Kommunikation zur Energiewende

So begegnen Sie Klimaskeptikern

Bei der Energiewende sehen sich Investoren und Anlagenbetreiber häufig Argumenten von Kritikern gegenüber. Auf einer Webkonferenz erklärten Experten, woran das liegt.

Fakten contra Fakenews: Diese Formel gilt nicht nur in der Coronakrise als probates Mittel, um Verschwörungstheoretiker in die Schranken zu weisen – könnte man meinen. „Das ist gut gemeint, aber leider falsch“, sagt aber Prof. Hannah Schmid-Petri von der Universität Passau. Wie die Wissenschaftlerin auf der Webkonferenz des C.A.R.M.E.N. e.V. zum Thema „Klimaschutz kommunizieren – Strategien für Öffentlichkeitsarbeit und Akzeptanz“ gestern deutlich machte, helfen wissenschaftlich fundierte Fakten bei der Kommunikation allein nicht weiter. Das zeigen z.B. die Erfahrungen bei der Corona-Pandemie oder bei der digitalen Transformation.

Wissenschaft ist sehr abstrakt

„Die meisten Menschen haben keinen Zugang zur Wissenschaft. Zudem ist das Thema Energiewende komplex, es geht um viele undurchschaubare Daten“, erklärte Schmid-Petri. Zudem ist der Klimawandel unsichtbar und schleichend, also als Gefahr kaum wahrzunehmen. Dazu kommt, dass – anders als in vielen anderen Ländern – die Skepsis der Menschen gegenüber dem menschengemachten Klimawandel in Deutschland stärker ausgeprägt ist.

Wichtig ist es ihrer Meinung nach, die einzelnen Zielgruppen so anzusprechen, dass sie einen direkten Zugang dazu finden, also z.B. die Vorteile für die Umwelt, die Gesundheit und die Sicherheit in den Vordergrund zu rücken und einen Bezug zum Alltag herzustellen. „Wichtig ist auch ein Wir-Gefühl zu erzeugen, damit klar wird, dass die Kosten gemeinsam und fair von allen getragen werden“, erklärt sie.

Menschen filtern Informationen passend zur Weltsicht

David Franz von der Universität Würzburg hat sich mit der Psychologie der Klimaleugner bzw. -skeptiker beschäftigt. Wie andere Menschen auch versuchen sie, Fakten nach ihren Weltsichten, Ideologien und Wertüberzeugungen in Einklang zu bringen. Das bedeutet: Sie filtern unbewusst die Informationen und Studienergebnisse heraus, die ihrem Weltbild entsprechen. „Klimaskeptiker sind eher konservativ, wissenschaftsskeptisch, wollen möglichst wenig Eingriffe des Staates in das Leben und haben in der Regel wenig für die Natur übrig“, zählt Franz auf.

Wie so eine selektive Wahrnehmung funktioniert, erläutert er am Beispiel von Prüfungsergebnissen: Besteht ein Mensch eine Prüfung mit guten Ergebnissen, macht er schnell seine gute Vorbereitung dafür verantwortlich. Fällt er durch, sind dagegen oft die Prüfungsfragen, der Prüfer, der Schlafmangel oder andere Umstände daran Schuld. Oder Menschen, die den Klimawandel ernst nehmen, erinnern sich häufiger an extreme Wetterlagen als Klimaskeptiker.

„Wichtig ist, den Skeptikern ihre Falschinformationen nicht vorzuwerfen oder sie als unmoralisch bzw. unwissend darzustellen. Denn das würde ihren Selbstwert bedrohen und Ablehnung provozieren“, rät Franz. Vielmehr müsse man versuchen, die Widersprüche in der Argumentation zu erkennen. Auch sei es wichtig, bei der Kommunikation die ideologischen Wurzeln der Zielgruppe zu beachten.

Zur weiteren Information empfahl er das kostenlose Handbuch: „Widerlegen, aber richtig“ von John Cook und Stephan Lewandowsky, das sich auch mit dem Leugnen des Klimawandels auseinandersetzt.

Wer den Klimawandel häufig leugnet

In die gleiche Kerbe hieb Achim Bubenzer von der Plattform klimafakten.de, die sich zur Aufgabe gemacht hat, „die sehr komplexen Ergebnisse der Klimaforschung verständlich aufzubereiten und zu erläutern, was sie für einzelne Teile von Wirtschaft und Gesellschaft bedeuten.“

Bubenzer sieht folgende Zielgruppen besonders häufig im Bereich der „Klimaleugner, Skeptiker und Ausredenerfinder“:

  • Vertreter von Kohle- , Öl-, und Gasindustrie,
  • Politiker rechtspopulistischer, national orientierter Parteien,
  • Wirtschaftsliberale und Unternehmer,
  • wenige Wirtschaftswissenschaftler, Historiker, Soziologen,
  • technische Experten, Ingenieure, Physiker im Ruhestand,
  • viele ganz normale Menschen.

„Viele Klimaskeptiker ignorieren wissenschaftliche Erkenntnisse“, sagt er. Besonders Wissenschaftler im Ruhestand litten unter gekränkter Eitelkeit und fühlten sich überfahren bzw. übergangen. In Deutschland seien dies häufig ehemalige Wissenschaftler aus der Atom- bzw. Kohleforschung.

Häufige Thesen der Kritiker

Bubenzer hat sich mit einigen Aussagen der Skeptiker auseinandergesetzt und diese analysiert:

  1. „Klimawissenschaftler sind sich ja selbst nicht einig, ob es den menschengemachten Klimawandel überhaupt gibt“: Laut Bubenzer ist diese These erstmals 1998 in den USA als „Oregon Petition“ aufgekommen. Sie gilt als Desinformationskampagne und nutzt laut Bubenzer Elemente der Tabakindustrie zur Leugnung gesundheitlicher Schäden durch das Rauchen. Angeblich haben 31.000 Wissenschaftler die Petition unterschrieben. „Darunter waren aber nur ca. 1 % wirkliche Klimaexperten“, schränkt Bubenzer ein.
  2. „Klimawandel hat es immer schon gegeben“: Bubenzer räumt ein, dass es auch am Ende der letzten Eiszeit eine Temperaturerhöhung um 5 Grad gegeben hat. „Aber Menschen, Tiere und Pflanzen hatten damals 5000 Jahre Zeit, sich darauf einzustellen. Jetzt haben wir das in 100 Jahren und kaum die Chance einer Anpassung in so kurzer Zeit“, erklärt er.
  3. „Deutschland kann das Klima allein nicht retten“: Auch dieser Aussage stimmt er zu, merkt aber an: „Richtig ist, dass Deutschland nur für 2 % der weltweiten Emissionen zuständig ist. Aber wir können mit Technologien zur Treibhausgaseinsparung Vorbild sein und gleichzeitig richtig gutes Geld damit verdienen.“
  4. „Das ungebremste Bevölkerungswachstum vor allem in den armen Ländern macht alle Klimaschutzbemühungen zunichte“: Das ist laut Bubenzer ein häufiges Argument aus dem sehr konservativen politischem Spektrum. „Wer so etwas behauptet, ignoriert die Tatsache, dass die 20 größten Industrie- und Schwellenländer 80 % der globalen CO₂-Emissionen verursachen.“

Er machte in einem Vortrag außerdem deutlich, mit welchen Strategien Klimawandelleugner arbeiten:

  • Sie säen Zweifel an den Aussagen von Klimawissenschaftlern.
  • Sie nutzen eine gezielte Auswahl von Klimadaten zur Desinformation und verwirren mit kleinen Zahlen. Beispiel: „CO₂ hat einen Volumenanteil von etwa 400 ppm in der Atmosphäre. Das sind 0,04 %. Sie sollen den Klimawandel verursachen?“
  • Sie vermischen korrekte und falsche Daten und Aussagen.
  • Sie fordern sinnlose experimentelle Beweise für die These, dass die Temperaturerhöhung Schäden verursacht.
  • Sie diffamieren einzelne Klimawissenschaftler und Journalisten. „Beste Beispiele dafür sind die Kritiken an Stefan Rahmsdorf oder Harald Lesch“, erklärt Bubenzer.
  • Sie verbreiten Verschwörungstheorien über korrupte Klimawissenschaftler.

Zur Lösung des Problems schlägt Bubenzer die eher langfristige Strategie vor, die Bevölkerung gegen Desinformation zu „impfen“, also so zu informieren, dass sie die Fakenews erkennen. Das sei besser, als nur mit wissenschaftlichen Fakten zu kontern. Genauso falsch sei es, Ängste zu schüren und zu polarisieren. Außerdem sei es wichtig, das Thema Klimawandel aus der „grünen Ökoecke“ und aus der reinen Welt der Wissenschaft zu holen, damit es nicht gleich auf Ablehnung oder Unverständnis stößt. Schließlich empfahl er, mit positiven Beispielen Mut zu machen:

  • Das EEG hat bewirkt, dass der Anteil vom Strom aus erneuerbaren Energien auf über 40 % des Bruttostromverbrauchs angestiegen ist.
  • Das Montrealprotokoll zum Schutz der Ozonschicht ist völkerrechtlich bindend und hat bewirkt, dass die Emission von ozonzerstörenden Chemikalien weltweit eingestellt wurde.

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