Multiresistente Keime kommen nicht allein aus Landwirtschaft!

Wenn es um die Ausbreitung von Krankenhauskeimen (MRSA) geht, steht für Kritiker fest, das die Bakterien aus der landwirtschaftlichen „Massentierhaltung“ kommen. Andere Ursachen wurden bislang nicht beleuchtet bzw. sollten nicht beachtet werden. Auch Prof.

Wenn es um die Ausbreitung von Krankenhauskeimen (MRSA) geht, steht für Kritiker fest, das die Bakterien aus der landwirtschaftlichen „Massentierhaltung“ kommen. Andere Ursachen wurden bislang nicht beleuchtet bzw. sollten nicht beachtet werden.

Auch Prof. Martin Aepfelbacher vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf dachte lange, der Antibiotikaeinsatz in den Ställen führe zur Bildung von resistenten Keimen. Als er und sein Team jedoch die Keime von Hühnchen mit Darmkeimen von Krankenhauspatienten verglich, zeigte sich, dass die Erreger nicht identisch waren.

"So einfach scheint es nicht zu sein, dass wir damit sagen können, der Mensch isst Hühnchen, bekommt damit den resistenten Erreger, diesen trägt er ins Krankenhaus, dort löst der Erreger eine Erkrankung aus, so leicht ist es nicht. Der Mensch bekommt ihn irgendwoher, wahrscheinlich aus der Umwelt“, so Aepfelbacher am Dienstag in der Sendung Report München.

Das kann auch der Mikrobiologe Sebastian Günther bestätigen. Fünf Jahre lang hat er in Berlin Ratten aus der Kanalisation auf multiresistente Keime untersucht. Jede sechste Ratten war mit multiresistenten E-Coli-Bakterien infiziert. In der Nähe eines großen Krankenhauses trug sogar jede dritte Ratte multiresistente Keime in sich. "Wir sehen die Ratten bisher als Indikatortiere. In so einem urbanen Umfeld kommen die multiresistenten Keime auch außerhalb der Krankenhäuser vor. Möglicher Ansteckungsweg wäre, wenn die Ratten diese Kanalumgebung verlassen würden - und das tun sie - und halt die menschliche Infrastruktur nutzen“, so Günther. Er vermutet, die multiresistenten Keime wurden über Krankenhausabwasser auf die Tiere übertragen.

Report München stellt daher die Frage, wie man das Abwasser reinigen kann, denn aktuell können multiresistente Keime und Arzneimittelrückstände nicht zu 100% entfernt werden. Prof. Johannes Pinnekamp, Siedlungswasserwirtschaft RWTH Aachen, stellt dazu klar, dass es technisch überhaupt kein Problem sei, man müsse nur die Kläranlagen aufrüsten. Für den Verbraucher würden die Kosten dabei lediglich um 15 Euro pro Jahr steigen. "Ich setze das gerne in Verhältnis zu den Kosten, die jeder Einwohner für Medikamente im Jahr ausgibt, und das sind etwa 560 Euro. So dass wir 3% der Medikamentenkosten aufwenden müssten, um die Arzneimittelreststoffe und andere Verunreinigungen und auch die Keime aus dem Wasser zu entfernen, und ich halte das für eine vertretbare Größenordnung", so Pinnekamp.
 
Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall zweifelt jedoch am Sinn solcher Investitionen und sieht die Kliniken in der Verantwortung. "Klinikabwasser ist sicherlich beachtlich, insbesondere was Medikamentenreste und ähnliches angeht, es ist aber auch eine deutlich kleine Abwassermenge, so dass also eine Reinigung unter Umständen einer Klinik schon einen Beitrag leisten könnte zur Gesamtverminderung“, kontert Prof. Wolfgang Firk von der Wasserwirtschaft.

Das Bundesumweltministerium bestätigte die Recherchen des Senders und hält auch Kläranlagen in Krankenhäusern für denkbar. Aber solche Kläranlagen würden das Problem nicht generell lösen, „da solche Erreger unter Umständen auch aus anderen diffusen Quellen und durch das hohe Ausmaß der Verwendung von Antibiotika in der Tierhaltung in die Gewässer gelangen können." Das Ministerium hält also an der These fest, nur die Landwirtschaft sei schuld.

Prof. Aepfelbacher aus Hamburg hält dagegen, dass durch neue wissenschaftliche Studien überall in der Umwelt multiresistente Keime nachgewiesen werden: In Kläranlagen, in Sedimenten von Seen, im Krankenhausabwasser. Dadurch sei auch zu erklären, warum sich z.B. in Aachen MRSA in einem Freibad fanden. Sie kamen über den Regen ins Wasser. "Wichtige Schlussfolgerung daraus ist, wir müssen weiter intensiv forschen, wo sich diese multiresistenten Erreger in der Umwelt befinden, wie und wo sie den Menschen besiedeln."

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