Meinung

„Branchengespräch Fleisch“: Alles auf links drehen?

Miese Bedingungen in der Schlachtindustrie, Ramschpreise für Fleisch, zahlungsunwillige Verbraucher. Verbesserungen sind gefragt. Aber mit Maß – damit Landwirte nicht hintenüberfallen.

Ein Kommentar von Patrick Liste, stellv. Chefredakteur vom Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben:

Einen Neustart. Nicht weniger kündigten ­Julia Klöckner, Ursula Heinen-Esser und Barbara Otte-Kinast beim „Branchengespräch Fleisch“ an. Ihre Bestandsanalyse: miserable Arbeits- und Wohnbedingungen in der Schlachtindustrie, Ramschpreise für Fleisch im Handel, Verbraucher, die viel fordern, aber wenig zahlen.

All das ist nicht neu. Aber erst Corona setzt die Themen oben auf die politische und gesellschaftliche Agenda. Die Politikerinnen haben noch keinen konkreten Fahrplan für den Neustart. Aber sie spüren viel Rückenwind, etwas zu verbessern. Das Gute: Die Debatte läuft über die gesamte Lebensmittelkette vom Stall bis zum Teller – nicht wie bisher vor allem im Stall und auf Kosten des schwächsten Kettenglieds, der Erzeuger.

Abkehr von Werkverträgen

Die Schlachtunternehmen Tönnies, Westfleisch und die PHW-Gruppe (Wiesenhof) versuchen dem Gesetzgeber zuvorzukommen: Sie wollen aus den Werkverträgen aussteigen und mehr für ihre Arbeiter tun. Ein Indiz, dass sie die Selbstverpflichtung nicht ernst genug genommen haben. Und eine Chance, dass Arbeiter in schmuddeligen Wohnungen der Vergangenheit angehören. Die EU-Kommission will das jetzt offenbar europaweit umsetzen – noch besser!

Schluss mit Lockangeboten für Lebensmittel

Endlich rückt aber auch der Lebensmittelhandel stärker in den Fokus. Julia Klöckner will die Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken jetzt zügig umsetzen. Und sie will ein Verbot von Werbung mit niedrigen Lebensmittelpreisen bzw. ein Preiswerbeverbot für Fleisch prüfen. Das ist überfällig. Mit Lockangeboten für Lebensmittel muss Schluss sein!

Allerdings schränkte sie schon ein, dass das Kartellamt Grenzen setze und Politik keine Preise mache. Trotzdem sollte die Ministerin forscher auftreten. Es war schließlich die Politik, die die Tengelmann-Übernahme durch Edeka zuließ – gegen die Empfehlung des Kartellamtes. Warum also nicht einmal anders herum und die Macht des Handels begrenzen?

Mehr an Tierwohl

Worte und Appelle allein werden nicht reichen. Tierhalter müssen sich auf höhere Anforderungen einstellen. Die Vorschläge der Borchert-Kommission dürften die Richtschnur sein: mehr Tierwohl, mehr Umweltschutz – und als Ausgleich eine Prämie vom Staat, da die Verbraucher es freiwillig nicht zahlen. Bei Schweinehaltern kommt dieser Systemwechsel unterschiedlich an. Klar ist aber: Wenn Landwirte in das geforderte Mehr an Tierwohl investieren, muss die Gegenfinanzierung gesichert sein. Das ist sie aktuell nicht.

Es ist noch fraglich, ob eine Verbrauchssteuer von 40 Cent/kg überhaupt mit dem EU-Recht vereinbar ist und was für importiertes Fleisch gilt. Zudem gibt es offene Fragen zu bestehenden Ställen, zur Übergangszeit sowie zum Baurecht. Der Veränderungsdruck auf die Landwirte ist aber schon jetzt immens. Keinesfalls darf der aktuelle Tatendrang Tierhaltern höhere Auflagen ohne Gesamtkonzept überstülpen. Deshalb: Corona hat Missstände aufgedeckt. Es ist klug, mit dem aktuellen Willen Verbesserungen in der gesamten Kette einzuleiten. Aber mit Maß – damit Landwirte nicht hintenüberfallen.

Die Redaktion empfiehlt

Bundesagrarministerin hat sich für eine Tierwohlabgabe auf Fleisch ausgesprochen. Der von der Borchert-Kommission berechnete Zuschlag von 0,40 Euro pro kg sei realistisch.

Allein auf nationaler Ebene kann ein Tierwohllabel nicht Pflicht werden. Daher will es Ministerin Klöckner EU-weit einführen. Auch um Wettbewerbsgleichheit auf dem Markt zu schaffen.

Julia Klöckner hat den Eindruck, dass die Umweltverfechter im Land die Kernaufgabe der Landwirtschaft, die Nahrungsmittelproduktion, oftmals vergessen. Einseitige Forderungen mache sie nicht mit!


Diskussionen zum Artikel

von Guido Müller

Billigfleisch und Tierwohl

scheint das gleiche Übel zu sein. Sobald in einer Debatte über Fleischkonsum geredet wird, geht es ohne Umweg unmittelbar zum Tierwohl, was scheinbar als Grundlage für für alle nachfolgenden Geschäftsfelder gesehen wird. Selbst Tiere mit vielen Streicheleinheiten würden im ... mehr anzeigen

von Guido Müller

Billigfleisch und Tierwohl

scheint das gleiche Übel zu sein. Sobald in einer Debatte über Fleischkonsum geredet wird, geht es ohne Umweg unmittelbar zum Tierwohl, was scheinbar als Grundlage für für alle nachfolgenden Geschäftsfelder gesehen wird. Selbst Tiere mit vielen Streicheleinheiten würden im ... mehr anzeigen

von Rudolf Rößle

Lawine

das EU Parlament muss sich erst mal sortieren, da mit dem Glyphosat Verbot sich das auf Dauer auf Importware auswirken wird.

von Rudolf Rößle

Frau Klöckner

warum brechen Sie für uns nicht eine Lanze und sagen klar, dass der Endpreis eines Produkts die Vollkosten aller Beteiligten decken muss, um den Umbau unserer Gesellschaft stemmen zu können.

von Wilfried Maser

Scheinheilig

Erst bereiten die Politiker den Weg, dann beschweren Sie sich wohin er führt! Es wäre mal an der Zeit dass Sie vor Entscheidungen etwas weiter vorausschauen würden, etwas über die Nasenspitze und die Fingerspitzen hinaus! Etwas Fach- u. Sachverstand würde weiterhelfen!

von Guido Müller

Fach- und Sachverstand

wo soll der herkommen? Man muss sich nur die Biographien der zuständigen Personen ansehen. Da ist nichts mit Fach- und Sachverstand!!

von Albert Maier

Am Endes des ...

Tages geht alles so weiter wie bisher.

von Heinrich-Bernhard Muenzebrock

nein

ich glaube nicht, dass alles so weiter geht wie bisher. Unsere Politiker sind getriebene. Getriebene durch die Medien usw.. Daher bin ich davon überzeugt, dass sich etwas ändern wird. Ob im Gegenzug mehr bezahlt wird, stelle ich in Frage.

von Heinrich-Bernhard Muenzebrock

Ursache liegt beim Einzelhandel

die Ursache für das ganze Elend, im Bereich der Landwirtschaft und den nachgelagerten Betrieben, liegt beim Einzelhandel. "Geiz ist Geil" - oder ich kann es billiger als meine Mitbewerber ist angesagt. Verbraucher werden mit Angeboten u.a. im Bereich Fleisch in die Läden gelockt. Um das ... mehr anzeigen

von Harald Butenschön

Der Staat löse das Volk auf...

... Und bestimme ein Neues. Ich denke es greift zu kurz, den Handel ob der Werbung mit Billigst-Preisen als Ursache zu sehen. Warum wird denn mit "billig" geworben? Weil es funktioniert! Auch wenn es dem Verbraucher nicht passt ist er (sie, div.) die Ursache des Übels. Wie man die ... mehr anzeigen

von Gerd Uken

Die Zukunft in Schweinesektor

China baut riesige Schweinehochhöuser da kräht kein Hahn nach Tierschutz , Kastenstände oder wie dort geschlachtet wird.....lebende Jungsauen werden eingeflogen das schon seit Februar diesen Jahres auch während wir hierCoronaauflagen haben. 700 Stck/ Flugzeug 12 std unterwegs wer ... mehr anzeigen

von Erwin Schmidbauer

Der Offenbarungseid der "Zivilgesellschaft"

Wenn nun die Ministerien und offensichtlich auch Andere Einsehen, dass die Käufer die Forderungen, die sie stellen, nicht bezahlen wollen und werden, ist das doch schon ein Fortschritt. Aber was wird dann die Zukunft bringen, wenn es eine Fleischabgabe gibt. Die Diskussion um die ... mehr anzeigen

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