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Agora Agrar: „Wir wollen keine Papiere für die Schublade schreiben“

Agora Agrar tritt als neuer Akteur in der Agrarpolitik auf. Ihr Ziel ist eine nachhaltigere Ernährung, Landwirtschaft und Forstwirtschaft. Als "Einflüsterer" der Grünen versteht sie sich nicht.

Diese Woche hat Agora Agrar, ein neuer Thinktank für Ernährung, Landwirtschaft und Forst in Berlin die Arbeit aufgenommen. Er will wissenschaftlich fundierte Analysen und Politikvorschläge für alle drei Bereiche erstellen. Als Doppelspitze leiten Prof. Harald Grethe (Humboldt-Uni Berlin) und Dr. Christine Chemnitz (ehemals Heinrich-Böll-Stiftung) die Agora Agrar. Im Interview mit top agrar geben sie einen ersten Einblick in ihre agrarpolitischen und fachlichen Vorhaben:

top agrar: Agrarpolitik wird in Ministerien und Parlamenten gemacht. Beraten werden die politischen Akteure von wissenschaftlichen Beiräten und Sachverständigen. Zudem gibt es zahlreiche Landwirtschaftsverbände und Organisationen, die ihre Interessen bei den Abgeordneten platzieren. Wofür braucht es jetzt noch eine Agora Agrar?

Grethe: Ja, Politik wird von den dafür demokratisch legitimierten Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern gemacht. Und die wissenschaftlichen Beiräte und Räte leisten eine hervorragende Arbeit bei der Zusammenstellung von Forschungsergebnissen und der Ableitung von politischen Handlungsempfehlungen. Dennoch ist vieles noch nicht hinreichend mit Interessengruppen diskutiert, es ist noch nicht hinuntergedacht in Gesetzgebungsverfahren und richtige und gute Konzepte sind noch nicht breit und allgemeinverständlich genug kommuniziert. In diese Lücke möchten wir treten, indem wir Strategien und Politikvorschläge im Austausch mit politischen Akteuren, der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und Wissenschaft erarbeiten.

Welche Themen will die Agora Agrar als erstes voran treiben?

Chemnitz: Das Besondere an Agora Agrar ist, dass wir Ernährung, Landwirtschaft und Forst integriert bearbeiten und damit auch Wechselwirkungen im Blick haben. Außerdem betrachten wir die unterschiedlichen Dimensionen der Nachhaltigkeit gemeinsam. Das heißt, es geht nicht nur um Klimaschutz, sondern auch um den Schutz von Biodiversität, um Gesundheit und Tierwohl. Die großen Themenfelder sind der Umbau der Nutztierhaltung, Nachhaltigkeit im Ackerbau, die Wiedervernässung von Mooren, nachhaltige Ernährung aber auch Analysen dazu, wie eine nachhaltige Landnutzung im Rahmen der Bioökonomie zukünftig aussehen könnte.

Wie ist Agora Agrar finanziert?

Chemnitz: Wir werden durch private Stiftungen finanziert und sind inhaltlich unabhängig: Die Robert-Bosch-Stiftung, Porticus, die Umweltstiftung Michael Otto und die European Climate Foundation.

Woher werden Sie Ihre Expertise nehmen? Was für eine Zusammenarbeit planen Sie mit welchen agrarwissenschaftlichen Instituten?

Grethe: Wir sind dabei, ein interdisziplinäres Team von vorerst 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufzubauen. Dabei brauchen wir Expertise in den Bereichen Ernährung, Land- und Forstwirtschaft und auch verschiedene disziplinäre Zugänge, wie zum Beispiel Agrar- und Forstwissenschaften, Politik-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften.

Chemnitz: Außerdem wird Agora Agrar einen wissenschaftlichen Beirat aufbauen, der unsere Arbeit kritisch begleiten wird. Der wissenschaftliche Beirat wird interdisziplinär sein und Mitglieder aus verschiedenen Forschungseinrichtungen umfassen.

Regierung und Parlamentarier werden gewählt, die Spitzen von Interessenverbänden auch. Wie demokratisch legitimiert ist die Agora Agrar?

Grethe: Politikziele festzulegen ist die Aufgabe von Parlament und Regierung. In Deutschland sind das zum Beispiel Klimaneutralität bis 2045, Erhalt der biologischen Vielfalt, oder etwa das seit 2010 gültige Ziel, den Stickstoffüberschuss pro Hektar auf 80 kg abzusenken, das wir mehr als zehn Jahre später immer noch nicht erfüllen. Agora Agrar möchte mit seinen Strategien und Lösungsvorschlägen die Erreichung dieser demokratisch legitimierten Ziele unterstützen und dort die gesellschaftliche Aushandlung von Zielen unterstützen, wo wir uns noch gar nicht hinreichend verständigt haben: Zum Beispiel in Bezug auf die sozialen Funktionen der Landwirtschaft und die Strukturen der Landbewirtschaftung.

Wird die Agora ein wissenschaftlicher 'Einflüsterer' der Grünen, die aktuell das Bundesagrarministerium inne haben?

Grethe: Wir erarbeiten unabhängige, wissensbasierte Analysen und werden von niemandem die 'Einflüsterer' sein, sondern stellen unsere Ergebnisse allen Akteuren transparent zur Verfügung. Dabei sind wir unabhängig von parteipolitischen und wirtschaftlichen Interessen. Ziel ist eine nachhaltige Ernährung, Land- und Forstwirtschaft. Das ist für alle demokratischen Parteien wichtig und anschlussfähig: Ökologische Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit und 'gutes Essen für alle' und unternehmerische Gestaltungsmöglichkeiten für Landwirtinnen und Landwirte um Nachhaltigkeitsziele auf unterschiedlichen Wegen zu erreichen.

Wie wird die Agora die praktische Landwirtschaft einbinden? Wie wollen Sie dem Eindruck eines wissenschaftlichen Elfenbeinturms entgegen wirken?

Chemnitz: Der Eindruck des Elfenbeinturms wird hoffentlich gar nicht erst entstehen, weil wir es als unsere zentrale Aufgabe sehen, Analysen, Politikvorschläge, Fachgespräche und Dialoge so zu organisieren, dass sie wirklich genutzt werden. Wir wollen keine Papiere für die Schublade schreiben. Darin wird uns unter anderem der Rat der...

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