Milchpreis

Interview: Die Zukunft des EU-Milchmarkts

In Brüssel beraten EU-Kommission, EU-Rat und das Europäische Parlament über Vorschläge zur neuen gemeinsamen Agrarpolitik 2023. Prof. Dr. Holger Thiele bewertet die möglichen Neuerungen.

Für den Milchmarkt stehen durch die Vorschläge zur neuen gemeinsamen Agrarpolitik 2023 richtungsweisende Punkte zur Diskussion. Prof. Dr. Holger Thiele vom ife Institut Kiel klärt im top agrar-Interview über die Möglichkeiten auf.

Herr Prof. Thiele, die gesetzgebenden EU-Institutionen beraten derzeit die Eckpfeiler der künftigen EU-Agrar­politik. Das Ergebnis der sogenannten Triloge wird auch die zukünftigen Rahmenbedingungen für die Wertschöpfungskette Milch bestimmen. Was erwartet die Milcherzeuger?

Thiele: Für die rund 57 300 Milchviehbetriebe in Deutschland sind die ­Vorschläge zur Gemeinsamen Marktordnung (GMO) wie die zur Inter­vention (Art. 15), zu den Liefer­vertragsregeln (Art. 148) und die ­Regelungen zur ­Volumenreduzierung (Art. 219) am wichtigsten.

Das Instrument Intervention und Mengenbegrenzung (Milchquote) hat in der Vergangenheit nicht funktioniert. Die EU hat Milliarden für den Abbau der Milchseen und Butterberge ausgeben müssen. Wie soll die ­Intervention künftig aussehen?

Thiele: Interventionspreise sind nichts anderes als Mindestpreise. Vorschlag vom Europa-Parlament (EP) ist, die ­Interventionspreise für Butter und Magermilchpulver als variablen Höchstpreis festzulegen. Die EU-Kommission würde dafür Angebote von Marktteilnehmern einholen. Das EP will die ­Interventionspreise außerdem zukünftig an Kriterien binden, die mit einer ­angemessenen Lebenshaltung für die Landwirtschaft im Einklang stehen.

Wie hoch ist der staatliche ­Mindestpreis für Milch?

Thiele: Das haben wir 2015 in einer Studie für sechs bundesdeutsche ­Agrarministerien untersucht. Demnach liegt der staatliche Mindestpreis bei rund 20 ct/kg Rohmilch ab Hof.

Was würden die Neuerungen zur ­Intervention konkret bedeuten?

Thiele: Der Interventionspreis würde sich an den Kosten der Milcherzeugung orientieren. Das könnte den staatlichen Mindestpreis von 20 ct/kg beispielsweise um 15 ct auf 35 ct/kg Milch steigen lassen. Das sieht auf den ersten Blick sehr verlockend aus. Die Konsequenz wäre aber, dass es wie in früheren Zeiten zu massiven Überschüssen und zu erhöhten Interventionslagermengen kommt. Auch die Budgetausgaben der EU würden ­dadurch drastisch steigen.

Für die Landwirte wäre ein höherer Mindestpreis also nicht hilfreich?

Thiele: Sagen wir so, der Preisauftrieb würde durch Auslagerung aus der ­Intervention in den besseren Marktphasen sehr begrenzt. Zusätzlich würde ein Preiseffekt weit oberhalb der internationalen Preise aufgrund der Einbettung in den Weltmarkt ­verpuffen. Es sei denn, man verhindert den massiven Anstieg der Importe von internationalen Märkten durch eine deutliche...


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