DLG-Wintertagung

Wie kommen die Schweinehalter aus der Dauerkrise?

Krisen-Hopping in der Schweinehaltung: In einem Impulsforum der DLG-Wintertagung ging es um die Marktverwerfungen durch Corona und ASP sowie vertragliche Bindungen bei der Vermarktung.

Neue Tierschutz-, Emissions- und Transportauflagen, mehr Tierwohl, Marktverwerfungen durch Corona bzw. die Afrikanische Schweinepest und nicht zuletzt die Kostenexplosion bei Betriebsmitteln: Die Schweinehalter befinden sich seit Monaten in der Dauerkrise. Viele haben bereits die Konsequenzen gezogen und ihre Stalltüren für immer geschlossen. Weitere werden folgen. Welche Lehren kann und muss die Branche aus der derzeitigen Situation ziehen? Mit diesem Thema beschäftige sich die DLG-Wintertagung in Münster am Mittwoch (23.02.22) im Rahmen eines Impulsforums.

„Multikrise“ in der Schweinehaltung

Der Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN), Dr. Torsten Staack, fasste in seinem Vortrag noch einmal die pandemischen Ereignisse und deren katastrophale Folgen für den Schweinemarkt zusammen. Über lange Phasen hatte es coronabedingt beim Konsum von Schweinefleisch nur den Absatzkanal der privaten Einkäufe gegeben, während die Systemgastronomie und der Außer-Haus-Verzehr komplett wegbrachen. Erschwerend sei hinzugekommen, dass ASP-bedingt kaum Fleisch exportiert werden konnte. Das führte zu einem Absatzstau in ganz Europa und einem drastischen Preisverfall, der bis heute anhält.

Der Stillstand bei der Betriebsentwicklung aufgrund fehlender Rechtssicherheit beim Stallbau und die bis heute ungeklärte Frage, wie der Umbau der Tierhaltung hin zu mehr Tierwohl finanziert werden soll, haben zu einer „Multikrise“ geführt, die den Schweinemarkt mit voller Wucht getroffen hat, so Dr. Staack. Inzwischen seien viele Betriebe finanziell ausgelaugt, während die politischen Entscheider weiter auf Zeit spielen. Es erwecke sogar den Eindruck, so Staack, dass die Pandemie als Vehikel zur Strukturbereinigung der Wertschöpfungskette genutzt werde. Einziger Hoffnungsschimmer sei, dass sich der Schweinemarkt durch die angekündigten Corona-Lockerungen bald erholen könnte.

Marktverwerfungen durch die ASP

Mit welchen zusätzliche Erschwernissen Schweinehalter in ASP-Restriktionsgebieten zu kämpfen haben, schilderte Jungsauenvermehrer und Mäster Frank Tiggemann aus dem brandenburgischen Landkreis Märkisch-Oderland. Seit Oktober 2020 liegen seine Ställe durch die Funde von ASP-infizierten Wildschweinen im gefährdeten Gebiet. Pro verkauftem Mastschwein verliert er zurzeit aufgrund der längeren Transportwege zum Schlachthof, der Abzüge wegen Übergewichte, fehlender Boni und Abzüge von der VEZG-Notierung 23 bis 30 € - zusätzlich zu den derzeit ohnehin desaströsen Preisen.

Mastferkel und Jungsauen aus gefährdeten Gebieten seien nach Ablauf des stand stills und entsprechender Untersuchungen zwar theoretisch frei handelbar, so Tiggemann. In der Praxis will diese Tiere aber kaum jemand haben, da sich der abnehmende Betrieb verpflichten muss, 90 Tage nach dem Einstallen keine Schweine zu verkaufen. Und welcher Mäster oder Ferkelerzeuger mag sich darauf schon einlassen.

Kein einheitliches Bekämpfungskonzept

Heftig kritisierte der Schweinehalter aus Märkisch-Oderland, dass sich Bund, Länder und Landkreise bei der Pestbekämpfung bis heute gegenseitig die Verantwortung bei der ASP-Bekämpfung zuschieben bzw. sich um Zuständigkeiten streiten. Erschwerend komme hinzu, dass die seit letztem Jahr geltende EU-Durchführungsverordnung 605/2021 zur ASP-Bekämpfung bis heute nicht in die Vorgaben der deutschen Schweinepestverordnung eingearbeitet wurden, sodass für die Veterinärbehörden vor Ort genug Interpretationsspielraum bleibe.

Bis heute mangele es zudem an einem schlüssigen Konzept, wie die weißen Zonen wildschweinefrei werden und dauerhaft bleiben sollen. Auch für die Entschädigung der Schweinhalter in gefährdeten Gebieten gebe es noch immer keine echte Lösung, zumal die Ertragsschadenversicherung auch nur zwölf Monate greift. Eine Verlängerung der Policen sei zwar möglich, aber nur mit deutlich erhöhten Beiträgen.

Bei der Vermarktung vertraglich binden?

Über seine Vermarktungserfahrungen bei der vertraglichen Bindung vom Stall bis zur Ladentheke berichtete der Vorstandsvorsitzende der Unabhängigen Erzeugergemeinschaft Hohenlohe-Franken (UEG), Matthias Frieß, im letzten Impulsvortrag. Der Mäster nimmt am Gutfleisch-Programm der Edeka Südwestfleisch teil. Ausschlaggebend für diese Entscheidung waren die regionale Vermarktung der Schweine, die kurzen Wege zum Schlachthof in Crailsheim bzw. zum Fleischwerk in Rheinstetten, die höheren Erlöse durch den Verkauf der Fleischprodukte in der Bedientheke und die geringe Austauschbarkeit als Rohwarenlieferant. Das gelte, so Frieß, auch für die Ferkelerzeuger, denn nur ein Gutfleisch-Ferkel könne auch ein Gutfleisch-Mastschwein werden.

Am Gutfleisch-Konzept schätzt er vor allem die Offenheit der roten und grünen Seite. Man begegne sich auf Augenhöhe und tausche sich regelmäßig aus, um das Programm gemeinsam weiterzuentwickeln. Maßgebend für den Mastbereich sei die Haltungsstufe 2 plus Vorgaben bei der Fütterung und Eberauswahl. Die Vertragslaufzeit betrage jeweils drei Jahre, seit letztem Jahr ermals verbunden mit einem Mindestpreis.

Schweinefleische ist nicht mehr „sexy“

Problematisch ist nach Meinung des UEG-Vorstandsvorsitzenden allerdings, dass der Schweinefleischverzehr seit Jahren dramatisch sinkt. „Schweinefleisch ist nicht mehr sexy“, brachte es Frieß auf den Punkt. Schuld sind seiner Meinung nach die häufigen Negativberichte über die Schweinehaltung in der Presse, denn andere Fleischsorten seien weniger stark vom Verzehrsrückgang betroffen.

Bleibt die Frage, wie sich der Markt künftig entwickelt? Von der Haltungskennzeichnung werde der Lebensmitteleinzelhandel nicht mehr abrücken. Doch reichen die im Borchertplan veranschlagten 40 Cent, um die Mehrkosten der zusätzlichen Tierwohlauflagen decken? Frieß geht von Stallbaukosten von mindestens 1.500 bis 1.600 € für Mastplätze aus, die die Auflagen von Haltungsstufe 3 und 4 erfüllen. Hinzu komme der deutlich höhere Arbeitsaufwand und die gesundheitliche Gefahr durch die höhere Staubentwicklung.

Vollkosten im Blick behalten

Nach Ansicht von Matthias Frieß werde Haltungsform 2 der neue Standard. Wer sich bei höheren Standards etwas ausrechne, solle dies tun. Wichtig sei jedoch, dass er dabei immer die Vollkosten im Blick behalten und klare vertragliche Regelungen getroffen werden. Ideal wäre ein Jahreskontrakt auf Vollkostenbasis. Daneben werde es aber auch immer Mäster geben, die freie Unternehmer bleiben wollen und lieber den Spotmarkt bedienen.

Die wichtigsten Baustellen

Die wichtigsten Baustellen im Bereich der Schweinehaltung, darin waren sich die Diskussionsteilnehmer am Ende einig, sind derzeit:

  • die Beseitigung von Genehmigungshürden beim Bau von Tierwohlställen,
  • die Klärung, wie der Umbau der Schweinehaltung hin zu mehr Tierwohl finanziert werden soll,
  • ein bundesweit koordiniertes Vorgehen beim Bekämpfen der ASP,
  • die Bereitschaft, nachweislich gesunde Schweine aus ASP-gefährdeten Gebieten zu vermarkten
  • und die Verbesserung des Images von Schweinefleisch.


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