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topplus Ende der Atomkraft

Die drei letzten Atomkraftwerke gehen vom Netz

Die Werke Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 stellen am 15. April 2023 endgültig den Betrieb ein. Neue Studien zeigen, dass der Ausstieg die Versorgung in Deutschland nicht gefährdet.

Lesezeit: 10 Minuten

Mit dem Abschalten der letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland vollzieht Deutschland den 2011 beschlossenen Atomausstieg. „Wie im Atomgesetz festgelegt, werden Emsland, Neckarwestheim 2, Isar 2 am 15.04.2023 stillgelegt und dann zurückgebaut. Die Energieversorgungssicherheit in Deutschland ist und bleibt gewährleistet; sie ist auch im internationalen Vergleich weiterhin sehr hoch“, sagt Robert Habeck, Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz. „Gemeinsam haben wir es geschafft, die Füllstände in den Gasspeichern hoch zu halten und neue Flüssiggasterminals an den norddeutschen Küsten zu errichten. Hinzu kommen weitere Maßnahmen zur Leistungsfähigkeit der deutschen Stromnetze. Und schließlich sorgt vor allem der massive Ausbau der Erneuerbaren Energien für zusätzliche Sicherheit“, betont der Minister.

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Der beschleunigte Atomausstieg wurde 2011 unter den Eindrücken der Reaktorkatastrophe von Fukushima in einem breiten Konsens gesetzlich beschlossen, die im Jahr davor beschlossene Laufzeitverlängerung damit zurückgenommen. Hierdurch wurden laut Bundesumweltministerium hochradioaktive Abfälle in einer Größenordnung von rund 500 Castor-Behältern vermieden. Im Herbst 2022 beschlossen Bundesregierung und Bundestag, für die drei AKW Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 einen zusätzlichen Streckbetrieb bis spätestens 15. April 2023 zu gestatten. Dieser Streckbetrieb verursacht keinen zusätzlichen Atommüll. Gemäß Atomgesetz sind nun die Atomkraftwerke unverzüglich stillzulegen und zurückzubauen. Der erste Stilllegungsantrag für Neckarwestheim 2 wurde bereits Anfang April bewilligt.

27.000 m³ Atommüll, 6500 Störfälle

Die hiesige Nutzung der Atomkraft begann mit dem ersten Atomgesetz von 1959. Das erste AKW zur Stromerzeugung war das Versuchsatomkraftwerk Kahl, das 1960 in Betrieb ging. Insgesamt entstanden durch den Betrieb deutscher Reaktoren hochradioaktive Abfälle in einer Größenordnung von rund 27.000 m3. Auch der Großteil der rund 300.000 m³ schwach- und mittelradioaktive Abfälle, die in das Endlager Schacht Konrad sollen, geht auf AKW und Betriebe der kerntechnischen Industrie zurück. Es gilt, den Ausstieg einschließlich des Rückbaus sicher zu vollenden und die Endlagersuche für hochradioaktive Abfälle sowie dauerhafte Lösungen für schwach- und mittelradioaktive Abfälle voranzubringen.

Eine Analyse des BUND zeigt zudem, dass es bis Ende 2021 an deutschen Atomkraftwerken über 6500 meldepflichtige Ereignisse gab. „Dies liegt unter anderem an der Alterung der AKW, dem Kompetenzverlust und menschlichen Fehlern. Die vielen Störfälle und Probleme während der gesamten Atomenergienutzung in Deutschland zeigen, welchen Gefahren Bürger in Deutschland und Europa durch die deutschen AKW ausgesetzt waren“, heißt es in der neunseitigen Auswertung.

Kritik am Ausstieg

Trotz der Beschlusslage gibt es auch viele kritische Stimmen zum Ausstieg. So warnt die CSU-Fraktion vor dem von der Ampel-Regierung beschlossenen endgültigen Aus und Rückbau der letzten drei Atomkraftwerke vor Versorgungsengpässen und steigenden Strompreisen. Auch Vertreter von CDU, FDP und AfD kritisieren den Ausstieg. In der Öffentlichkeit begründeten Kanzlerin Merkel und er die Laufzeitverlängerung vor allem mit einem angeblich unzulänglichen und zu teuren Ausbau der Erneuerbaren Energien. Der ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete und Mitautor des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG), Hans-Josef Fell, kritisiert die Haltung der Union scharf. Denn anstatt die Atomenergie als „klimaneutrale Technologie“ zu fördern, sollten vielmehr die erneuerbaren Energien ausgebaut werden. Dieses sei aber ab 2010 konsequent verhindert worden, u.a. durch den damaligen CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier. „Er hat als Geschäftsführer der Unionsfraktion im Jahr 2010 die Laufzeitverlängerung für die Atomkraft durchgepeitscht und später als Wirtschaftsminister mit schlimmen EEG-Novellen die erneuerbaren Energien stark unter Druck gesetzt, womit der dann geschwächte Ausbau der Erneuerbaren Energien schließlich zu einer langen Laufzeit der Kohle- und Erdgaskraftwerke führte“, analysiert Fell.

Er fordert, dass Union und FDP aus den Fehlern der Vergangenheit lernen sollten. Wenn man den Ökostrom massiv befördere, statt behindere, könnte man Atomkraft zusammen mit Kohle und Erdgas abschalten. Genauso sieht Fell das Ansinnen der Ukraine kritisch, vermehrt Atomstrom in die EU exportieren zu wollen, um mehr Staatseinnahmen zu bekommen. „Die Europäer sollten diesen ukrainischen Atomstrom nicht abkaufen, sondern auf eine Stilllegung der ukrainischen AKWs drängen, denn die Supergau-Gefahr von Atomkraft im Kriegsgebiet ist schlichtweg viel zu hoch.“

„Aus vielen – erwartbaren und unerwarteten – Ecken schallt ein Ruf nach einem Festhalten an dieser Technologie, nach längeren Laufzeiten, sogar nach neuen Reaktoren. Doch lohnt es sich tatsächlich, wieder auf die Kernenergie zu setzen? Was lernen wir vom Blick auf andere Länder und neue Reaktorkonzepte? Kurz gefragt: Hat die Kernenergie eine Zukunft?“ Antworten auf diese Fragen will das Ökoinstitut in einem Rück- und Ausblick auf die Atomkraft bieten.

Atomkraft ist nicht günstig

Immer wieder wird Atomkraft als günstige Energieform erklärt. Zudem soll es eine Renaissance der Atomenergie mit kleinen Atommeilern geben. „Atomenergie war aber schon seit den 1950er Jahren eine der teuersten Energiequellen und ist dies bis heute. Zudem ist sie keine zeitnahe Lösung, da der Bau der Reaktoren Jahrzehnte dauert“, heißt es in einer neuen Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Auch tech­nisch sei kein signifikanter Durchbruch zu wettbewerblichen Reaktoren absehbar. Dies gelte sowohl für SMR (Small Modular Reactor)­-Konzepte mit geringer Leistung als auch für andere, wie zum Beispiel schnelle Brutreaktoren. „Diese Erkenntnis setzt sich inzwischen auch in Fachkreisen der Energiesystem­modellierung durch, in denen bisher aufgrund überoptimisti­scher Annahmen stets ein wesentlicher Anteil an Atomenergie vorhergesagt und erneuerbare Energien vernachlässigt wurden“, bekräftigen die Studienautoren, die die Rentabilität und technologische Umsetzbarkeit von Reaktorkonzepten weltweit untersucht haben. „Atomenergie war, ist und bleibt unrentabel und technologisch riskant. Daran ändern auch angeblich neuartige Reaktorkonzepte nichts, die de facto ihren Ursprung in der Frühzeit der Atomenergie in den 1950/60er Jahren haben“, sagt der Wissenschaftler Alexander Wimmers vom DIW. Die Analyse können Sie hier nachlesen.

In einer weiteren Studie hat das DIW zusammen mit der TU Berlin im Auftrag der Bundestagfraktion Bündnis90/Die Grünen ermittelt, dass die Kosten zur Produktion von einer Kilowattstunde Atomstrom bis zu viermal so hoch, wie die Kosten einer Kilowattstunde Wind- oder Solarenergie sind. Diese Analyse finden Sie hier.

Versorgung bleibt sicher

Verschiedene Studien der Übertragungsnetzbetreiber und der Bundesnetzagentur zeigen, dass die sehr hohe Stromversorgungssicherheit in Deutschland gewährleistet bleibt. In Zukunft wird laut Bundeswirtschaftsministerium immer mehr Strom aus erneuerbaren Energiequellen die konventionelle Stromerzeugung verdrängen und ersetzen. Die Bundesregierung habe in den vergangenen Monaten durch eine Vielzahl von Maßnahmen die Energieversorgung gestärkt. Der Ausbau der erneuerbaren Energien werde konsequent vorangetrieben, die Stromnetze ausgebaut und die bestehende Transportkapazität besser ausgenutzt.

Streckbetrieb war unnötig

Der längere Betrieb von Atomkraftwerken war für die sichere Versorgung Deutschlands mit Strom im zurückliegenden Winter nicht notwendig gewesen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Analyse-Instituts Enervis im Auftrag der Ökoenergiegenossenschaft Green Planet Energy und der Umweltschutzorganisation Greenpeace.

Laut Atomausstiegsgesetz sollte der Leistungsbetrieb der drei Reaktoren ursprünglich zum 31. Dezember 2022 enden. Die Bundesregierung beschloss jedoch im November 2022, die AKW bis zum 15. April 2023 weiterzubetreiben, um damit möglichen Energie-Engpässen als Folge des Ukraine-Kriegs zu begegnen. „Rückblickend hätte die Bundesregierung die Reaktoren damals wie geplant vom Netz nehmen sollen. Erneuerbare Energien, Energiesparmaßnahmen und die Flexibilität im Netz haben uns im Winter deutlich mehr geholfen als die drei Atomkraftwerke“, sagt Carolin Dähling, Bereichsleiterin Politik und Kommunikation bei Green Planet Energy: „Wir haben uns hier mit hohen Risiken marginale Verbesserungen erkauft, das war es nicht wert.”

Laut Enervis-Studie sank die Stromerzeugung der drei AKWs zwischen November 2022 und April 2023 auf rund 12,2 Terawattstunden Strom. Das sind etwa 30 % weniger als in Vergleichszeiträumen der letzten fünf Jahre. „Die ohnehin gedrosselte Stromerzeugung der drei Reaktoren hätte zu jeder Zeit durch verfügbare Gaskraftwerke ersetzt werden können“, sagt Studienleiter Tim Höfer von Enervis. Und: Das Ziel, durch den Weiterbetrieb nennenswerte Mengen an knappem Erdgas einzusparen, erfüllte sich nur in sehr geringem Umfang: Insgesamt sank der Erdgasverbrauch um 2,2 Terawattstunden, was etwa 0,3 % des bundesweiten Gasverbrauchs entspricht.

Auch weitere Effekte, die in der politischen Debatte um einen AKW-Weiterbetrieb eine Rolle spielten, waren rückblickend nur marginal: So produzierten fossile Kraftwerke angesichts des zusätzlich eingespeisten Atomstroms zwar insgesamt rund 2,4 Terawattstunden weniger Strom. Dadurch sanken die damit einhergehenden CO2-Emissionen aber lediglich um 0,2 %, verglichen mit dem gesamten CO2-Ausstoß in Deutschland im Jahr 2022. Ebenfalls gering fiel der dämpfende Einfluss der Laufzeitverlängerungen auf die Strompreise aus. Diese gingen lediglich um 2,1 €/MWh im Jahr 2023 zurück und stiegen im Jahr 2022 sogar leicht um 0,2 €/MWh – bei einem durchschnittlichen Strompreis von 235 €/MWh in 2022.

„Angesichts des geringen Nutzens für unsere Energieversorgung sind aktuelle Forderungen nach erneuten Laufzeitverlängerungen unseriös und sogar gefährlich. Atomreaktoren beinhalten hohe Risiken, die angesichts militärischer Auseinandersetzungen in Europa sogar noch steigen“, sagt Heinz Smital, Atom-Experte bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace e.V. Dennoch fordert die FDP kurz vor der dem endgültigen Ausstiegs-Stichtag am kommenden Samstag, die Meiler weiterhin betriebsbereit zu halten, die Union spricht sich für Laufzeitverlängerungen bis Ende 2024 aus. „Die Studie zeigt, dass die Atommeiler schon im vergangenen Winter überflüssig waren“, so das Fazit von Carolin Dähling.

Die Studie finden Sie hier.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine gemeinsame Analyse der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und der bundesweiten Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt. Die beiden Umweltorganisationen haben sich den Stresstest vom September 2022 genauer angeschaut und einem Realitätscheck unterzogen. Das Faktenpapier von .ausgestrahlt und DUH zum AKW-Streckbetriebkönnen Sie hier herunterladen.

Tag der erneuerbaren Energien

„Mit dem Einstieg ins post-atomare Zeitalter muss auch das post-fossile Zeitalter entschieden vorangetrieben werden. Erneuerbare Energien sind jetzt systemsetzend, ihr Ausbau ist noch beherzter voranzutreiben und das Energiesystem auf ihre Bedürfnisse auszurichten“, fordert Dr. Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). Neue fossile Gasbrücken mit der „irgendwann-H2-ready-Option“ brauche es nicht.

Der Ausstieg Deutschlands aus der Atomkraft sei ein energiewirtschaftlich überfälliger Schritt, nachdem man sich vor über 20 Jahren für die Energiewende und den Ausbau der Erneuerbaren im Stromsektor entschieden habe. „Deutschland steigt nicht nur aus der gefährlichsten, sondern auch aus einer der teuersten Energieerzeugungsarten aus. Allein die Gestehungskosten von Atomstrom liegen mittlerweile mehr als doppelt so hoch wie die des Erneuerbaren-Energien-Mixes. Von den Folgekosten für Endlagerung und Rückbau ganz zu schweigen.“

Zentrale Großkraftwerke seien zudem ein Relikt aus der alten Energiewelt: „Die fluktuierende regionale Stromerzeugung aus Sonnen- und Windenergie braucht ein flexibles und dezentrales Back-up“, so Peter. Hier sei es neben schnelleren Genehmigungsverfahren und einer breiteren Flächenkulisse für Wind und Solar wichtig, Anreize für mehr Flexibilität bei Bioenergie, Wasserkraft, Geothermie, grüner KWK, Speichern und Sektorenkopplung zu setzen. „Der Kohleausstieg bis 2030 ist zwingend. Und auch einen Kapazitätsmarkt für neue fossile Gaskraftwerke, die irgendwann H2-ready sind, lehnen wir ab. Das kostet Steuerzahler am Ende Milliarden, wie Kohle- und Atombetrieb sowie -ausstieg zeigen. Erneuerbare senken heute schon die Preise an der Strombörse, an den Ostertagen erneut auf null und unter null Euro. Das müssen das neue Strommarktdesign und die geplante Kraftwerksstrategie berücksichtigen“, so Peter.

Selbst wenn die teure Endlagerung auf die Allgemeinheit abgewälzt werde, habe die Atomenergie im Markt keine ökonomische Basis mehr. Das dürfe auch die EU nicht durch neue Förderrahmen kaschieren. „Wir erwarten, dass sich die Bundesregierung in der laufenden Marktdesigndebatte hierzu deutlich positioniert. Knappes Steuergeld darf nicht länger fehlgeleitet, sondern muss auf die Erneuerbaren fokussiert werden.“ Auch ohne Atomkraft sei die Energieversorgung gesichert. „Analysen des BEE zeigen, dass die Stromnachfrage kurzfristig auch im Extremfall zu 99,96 % inländisch gedeckt werden kann. Mit jedem Jahr wächst der Anteil erneuerbarer Energien, der in diesem Jahr bei rund 50 % im Stromsektor liegt. „Das erneuerbare Zeitalter hat längst begonnen. Unternehmen und Haushalte profitieren davon dauerhaft“, so Peter.

Eine gute Gelegenheit, die vielfältigen Arten der erneuerbaren Energieproduktion kennenzulernen, bietet am 24.04.2023 der Tag der Erneuerbaren Energien, der als Reaktion auf die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl ins Leben gerufen wurde.

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