Ukraine-Krieg​

Ernte in der Ukraine: „Unsere Silos sind voll“​

Der Export des Getreides aus der Ukraine steht weiterhin still. Trotzdem ist die neue Ernte in großen Teilen des Landes in vollem Gange. Für die Landwirte vor Ort heißt es nun: Säen, ernten, kämpfen.

Unser Autor: Niklas Golitschek, Freier Journalist, Bremen

Seit mittlerweile fünf Monaten greift Russland die Ukraine an. Dazu haben wir bereits ausführlich berichtet. Die ukrainischen Landwirte befinden sich aktuell, soweit möglich, mitten in der Ernte. Die Silos sind jedoch noch voll mit der Ernte aus dem vergangenen Jahr…

Eines der wichtigsten Projekte liegt für den ukrainischen Agrarkonzern LNZ derzeit auf Eis. 2020 hat das Unternehmen bereits Grundstücke nahe des Hafens in Mykolajiw, im Süden der Ukraine, erworben. Siloanlagen für 400.000 t Getreide sollten hier entstehen, erklärt Anatoliy Tkachenko, Direktor für die private Aktiengesellschaft im Leitungsgremium des Konzerns. Doch der Beschuss der Stadt setzt das Großprojekt zu großen Risiken aus.

Tkachenko

Anatoliy Tkachenko ist Direktor für die private Aktiengesellschaft des Agrarkonzerns. Er hofft auf baldige Unterstützung aus dem Westen, um den Export voranzutreiben. (Bildquelle: LZN Agrar)

Russland blockiert zusätzliche Lagerfläche

Eine solche Speicher- und Transportstätte könnte der Konzern nun gut gebrauchen. „Unsere eigenen Kapazitäten sind voll. Wir sprechen mit unseren Partnern und nutzen alle Möglichkeiten, nach Westen zu liefern“, beschreibt er im Gespräch. Doch die einzige Lösung seien die Hafensilos. Nur sind die in den besetzten Gebieten derzeit nicht zugänglich und die restlichen durch die russische Blockade des Schwarzen Meeres praktisch nicht nutzbar. Teilweise auch von ukrainischen Einheiten platzierte Seeminen erhöhen das Risiko für Handelsschiffe weiter.

Unsere eigenen Kapazitäten sind voll." - Tkachenko

Die ukrainische Agrarindustrie blickt zwar auf glänzende Jahre zurück. Trotz der mehr als vier Monate Großangriff durch Russland verzeichnete das Agrarministerium im abgelaufenen Landwirtschaftsjahr 2021/22 (Juni-Juni) mit 48,5 Mio. t Exportvolumen ein Plus von 4 Mio. t. Doch der Einbruch in den zurückliegenden Monaten ist enorm. Im Vergleich zum Vorjahresmonat 2021 liege der Exportumsatz bei mickrigen fünf Prozent. „Den höchsten Preis erzielen wir ab Februar und März, darauf haben die Big Player gewartet“, sagt Tkachenko, dessen Konzern mehr als 70.000 Hektar Land bewirtschaftet. Das stärkste Exportvolumen verteile sich dann über mehrere Monate:

  • Mais zwischen Januar und Juli
  • Sonnenblumen zwischen März und Mai
  • Weizen je nach Preislage

Jetzt sitzen die Landwirte und Agrarunternehmen ratlos auf einem Volumen, das fast einem halben Jahresexport entspricht

Abtransport der Ernte bleibt schwierig

In die Lager müsste nun allerdings die neue, weitgehend planmäßig verlaufene Ernte etwa von Raps und Gerste. Die Versuche der Konzern in Schläuchen zu lagern und den Bestand über Exporte nach Polen und Rumänien zu transportieren. Zerstörte Straßen- und Schieneninfrastruktur erschwere das jedoch. Dank der 400 firmeneigenen Eisenbahnwaggons habe LNZ die Tonne Erntegut von der Zentralukraine zu den etwa 400 Kilometer entfernten Häfen für neun Euro transportieren können. Für den Weg nach Polen liege der Preis nun wegen der hohen Nachfrage bei bis zu 150 €. Durch die unterschiedliche Spurbreite können die Züge nicht einfach durchfahren. Auf polnischer Seite seien außerdem keine Kapazitäten vorhanden, um diese Mengen auf der Schiene zu verlagern. Lastwagen warten wegen der langen Zollkontrollen tagelang.

Das ist ein Problem für die ganze Welt." - Tkachenko

Die Hoffnungen liegen nun darauf, dass mit Hilfe der internationalen Verbündeten in Verhandlungen mit Russland die Seeblockade gelöst wird. „Das ist ein Problem für die ganze Welt. Das müssen alle verstehen: Das ist ein unglaubliches Volumen“, unterstreicht Tkachenko. Zuletzt hatte es hier Anzeichen gegeben, die auf eine Lösungsfindung deuteten.

Es heißt jetzt „säen, ernten, kämpfen“

Eigene Infrastruktur, Felder oder Anlagen seien durch den Krieg derweil kaum beschädigt worden. Doch in der Oblast Sumy, die östlich von Kiew und nordwestlich von Charkiw eine fast 500 Kilometer lange Grenze mit Russland teilt und zu Beginn der Großoffensive besetzt worden war, gestalte sich die Situation schwierig. Eine große, erst 2019 gebaute landwirtschaftliche Anlage habe die Zeit zwar überstanden. Doch: „Die Region wird immer noch täglich angegriffen“, merkt der LNZ-Direktor an. Die Gefahr sei deshalb noch nicht gebannt. Nachbarn hätten bereits große Schäden zu beklagen.

Die aktuellen Unsicherheiten wirken sich laut Tkachenko auch auf die Saatgutproduktion des Agrarriesen aus. Die Nachfrage sei bereits um 20 % zurückgegangen. „Alle werden säen“, ist er überzeugt. Doch die Frage sei, welche Kulturen und welche Mengen. Mais und Sonnenblumen dürften beispielsweise verstärkt durch Raps oder Weizen ersetzt werden. Wie lange LNZ unter diesen Umständen noch wirtschaftlich überleben kann? „Das ist eine komplizierte Frage“, sagt er und verweist auf die bisherigen Bemühungen. Ukrainer seien optimistisch und das Land habe sich eine starke Logistik aufgebaut, darauf müssten sie weiterhin setzen und mehr Lösungen finden. „Säen, ernten, kämpfen“, sei nun die Aufgabe der Ukraine – und mit den EU-Partnern ließen sich die Probleme hoffentlich irgendwie lösen.

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