Analyse

Coronakrise: So bewertet die FH Südwestfalen die Situation der Landwirtschaft

Laut einer aktuellen Befragung erwarten einige Landwirte jetzt einen Ausgleich finanzieller Einbußen. Andere erwarten nun besonders eine stärkere Förderung regionaler bzw. heimischer Produktion.

Die Fachhochschule Südwestfalen Soest hat vom 27. März bis zum 8. April eine Befragung zu den Auswirkungen der Coronakrise auf die Landwirtschaft durchgeführt. Insgesamt 440 Personen haben teilgenommen. Die Leitung hatte Prof. Dr. Marcus Mergenthaler. Hier ein Auszug aus den Ergebnissen:

Sorgen um Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft

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Sorgen um Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft (Bildquelle: FH Südwestfalen)

Die Landwirtschaft hat sich in den letzten Wochen angesichts der Corona-Krise große Sorgen um ihre Versorgung mit ausländischen Arbeitskräften gemacht. Bis Ende Mai werden circa 100.000 Saisonarbeiter vor allem für die Spargel- und Erdbeerernte benötigt.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie bis zum 2. April war nicht klar, ob und unter welchen Umständen ausländische Saisonarbeitskräfte nach Deutschland einreisen können. Trotzdem gaben nur 8% der befragten Betriebe bis dahin an, dass sie einen Wegfall an ausländischen Arbeitskräften erwarten würden. Das sind jedoch auch alle Betriebe, die angaben normalerweise auch ausländische Arbeitskräfte zu beschäftigen.

Bemühungen der Regierung außerlandwirtschaftliche Hilfskräfte aus Deutschland zu organisieren sehen 50% der Befragten eher kritisch während 25 % durchaus der Meinung sind, dass sie Kurzarbeiter, Studenten und Schüler sinnvoll einsetzen könnten.

Ab dem 3. April sind jedoch die Vorgaben zur Einreise von insgesamt 80.000 ausländischer Arbeitskräften öffentlich gemacht. Diese deutlich an strenge Bedingungen geknüpfte ausformulierte Regelung führte möglicherweise dazu, dass 12% der Befragten sich dann sicher waren, dass ausländische Arbeitskräfte wegfallen würden. Gleichzeit hat sich in dem Zeitraum vor und nach dem Gesetzbeschluss der Anteil der Betriebe etwas erhöht, die mit keinem Wegfall an Arbeitskräften rechnen. Während vor dem 2. April möglicherweise viele noch unsicher waren, können die später Befragten sagen, dass sie nicht mit einem Wegfall von Arbeitskräften rechnen müssen.

Die persönliche Stimmung der Landwirte

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Die persönliche Stimmung der Landwirte (Bildquelle: FH Südwestfalen)

Die Corona-Krise aber auch unsichere Zukunftsaussichten schlagen sich im Stimmungsbild der Landwirte nieder. Besonders die 45 bis 54 Jährigen, welche den Hauptanteil der Betriebsleiter ausmachen, zeigen sich pessimistisch angesichts ihrer persönlichen Stimmung. Als Gründe werden hier der fehlende direkte Kontakt, Berührungen zur Begrüßung und Verabschiedung aber auch Sorgen um die Angehörigen und den Freundeskreis genannt.

Beispielsweise mache sich ein Direktvermarkter Sorgen um seine Großmutter durch den Kundenkontakt auf dem Hof. Auch die die unsichere Zukunft der (erwachsenen) Kinder sowie die drohende Vereinsamung älterer Verwandte und Freunde beschäftigt die Befragten. Einige beklagen auch, dass das gesamte gesellschaftliche Leben zum Erliegen komme.

Jedoch sind vor allem die Nachwuchslandwirte unter 25 Jahren häufig optimistisch gestimmt. Vermutlich nutzen jüngere Befragte vermehrt Kanäle, wie die sozialen Medien, um in Kontakt mit Gleichaltrigen zu bleiben und über die Situation hinwegzukommen. Auffällig ist jedoch, dass auch die ältere Generation über 65 Jahre überwiegend optimistisch gestimmt ist. Dies ist möglicherweise auf eine lange Lebenserfahrung und die Überwindung anderer Krisen zurückzuführen.

Als weitere Gründe für eine positive Stimmung werden die anfallenden Feldarbeiten genannt, sodass die sozialen Kontakte in dieser Zeit sowieso eingeschränkt wären sowie die geringere Bevölkerungsdichte auf dem Land, die es erleichtert sich frei zu bewegen. Ein paar Befragte sehen allerdings auch eine Chance für die Landwirtschaft aus der Krise gestärkt hervorzugehen.

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Welche Sorgen machen Sie sich aufgrund der regulierenden Maßnahmen um ihr soziales Umfeld? (Bildquelle: FH Südwestfalen)

Diese Ergebnisse werden untermauert von einer gestützten Frage, was die Landwirte angesichts der Corona-Pandemie persönlich beschäftigt.

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Was beschäftigt Sie derzeit persönlich am meisten angesichts der Corona-Krise? (Bildquelle: FH Südwestfalen)

Die befragten Bauern beschäftigt während der Befragung persönlich am meisten die Angst vor einer Ansteckung von Familienmitgliedern mit erhöhtem Risiko. Aber auch Angst vor einer Weltwirtschaftskrise und eigene Einkommenseinbußen wird häufig zugestimmt. Fehlende Kinderbetreuung ist auf den Betrieben weniger ein Problem.

Zufriedenheit mit Handlungen der Regierung während der Corona-Pandemie

Die Befragten zeigen sich mit der Arbeit der Regierung in der Corona-Pandemie insgesamt zufrieden. Der Anteil derjenigen, die sich wahrheitsgetreu informiert fühlen ist wesentlich höher als derjenigen, die sich nicht wahrheitsgetreu informiert fühlen. Mehr als die Hälfte der Befragten vertraut der Regierung darin sich um ihre Bürger zu kümmern. Es zeigt sich dabei, dass diejenigen, die sich stärker wahrheitsgetreu informiert fühlen auch ein stärkeres Vertrauen in die Regierung haben. Mehr als zwei Drittel der Befragten halten die Reaktion der Regierung auf die Corona-Pandemie für angemessen.

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Zufriedenheit mit Handlungen der Regierung während der Corona-Pandemie (Bildquelle: FH Südwestfalen)

Erwartungen der Landwirte an politische Entscheidungsträger

Auf die Frage „Welche Erwartungen haben Sie als Landwirt oder Landwirtin an die politischen Entscheidungsträger mit der Situation umzugehen?“ hat ein erheblicher Teil der Teilnehmenden (N=253) die Möglichkeit genutzt, diese offen gestellte Frage zu beantworten.

In erster Linie sind sich viele Landwirte einig, dass es nun besonders wichtig sei, besonnene, ehrliche und fachlich fundierte Entscheidungen zu treffen, die die Landwirtschaft stärken. Diesbezüglich sei es nun von Belang, Handelsketten, Absatzwege und logistische Abläufe weiterhin zu ermöglichen. Hier erwarten sie, dass zwischen Gesundheitsvorsorge und wirtschaftlichen Bedürfnissen abgewogene Entscheidungen getroffen werden, die schlüssig sind.

Ein „Ausgleich finanzieller Einbußen“ wird von einigen Teilnehmenden klar erwartet. Dieser solle unbürokratisch und effektiv beantragt werden können. Es wird angemerkt, dass Einbußen in einzelnen Fällen erst zeitversetzt sichtbar werden.

Einige Teilnehmende erwarten nun besonders eine stärkere Förderung regionaler bzw. heimischer Produktion und verweisen auf dezentralere, kleinere Strukturen. Im Krisenfall solle die Selbstversorgung funktionieren; als Beispiel wird die Reduktion von Sojaimport und Schweinexport erwähnt. Es sollten die „weltweiten Abhängigkeiten“ innerhalb des landwirtschaftlichen Sektors kritisch neubetrachtet werden. Die aktuelle Situation sei auch eine „Chance, eines sich möglicherweise verändernden Verbraucherbewusstseins“ anzunehmen, diese wahrzunehmen und zu nutzen.

Es wird zudem klar die Möglichkeit der Einreise für Saisonarbeitskräfte erwartet. Viele osteuropäische Arbeitskräfte bräuchten das Geld „um sich Essen leisten zu können“. Es wird angemerkt, dass sie im Gegensatz zu freiwilligen Helfern aus Deutschland eher isoliert leben.

Nachdem seit dem 2. April klar ist, dass die Einreise möglich ist, wird noch einmal betont, dass gerade die Saisonarbeitskräfte „die Erfahrung in der Arbeit“ haben. Es wird zu bedenken gegeben, dass für kleinere Betriebe, die nicht getrennte Unterkunftsmöglichkeiten haben, weitere Möglichkeiten zur Unterkunft von Saisonarbeitskräften geschaffen werden müssen.


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