Vermarktung

Muttergebundene Kälberaufzucht als Zukunftsmodell? Plus

Die Gesellschaft kritisiert die frühe Trennung von Kuh und Kalb nach der Geburt. Die mutter­gebundene Kälberaufzucht könnte mehr Akzeptanz schaffen. Was fehlt, ist ein Entlohnungssystem.

Die Trennung von Kuh und Kalb nach der Geburt ist in der modernen Milchviehhaltung gängige Praxis. Obwohl sich diese Methode aus produktionstechnischer Sicht bewährt hat, muss sich die Branche zunehmend für genau diese frühe Trennung rechtfertigen. Wissenschaftler der Georg-August-Universität in Göttingen und der University of British Columbia in Kanada stellten beispielsweise eine deutliche Ablehnung von Verbrauchern gegen die frühzeitige Trennung fest. „Für die Landwirtschaft bedeutet das, sich über neue Verfahren Gedanken machen zu müssen“, erklärt Versuchs-leiterin Dr. Gesa Busch von der Uni Göttingen in Deutschland. „Bisher setzen etwa 100 Milcherzeuger die muttergebundene Kälberaufzucht um“, schätzt Dr. Kerstin Barth vom Thünen-Institut. „Es ist nicht ein-fach, auf das System umzustellen, denn seit Jahren wurde die getrennte Unter-bringung vorangebracht“, weiß die Wissenschaftlerin. Eine Untersuchung des Thünen-Instituts hat gezeigt, dass die muttergebundene Kälberaufzucht pro Kalb mindestens 137 € teurer ist. „Die Direktvermarktung eignet sich dazu, den Kunden die Mehrkosten zu erklären“, sagt Barth.

Biobetriebe sind Vorreiter

In den Reihen der Milchverarbeiter, die im Milchindustrieverband (MIV) zusammengeschlossen sind, nimmt die muttergebundene Kälberaufzucht noch keine vordergründige Rolle ein. „Mir ist keine Molkerei bekannt, die das System derzeit als Vermarktungstool für große Milchmengen in Betracht zieht“, erklärt MIV-Sprecher Dr. Björn Börger-mann und verweist auf die Biobranche. Rüdiger Brügmann vom Bioland-Ver-band bestätigt, dass es schon viele Bio-milchviehbetriebe gibt, die meistens eine ammengebundene Kälberaufzucht durchführen. „Bioverbände und Bio-molkereien greifen das Thema immer wieder in Arbeitsgruppen und Beratungstreffen auf“, sagt Brügmann. So auch die Andechser Molkerei Scheitz (Bayern). „In einem Arbeitskreis können sowohl Interessenten als auch Betriebsleiter, die das System bereits umsetzen, Fragen klären und Erfahrungen austauschen“, erklärt Christian Wagner, Leiter Rohstoffmanagement. Eine Vergütung für den Zusatzaufwand erhalten die Andechser-Lieferanten bis-her nicht. „Aufgrund vieler unterschiedlicher Systeme gibt es noch keine konkrete Definition für die muttergebundene Kälberaufzucht“, so Wagner. Weil damit ein Prüfsystem fehlt, könne die Molkerei (noch) keine Zuschläge fest-legen. Vor dem gleichen Problem steht Hubert Böhmann von der Berliner Milch & Käse Manufaktur (Branden-burg). Drei Lieferanten setzen die mut-tergebundene Kälberaufzucht bereits um. Aufgrund eines fehlenden Regel-werks lobt die Biomolkerei die Hal-tungsform nicht aus. „Weil wir mit der muttergebundenen Kälberaufzucht bislang keinen Mehrerlös erzielen, können wir dafür keine Zuschläge zahlen“, erklärt Böhmann. Auch für die Milchleistungsprüfung fehlt es bisher an konkreten Vorgaben, bestätigt ein Landeskontrollverband (LKV). Bisher würden noch keine ex-pliziten Anfragen zur Berechnung der Milchleistung von Kühen aus mutter-gebundener Kälberaufzucht vorliegen. Der LKV zeigte sich aber offen für das Thema.

Kein einheitliches System

„Die muttergebundene Kälberaufzucht ist kein System mit einem allgemein-gültigen Konzept. Mit der Entwicklung dieser Haltungsform ist man nie fertig“, bestätigt Dr. Claudia Schneider vom Forschungsinstitut für Ökologischen Landbau (FiBL) in der Schweiz. Laut dem FiBL-Merkblatt für muttergebundene Kälberaufzucht in der Milchviehhaltung, sind grundsätzlich drei Systeme voneinander zu unter-scheiden:

  • Langzeitiges, restriktives Säugen mit zusätzlichem Melken. Langzeitiges Säugen mit unbegrenztem Zugang und mit zusätzlichem Melken.
  • Langzeitiges Säugen (ganze Tränke-periode) ohne zusätzliches Melken.

Zusätzlich unterscheiden sich die Betriebe darin, wann und wo sie Kuh und Kalb zusammen laufen lassen und wie viel Zeit zwischen den Melkzeiten liegt. Landwirte handhaben es außerdem unterschiedlich, ob sie die Kälber bei den eigenen Müttern oder bei Ammen sau-gen lassen. Weiterhin legen einzelne Be-triebe Wert darauf, sowohl Kuh- als auch Bullenkälber von Müttern oder Ammen aufziehen zu lassen. Andere behalten ausschließlich die weiblichen Kälber zur Aufzucht. „Es gibt vermutlich so viele unterschiedliche Systeme...

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Diskussionen zum Artikel

von Norbert Schiele

Für alles offen

Nur zuerst sollte wir bei den Menschen anfangen, vielleicht wäre da auch eine Muttergebundene Erziehung und Beziehung toll, und nicht die Baby´s ab einem halben Jahr in die Krippe stecken.

von Wilfried Maser

Was kommt als nächstes

dies ist eine Nische, wenn die Politik versucht dies als Standard einzuführen, ohne dass dies auch für Importware gilt, führt dies zur Verlagerung der Produktion raus aus Deutschland.

von Erwin Schmidbauer

Nicht Gott, aber die Gesellschaft will es?

Die Behauptung, die "Gesellschaft" will muttergebundene Aufzucht ist irreführend. Es gibt genausowenig eine homogene Gesellschaft in Deutschland, wie es ein homogenes Volk gibt, die alle das selbe wollen. Es spricht nichts dagegen, wenn eine kleine Minderheit diese Art der Aufzucht will ... mehr anzeigen

von Bernhard ter Veen

die "Öko-Betriebe als Vorreiter"

ja wenn ich solch horrenden Förderungen bekomme als die Öko-Landwirte... dann kann ich mir auch leisten auf Wertschöpfung aus dem Betrieb zu verzichten... Aber allein DAS wird den Steuerzahler in ungeahnter Höhe belasten. Das ist dann auch wieder nicht OK... und im nicht EU-Ausland ... mehr anzeigen

von Franz-Josef Aussel

Bullshit

Der sogenannte „ Verbraucher „ möchte seine kindlichen Vorstellungen über die Tierhaltung mal wieder den Landwirten anhängen. Natürlich umsonst! Es kann nur klappen, wenn die Tierhaltung verstaatlicht wird. Der Milchpreis wird aus den tatsächlichen Kosten hergeleitet. ... mehr anzeigen

von Kurt Brauchle

Man google

NDR Die Reportage "Willi-ein Kalb wächst heran" (Joutube). Immer schön Wetter, alles zum Besten. Leider verstirbt Willi kurz vor dem schlachten "plötzlich und unerwartet". Und lest die Kommentare, das lässt tief blicken.

von Renke Renken

Die sogenannte

Gesellschaft spinnt und sonst nichts, das ein Institut für so einen Scheiß überhaupt nur einen müden Euro erhält, ist schon der eigentliche Skandal.

von Gerald Hertel

Darf denn überhaupt

Milch von Kühen an welchen Kälber saugen an die Molkerei geliefert werden? Laut meinem Kenntnisstand steht da in der Milchgüteverordnung was anderes.

von Markus Grehl

Welt

Schauen wir mal nach Brasilien. Die Tochter eines brasilianischen Milchviehhalters hat zu mir vor kurzem das Vorgehen bei männlichen Kälbern in Brasilien erklärt. Das war kurz und bündig. " Männliche Kälber werden getötet." Mehr fällt mir zu solchen unbezahlten Vorstellungen nicht mehr ein.

von Wilfried Brade

Ein tolles Beispiel für die steuerfinanzierten Versuchsaktivitäten im Thünen-Instituts

Leider werden drei einfachste, aber zentrale Fragen beispielsweise durch Frau Dr Barth vom Thünen-Institut nicht beantwortet: 1. Eignet sich das Kälberaufzuchtsystem auch für die ganzjährige Stallhaltung von Milchkühen etwa ab 80 Kühen? 2. Wird das gegenseitige Besaugen bei ... mehr anzeigen

von Marc Rollinger

Welche Gesellschaft kritisiert?

Eine Gesellschaft die noch nie Hunger und Durst verspürt hat, und deren Vorfahren dafür gesorgt haben sich Ernährung zu können. Wenn der Opa noch leben würde könnte er viele seiner Kinder und Enkel irgendwo hin treten. Kein Wunder, dass Landwirtschaft in Zentraleuropa zum grünen ... mehr anzeigen

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