Ausverkauf im Osten

Bodenmarkt und Fachkräftemangel fordern ostdeutsche Landwirtschaft heraus

Laut Prof. Claudia Dalbert gibt es in Ostedeutschland einen regelrechten Ausverkauf von Ackerland durch Finanzinvestoren. Eine Landwirtin gibt der BVVG eine Mitschuld an den großen Betrieben.

Jenseits von Klima- und Umweltschutz stellen der Bodenmarkt und Fachkräftemangel mit die größten Herausforderungen für die ostdeutsche Landwirtschaft dar. Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsministerin Prof. Claudia Dalbert beklagte bei einer Online-Tagung einen durch freies Kapital angefeuerten regelrechten „Ausverkauf von Ackerland“, der insbesondere wegen der als Share Deals bekannten Anteilskäufe von Unternehmen meist unter dem Radar der Behörden verlaufe.

Dies geht nach ihrer Überzeugung zu Lasten einer zukunftsfähigen Agrarstruktur, der ländlichen Räume und insbesondere auch zu Lasten von Junglandwirten. Dalbert setzt auf einen Entwurf für ein Agrarstrukturgesetz, der dem Magdeburger Landtag jetzt vorgelegt werden soll.

Auch in Brandenburg strebt die Regierungskoalition ein Agrarstrukturreformgesetz und den Aufbau eines Bodenfonds an. Der agrarpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Johannes Funke, wies gleichwohl darauf hin, dass die Bodenpreise im Osten immer noch deutlich unter denen im Westen rangierten. Steigende Preise seien auch nicht immer „Fluch“, da diese in der Praxis oft die Alterssicherung scheidender Betriebsleiter darstellten, gab Funke zu bedenken.

Er betonte außerdem, dass Größe selbst in den neuen Bundesländern keine Erfolgsgarantie sei, weshalb er auch in Zukunft in Brandenburg mit einem „lebendigen Bodenmarkt“ rechne, also mit Kaufgelegenheiten für wachstumswillige Unternehmen.

Für mindestens ebenso problematisch wie den Anstieg der Bodenpreise hält der SPD-Politiker den zunehmenden Fachkräftemangel im Osten. Dieser gelte für Mitarbeiter wie nachfolgende Betriebsleiter gleichermaßen. Funke sieht deshalb in politischer Hinsicht noch enormen Nachholbedarf für Initiativen zur Erhaltung lebenswerter ländlicher Räume, die den Menschen auch in der Landwirtschaft Perspektiven bieten. Dazu zählt er neben guten Ausbildungsmöglichkeiten und der Digitalisierung auch die Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten in den ostdeutschen Bundesländern.

Fläche wieder in öffentliche Hand bringen

Die Brandenburger Landwirtin Julia Bar-Tal zeigte sich über die bodenmarktpolitische Weichenstellung in den Nachwendejahren enttäuscht. Nach ihrer Darstellung hat auch die Privatisierungsstrategie der Bodenverwertungs- und verwaltungsgesellschaft (BVVG) dazu beigetragen, dass sich Boden seitdem in der Hand großer Betriebe konzentriert und stark verteuerte.

Für wachstumswillige kleine Betriebe werde die Entwicklung ihrer Unternehmen immer unwirtschaftlicher und somit unwahrscheinlicher, monierte Bar-Tal. Es fehlten der politische Hebel und der Wille, dass Flächen in die öffentliche Hand zurückgelangten. Dafür kämen nach Einschätzung von Bar-Tal beispielsweise die bei Insolvenzen größerer Agra-Holdings zum Verkauf stehenden Flächen in Frage.

Voraussetzung für eine vielfältige Agrarstruktur, in der auch Junglandwirte einen Platz haben, sind ihr zufolge aber ebenfalls zeitgemäße Curricula während der Ausbildung, Beratungsstellen bei der Existenzgründung, juristische Beratung beim Landkauf und Naturschutzberatung.

Auch Andreas Tietz vom Thünen-Institut für Ländliche Räume findet, dass es politischen Nachholbedarf bezüglich großer Investoren gibt, denn der Politik fehle der Überblick, wem welche Agrarflächen gehörten: „Die landwirtschaftliche Förderung blickt auf den einzelnen Betrieb, aber die Strukturen dahinter werden nicht erkannt und nicht erfasst”, so Tietz. Wer Agrarstrukturpolitik machen wolle, müsse diese Strukturen jedoch kennen.


Diskussionen zum Artikel

von Klaus Jensen

Und da zeigt sich wieder....:

der Familienbetrieb ist unschlagbar. Auch auf dem Weltmarkt, wenn man ihn denn in Ruhe wirtschaften lässt ohne ständige Enteignungskampagnien aus dem UBA, gesteuert von irgendwelchen kommunistischen NGO`s....MfG Jens Martin Jensen

von Hermann Helmers

Gerechtigkeit

gibt es auf diesem Gebiet sowieso nicht. Den reichen wird gegeben und den armen das Evangelium verkündet... das ist seit mehr als 2000 Jahren so. Aber erzähle einem Bauer aus Westdeutschland er bekäme 150 ha für kleines Geld... solche Möglichkeiten gab es nur im Osten.

von Harald Finzel

Claudia Dalbert...

Frau Dalbert ist seit April 2016 Landwirtschaftsministerin in Sachsen-Anhalt und hatte somit schon viereinhalb Jahre Zeit (und die Zuständigkeit!), etwas gegen den "Ausverkauf von Ackerland" in die Wege zu leiten. Mit welcher Berechtigung beklagt also ausgerechnet sie, dass ... mehr anzeigen

von Wilfried Maser

Da müsste endlich

was dagegen unternommen werden. Durch die Zuschüsse ist doch eine Grundverzinsung des eingesetzten Kapitals gegeben, bei Banken müssten die Finanzinvestoren für die Aufbewahrung des Geldes ja eine Gebühr bezahlen. Die Agrarzahlungen pro Betrieb müssten unbedingt begrenzt werden. Aber ... mehr anzeigen

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