Der Hunger hat andere Ursachen!

Eine Stellungnahme von Prof. Dr. Gabriel Felbermayr, ifo Institut und Universität München: In manchen Kreisen ist es politisch korrekt, die europäische Agrarpolitik für den Hunger in Afrika verantwortlich zu machen.

Eine Stellungnahme von Prof. Dr. Gabriel Felbermayr, ifo Institut und Universität München:
 
In manchen Kreisen ist es politisch korrekt, die europäische Agrarpolitik für den Hunger in Afrika verantwortlich zu machen. Die EU-Agrarzahlungen würden es den Landwirten in der EU erlauben, unter den Herstellungskosten zu verkaufen und so die Kleinbauern in Afrika mit Dumpingware um die wirtschaftliche Existenz bringen. So argumentieren Vertreter von Hilfsorganisationen, Umweltverbänden und Teile der Politik immer wieder gerne.
 
Das ist blanker Unsinn. Welcher heimische Landwirt würde eine solche Strategie verfolgen wollen? Sie würde sein Einkommen schmälern: Jede Einheit, die unter den Herstellungskosten verkauft wird, reduziert den Gewinn und würde besser nie produziert. Das macht auch keinen Sinn, denn die EU-Agrarzahlungen gibt es seit der Reform der EU-Agrarpolitik, unabhängig von der Produktionsmenge.
 
Es ist also kaum die EU-Agrarpolitik, die die Weltmarktpreise unter Druck bringt. Eher sind es die Produktivitätssteigerungen in der EU-Landwirtschaft, die zu einem höheren Angebot und zu niedrigeren Weltmarktpreisen führen. Das ist für Produzenten immer ein Ärgernis, für die Verbraucher aber eine Wohltat. Letztere sind mittlerweile auch in Schwarzafrika (südlich der Sahara) in der Mehrheit: Nach Daten der Weltbank leben dort zwar noch 60 % der circa 1 Mrd. Menschen auf dem Land, weniger als 80 % sind davon noch kleinbäuerlich tätig.
 
Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen. Wer wird diese Menschen dann mit Nahrungsmitteln versorgen? Die heimischen Bauern? Wohl kaum. Das wahre Problem des afrikanischen Agrarsektors ist seine niedrige Produktivität. Dafür kann man nicht die europäischen Bauern verantwortlich machen. Die afrikanische Landwirtschaft braucht Investitionen in Bildung, Maschinen und Infrastruktur.
 
Eine extrem kleinteilig organisierte Landwirtschaft kann das nicht leisten. Nur wenn dieser Strukturwandel gelingt, ist die afrikanische Landwirtschaft wettbewerbsfähig, weil die dortigen Arbeitskosten nur einen Bruchteil der europäischen ausmachen. Solange das nicht der Fall ist, hilft das Produktivitätswachstum der hiesigen Landwirtschaft der Mehrzahl der Menschen in Afrika. Die EU schadet der afrikanischen Lebensmittelbranche aber trotzdem, weil sie den Import verarbeiteter Lebensmittel mit hohen Zöllen belegt. Dadurch lohnt sich das Veredeln von Agrarprodukten für den Export in die EU nicht. Über diesen Protektionismus darf man sich gerne aufregen.

top agrar-Rubrik "Der Blick von außen"

Dieser Text stammt aus der Rubrik "Der Blick von außen", die jeden Monat in der top agrar-Heftausgabe erscheint. Der Streitpunkt zeigt, wie die Landwirtschaft von außen gesehen wird und ist nicht die Meinung der Redaktion. Wie stehen Sie dazu? Wir freuen uns auf Ihren Kommentar unten.

Zum Streitpunkt des letzten Monats:
Initiative Tierwohl: Verantwortung für Mensch und Tier (25.7.2015)

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