Baden-Württemberg: Herdenschutzhunde bleiben umstritten

Ein effizienter Einsatz von Herdenschutzhunden gegen den Wolf braucht Geduld und bedeutet erhebliche Mehrkosten. Das ist das erste Fazit einer Pilotstudie aus Baden-Württemberg.

Bis sich ein Herdenschutzhund und die zu schützende Schafsherde aneinander gewöhnt hätten, dauert es über ein Jahr. Das ist ein Zwischenergebnis einer Pilotstudie vom Land Baden-Württemberg und NABU, das in der gestrigen Ausgabe der Schwäbischen Zeitung vorgestellt wurde.

Im Rahmen des Projektes werden seit 2015 und noch bis 2019 mehrere Hunde getestet. Das bisherige Ergebnis: Der für Baden-Württembergs Wanderschäfer typische Standortwechsel verunsichere die Hunde zum Teil. Für die Schäfer bedeute das erhebliche Mehrarbeit. Sie müssten die Hunde beaufsichtigen und trainieren. Zusammen mit Futter und Tierarztbesuchen bedeute das Mehrkosten von monatlich bis zu 1000 Euro. Allein die Anschaffung solcher ausgebildeter Hunde kostet laut Schwäbischer Zeitung mehrere Tausend Euro. Die Schäfer befürchten, dass sie auf den laufenden Kosten und auf der Mehrarbeit sitzen bleiben.

"Der Versuch, Herdenschutzhunde in einer Wanderschäferei zu integrieren, hat sich als mühsamer und zeitaufwändiger als erwartet herausgestellt", bilanzieren NABU und der Schafzuchtverein. Laut Thomas Steidl, Präsident der Tierärztekammer Baden-Württemberg sei der Herdenschutzhund in Baden-Württemberg kein geeignetes "Anti-Wolf-Instrument", sondern für unbeteiligte Dritte sogar höchst risikobehaftet.

Erfahrungen aus der Schweiz belegen allerdings, dass die Hunde auf Wanderer kaum reagierten und sich rasch beruhigten. Nur wenn der eigene Hund dabei sei, steige das Risiko eines Zwischenfalles.Voraussetzung für die Wirksamkeit eines Herdenschutzhundes sei allerdings ein sehr gut ausgebildetes Tier und ein fachkundiger Umgang, der vom Halter mit einem Sachkundenachweis belegt sein müsse.

Andere Bundesländer, wie etwa Brandenburg, wo bereits Wölfe gesehen wurden, sind beim Thema Herdenschutzhunde schon weiter: "Wir betrachten die Debatte in Baden-Württemberg als völlig realitätsfern. Bei uns wäre die Schafzucht ohne Herdenschutzhunde kaum noch möglich", sagt zum Beispiel Knut Kucznik vom Schafzuchtverband Brandenburg und der Arbeitsgemeinschaft Herdenschutz.

In Brandenburg werden zum Beispiel nur die beiden Hunderassen Pyränenberghund und Maremmanos eingesetzt, da sie halbwegs berechenbar seien. Das Land fördert dort die Anschaffung von Hunden einer dieser beiden Rassen. Außerdem müssen die Schäfer Schulungen zum Umgang mit den Hunden absolvieren und dürfen nur Tiere von zertifizierten Züchtern kaufen. Knut Kucznik bewertet das Modell als vollen Erfolg: "Seit fünf Jahren hat kein Wolf mehr ein Tier gerissen, das in einer Herde mit Schutzhund lebt", sagt er gegenüber der Schwäbischen Zeitung. Genauso wenig hätten Hunde Menschen attackiert.

Der Fachmann glaubt auch nicht, dass die Wanderschäferei nicht mit Herdenschutzhunden zu vereinbaren sei: "Ich ziehe durch zwei Bundesländer und zwei Landkreise, ich lasse meine Herden am Oderdeich und auf Berliner Stadtgebiet weiden", sagt er. "Mir kann niemand erzählen, dass es in Baden-Württemberg mehr Menschen gibt als neben einer Straßenbahnhaltestelle in Berlin!". Dennoch habe es noch nie Zwischenfälle gegeben.


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