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Mutterkuhhalter fordern mehr Unterstützung

Steigende Flächenpreise, geringe Erlöse und kaum Wertschätzung: Mutterkuhhalter sorgen sich um ihre Zukunft. Mit einem Positionspapier machen sie auf ihre schwierige Lage aufmerksam.

Lesezeit: 8 Minuten

Anne Menrath ist seit September 2020 Geschäftsführerin des Fleischrinder-Herdbuch (FHB) in Bonn. Michael Buhl ist Mutterkuhhalter aus Friedewald in Rheinland-Pfalz und Vorstandvorsitzender des FHB. Wir sprachen mit ihnen über ihr Positionspapier.

Das Fleischrinder-Herdbuch hat gemeinsam mit dem Bundesverband Rind und Schwein ein Positionspapier zur Lage der Mutterkuhhalter herausgegeben. Was steht darin?

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Menrath: Wir fordern, dass Politik und Gesellschaft die positiven Leistungen der weidebasierten Fleischrinderhaltung erkennen, honorieren und unterstützen. Es ist doch so, dass die Mutterkuhhaltung alles erfüllt, was aktuell gefordert wird: Die Tiere laufen im Herdenverbund auf der Weide, zum Teil ganzjährig. Die in der Regel extensive Haltung leistet einen Beitrag zur Biodiversität. Die Tiere halten ökologisch, oft auch kulturlandschaftlich und für den Tourismus wertvolle Flächen offen. Wo keine andere Bewirtschaftung möglich ist, produzieren Mutterkühe nachhaltig Rindfleisch.

Mit Blick auf diese Leistungen ist es frustrierend, dass diese Haltungsform von der Politik komplett vernachlässigt wird und viele Rinderhalter mit dem Rücken zur Wand stehen.

Weshalb ist die wirtschaftliche Situation der Mutterkuhhalter aktuell so angespannt?

Buhl: Die letzten Trockenjahre haben die Grundfutterversorgung der vom Grünland abhängigen Betriebe verschärft. Zusätzlich steigen die Pachtpreise unaufhaltsam weiter und viele Mutterkuhhalter können nicht mehr mithalten. Demgegenüber stehen eine hohe Arbeitszeitbelastung und geringe Erlöse für Absetzer.

Abhängig von der Rasse ergeben sich durchschnittlich Deckungsbeiträge von 30 bis 150 € je Tier. So ist die konventionelle Mutterkuhhaltung nicht rentabel. Selbst mit Flächenprämien ist eine schwarze Null nur noch schwer zu erwirtschaften. Dazu kommen schärfere bauliche Auflagen für Mist- oder Silagelager, die für einige nicht finanzierbar sind. Und zu all dem kommt auch noch der Wolf.

Was fordern Sie?

Buhl: Die Politik muss endlich anerkennen, welchen Mehraufwand und welchen Mehrwert wir leisten. Die Argumentation ist häufig „man kann nicht fördern, was sowieso schon da ist“. Doch ich denke, wir müssen „jetzt etwas fördern, damit es bald noch da ist“.

Mutterkuhhalter sind häufig Landwirte im Nebenerwerb. Viele kleine Betriebe arbeiten mit Leidenschaft und ohne hohe Gewinnziele. Es wäre so viel sinnvoller und günstiger, diese Betriebe jetzt zu halten statt später teure Programme für Naturschutz zu finanzieren. Wenn die Mutterkuhhaltung wegbricht, ist sie weg.

Menrath: Aktuell laufen die Verhandlungen der Europäischen Union zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) 2021 und anschließend zu den Umsetzungen in den Ländern. Die Politik diskutiert z.B. über die Nutztierhaltungsstrategie oder Fördermaßnahmen für den „Umbau der Tierhaltung“. Dabei muss die Mutterkuhhaltung stärker berücksichtigt werden. Wir fordern gezielte finanzielle Maßnahmen, um die zukünftige Beweidung und Pflege von Grünlandstandorten sicherzustellen.

Wie kann die Politik konkret unterstützen?

Menrath: Bereits jetzt gibt es die Möglichkeit mit gekoppelten Prämien die Weidehaltung zu unterstützen. Im Rahmen der GAP haben das dieses Jahr 22 Mitgliedsstaaten genutzt. Spätestens mit der neuen Reform sollte auch Deutschland diese Möglichkeit nutzen.

Außerdem könnte man das System „Mutterkuh-Weide“ definieren und beim Greening-Antrag mit einem Code festhalten. Mit einem Klick könnten Mutterkuhhalter so den Antrag stellen. Bei einer Kontrolle wäre das einfach mit zu prüfen.

Buhl: Wichtig ist uns, dass es bei der Weideförderung nicht heißt: entweder Milchkühe oder Mutterkühe. Beide Systeme sind wichtig und richtig. Dass aber aktuell Milchviehhalter eine Weideprämie erhalten und Mutterkuhhalter nicht, obwohl sie oft mehr als die geforderten 120 Tage Weidehaltung betreiben, ist frustrierend und unfair.

Letztendlich ließe sich die Mutterkuhhaltung auch als eine Ausgleichsmaßnahme zur intensiven Tierhaltung einordnen. Denn Betriebe, die nach Öko-Richtlinien wirtschaften und nur 1,2 Großvieheinheiten je ha halten, betreiben Naturschutz.

Damit sich die Mutterkuhhaltung selbst trägt, fehlen die Mehrerlöse.

Wie lässt sich die Vermarktung stärken?

Buhl: Das Grundproblem ist doch, dass die meisten Verbraucher gar nicht wissen, was Mutterkuhhaltung ist. Geschweige denn, welchen Mehrwert wir für Tiere und Natur leisten. Entsprechend verstehen sie auch nicht, weshalb sie mehr bezahlen sollten. Dazu kommt, dass sich Steak oder Gulasch aus Mutterkuhhaltung an der Fleischtheke nicht von „normalem Fleisch“ unterscheiden lassen.

Menrath: Sinnvoll wäre ein Label für Fleisch, das seinen Ursprung in der Mutterkuhhaltung hat, um den Mehrwert nachweisen zu können. Das Label sollte auch für Absetzer und Masttiere genutzt werden. Nur so können wir auf allen Vermarktungsebenen eine höhere Wertschöpfung erreichen.

Buhl: Und wenn es nicht gelingt, den Begriff „Mutterkuhhaltung“ zu erklären, müssen wir uns Alternativen überlegen. In den USA gibt es z.B. das Label „Grass-fed Beef“.

Das Positionspapier haben Sie an Entscheidungsträger in Brüssel und Berlin geschickt. Wie geht es weiter?

Menrath: Wir wollen auf die Situation der Mutterkuhhalter hinweisen. Mit unseren Forderungen waren wir mit dem Arbeitskreis Mutterkuhhaltung Hochsauerlandkreis vom Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) im nordrhein-westfälischen Landtag und planen Termine in weiteren Bundesländern. Wir hoffen, dass sich Mutterkuhhalter aus anderen Regionen anschließen. Nur gemeinsam können wir uns genug Gehör verschaffen.

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R E P O R T A G E

„So geht es nicht weiter!“

Bettina und Friedel Hörstmeier halten Mutterkühe im Vollerwerb. Sie meinen: Damit das auch zukünftig möglich ist, müssen Politik und Gesellschaft endlich umdenken.

Wir sind es leid, für idyllische Werbeplakate herzuhalten, aber von Politik und Beratung vernachlässigt zu werden!“, machen Bettina und Friedel Hörstmeier aus Schlangen im Kreis Lippe (NRW) ihre Unzufriedenheit zur Lage der Mutterkuhhaltung deutlich.

Vor 20 Jahren haben sie ihre Milchkühe abgeschafft und mit 30 Tieren in die Charolais-Herdbuchzucht investiert. Heute hält der Betrieb Hörstmeier 65 Mutterkühe und vermarktet jährlich rund 15 Deckbullen sowie Zuchtfärsen und Absetzer. Sie bewirtschaften 100 ha, davon 70 ha Dauergrünland.

Zuchterlöse sinken

Der Vollerwerb ist nur über die Einnahmen der Zucht möglich, wo die Margen immer enger werden. „Für einjährige Deckbullen haben wir früher 3000 € bekommen. Heute sind die Erlöse für Zuchttiere um 10 bis 20% gesunken“, so Friedel Hörstmeier. Viele Mutterkuhhalter investieren seltener in neue Genetik oder hören ganz auf, weil es sich nicht rechnet. Für ihn ist klar: Setzt sich die Entwicklung so fort, rechnet sich auch ihre Fleischrinderzucht und -haltung bald nicht mehr.

Für die roten Zahlen in der Mutterkuhhaltung gibt es laut den Landwirten verschiedene Gründe. So haben sich die Pachtpreise in den letzten Jahren verdoppelt. Bezahlbare Flächen sind häufig klein und liegen am Waldrand, sodass diese deutlich mehr Arbeit machen.

Gleichzeitig können die Erlöse immer weniger die steigenden Kosten auffangen. Das Fleisch der Fleischrinderrassen aus Mutterkuhhaltung erzielt nicht die nötigen Aufschläge für die besondere Produkt- und Produktionsqualität.

Ein Label wäre zur Information der Verbraucher sinnvoll, findet Bettina Hörstmeier und ergänzt: „Die Tiere müssen überregional als Fleischrind aus Mutterkuhhaltung zertifiziert und gebündelt werden. Auch damit das ganze Jahr von den oft kleinen Betrieben konstante Partien am Markt zu höheren Preisen angeboten werden können.“

Wenn sich Verbraucher nicht zu höheren Kaufpreisen überreden lassen, sehen die Rinderhalter die Politik in der Verantwortung. Die müsse die Leistungen der Mutterkuhhaltung zunächst anerkennen, meint Bettina Hörstmeier: „Unsere Kühe sind zusammen mit den Kälbern von Mai bis Ende Oktober auf der Weide und fressen auch im Winter fast nur Gras. Sie weiden auf Flächen, die hier im Mittelgebirge nicht anders nutzbar sind und fördern die Biodiversität. Wenn diese Form der Fleischproduktion auch zukünftig bestehen soll, muss sich jetzt etwas ändern.“

Mutterkuh-Weide fördern

Doch die aktuelle Förderpolitik benachteilige Grünland und die Mutterkuhhaltung. „Sinnvoll wäre eine Förderung von Grünland, die berücksichtigt, welchen Mehrwert die Mutterkuhherden dort leisten“, so die Landwirte.

Unverständlich ist für Hörstmeier, dass es für Milchkühe eine Weideprämie gibt, für Mutterkühe aber nicht. „Die Argumentation von Politikern ist, dass Mutterkühe ja „sowieso“ auf der Weide laufen. Das ist blanker Hohn für unsere Arbeit“, so Friedel Hörstmeier.

Schließlich werde der Arbeitsaufwand für die Weidehaltung unterschätzt: Das Einzäunen der kleinstrukturierten Weideflächen, die tägliche Tierkontrolle oder die Wasserversorgung und das Zufüttern in trockenen Sommermonaten kosten Zeit und Geld.

Bettina Hörstmeier ergänzt: „Die Politik und die Gesellschaft müssen jetzt die Mutterkuhhalter und ihre besonderen Leistungen unterstützen. Ansonsten steigen demnächst sehr viele aus. Das wäre ein echter Verlust für unsere Kulturlandschaft.“

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