaninchen auf den Schoß“, schildert Reimer-Ibs. Je nach Konstitution und Stimmung, folgt das Binden von Heuherzen oder das Anrühren von Kräuterquark. Für Abwechslung und Unterhaltung sorgen außerdem die Hofhunde, zwei Sattelschweine und Nachbars Pony. Nach zwei bis drei Stunden neigt sich der Besuch meist dem Ende entgegen. „Wenn unsere Besucher mit einem Lächeln vom Hof gehen, dann ist unsere Mission geglückt“, findet die Bäuerin.

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