Aktivisten in Berlin

„Wir haben es satt!“ demonstriert gegen "Tierfabriken" und für weniger Fleischverzehr

Das „Wir haben es satt!“-Bündnis forderte am Dienstag eine klimagerechte Agrarpolitik, ohne "Tierfabriken" und mit weniger Fleischkonsum. Und in Donauwörth ging das Agrarbündnis Bayern auf die Straße.

Mit Tiermasken verkleidete Demonstranten forderten am Dienstag vor dem Bundestag "Bauernhöfe statt Tierfabriken". Vor der Bundestagswahl wollten die Vertreter des „Wir haben es satt!“-Bündnisses für eine zukunftsfähige Agrarpolitik werben. Von der nächsten Bundesregierung verlangen sie eine Abstockung der Tierzahlen bei gleichzeitigem Erhalt der Höfe.

Der Brand in Alt Tellin, wo Ende März knapp 60.000 Schweine starben, sei nur die Spitze des Eisbergs des "brandgefährlichen Billigfleisch-Systems", erklärten Reinhild Benning von der Deutschen Umwelthilfe, Saskia Richartz von Whes, Leo Kraus vom Arbeitskreis Alt Tellin und Landwirte, wie z.B. Heinz-Günther Klass aus Wiesenhagen.

Sie erinnerten daran, dass in der aktuellen Legislaturperiode bundesweit bei 27 Bränden in Großstallanlagen über 240.000 Tiere verendet sind. Trotz der gravierenden Brand- und Tierschutz-Bedenken seien derzeit 2,5 Mio. zusätzliche Tierplätze in Megaställen geplant. Diese Entwicklung steht ihrer Ansicht nach nicht nur im krassen Widerspruch zum Tierschutz. Auch der vom Verfassungsgericht geforderte Klimaschutz und eine klimagerechte Ernährung würden sich so nicht erreichen lassen. Wissenschaftler würden eine Fleischreduktion von rund 70 % empfehlen, argumentierten die Kritiker.

„In Deutschland sind 50 neue Megamastanlagen mit mehr als 2,5 Mio. Tierplätzen geplant. Wir fordern einen sofortigen Genehmigungsstopp für Tierfabriken", sagte Reinhild Benning. Die nächste Bundesregierung muss ihrer Ansicht nach noch in den ersten 100 Tagen gesetzliche Regeln für Tierschutz und Luftreinhaltung definieren, damit Bauern in den Umbau und die Abstockung der Tierzahlen investieren können. "Eine staatliche Abgabe auf Fleisch aus Massentierhaltung muss zur Finanzierung der umbauwilligen Betriebe beitragen“, forderte sie.

Und Saskia Richartz betonte die Bedeutung für das Klima. „Die Erdüberhitzung können wir nur mindern, wenn wir weniger Tiere besser halten und den Fleischkonsum massiv reduzieren. Wir fordern jetzt eine mutige Politik, die pflanzliche und fleischlose Alternativen auf die Teller bringt und den Umbau der Tierhaltung anpackt.“

Landwirt Klass stellte seinerseits fest, dass er und seine Berufskollegen Tierfabriken satt hätten. "Tiere gehören auf die Weide und an die frische Luft, nicht in Megaställe. Wir brauchen jetzt einen klaren Fahrplan und finanzielle Unterstützung beim Umbau der Tierhaltung. Schluss mit der Politik für Konzerne! Stattdessen muss gelten: Jeder Hof zählt – Höfesterben stoppen!“

Protestaktion auch in Donauwörth

Protest

Foto von der Kundgebung in Donauwörth mit Stephan Kreppold (AbL / Regionalgruppe Schwaben) am Mikrofon. (Bildquelle: Marion Ruppaner )

Verbände des Agrarbündnisses Bayern kritisierten parallel am Dienstag bei einer Protestaktion in Donauwörth CDU-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Sie habe die Ergebnisse der Borchert Kommission nicht umgesetzt, hieß es.

Das Bündnis aus 13 Verbänden fordert verbesserte Tierhaltungsvorschriften mit mehr Bewegungsmöglichkeiten für landwirtschaftliche Nutztiere, Auslauf im Freien, Einstreu statt nackter Betonböden und Futtermittel aus der Region statt aus dem Regenwald.

Die Borchert Kommission habe längst verbindliche und substanzielle Verbesserungen beim Tierwohl vorgeschlagen. Trotz einer Befürwortung im Bundestag im Juli 2020 fehle aber bis heute die vorgeschlagene Finanzierungsstrategie.

Um eine verbesserte Tierhaltung zu erreichen und bäuerlich strukturierten Tierhaltungsbetrieben eine Zukunft aufzuzeigen, braucht es laut den Kritikern klare Zeitvorgaben und langfristige Finanzierungskonzepte. Laut dem BN-Vorsitzenden Richard Mergner hatte die Borchert Kommission den Förderbedarf für Investitionen, ein verbindliches Tierwohllabel und eine Unterstützung des Arbeitsmehraufwands bis 2040 auf jährlich 3,6 Mrd. € geschätzt. Dieser Bedarf könnte durch eine mengenbezogene Tierwohlabgabe mitfinanziert werden. „Dafür können jetzt erst in der künftigen Bundesregierung die Weichen gestellt werden, da Julia Klöckner das Thema ausgesessen hat“, bedauert er.

Für Stephan Kreppold von der Regionalgruppe Schwaben der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) ist es hingegen wichtig, dass das Futter für die bayerischen Tiere nicht mehr aus dem Regenwald kommt. Und Johanna Ecker-Schotte vom Deutschen Tierschutzbund, Landesverband Bayern, kritisiert „den extremen Leistungsdruck in der Tierhaltung“, der ihrer Ansicht nach zuchtbedingt zu großem Tierleid führen würde. „Vollspaltenböden und Kastenstände für Schweine, besonders die ganzjährige Anbindehaltung für Rinder, und überdimensionale Tierbestände in der Geflügelhaltung gehören abgeschafft“, fordert sie. Weitere Forderungen betreffen eine Änderung der Genehmigungspraxis großer Mastanlagen sowie ein Ende der Billigpreispolitik des Handels.


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