Neue Studie

Thüringen hat großes Potenzial für Agri-Photovoltaik

Die Studienautoren haben für Thüringen ein technisches Potenzial von 459 Gigawatt errechnet – das entspricht 700 kW pro Hektar. Die Module können den Pflanzen wertvollen Schatten spenden.

In Thüringen sollen zukünftig Ackerflächen für Sonnenenergie und Nahrungsmittel-Produktion zugleich genutzt werden. Eine Studie der Fachhochschule Erfurt bescheinigt dem Land bei der sogenannten Agri-Photovoltaik großes Potenzial: Immerhin sind 50 % der Landesfläche Acker, dazu kommen rund 10 % Grünland. Die Agri-PV kombiniert Pflanzen- und Energieproduktion auf dem Feld. Mit ihrer Schutzwirkung vor starker Sonneneinstrahlung, Hitze, Frost, Hagel, Starkregen oder Sturm können die PV-Module in Zeiten der Klimakrise sogar für höhere Erträge sorgen, so die Wissenschaft.

Mögliche Lösung gegen zunehmende Trockenheit

„Der größte, produktionsbegrenzende Faktor in Thüringen ist bereits die Trockenheit, und diese wird in Zukunft noch bedeutender. Eventuelle Beeinträchtigungen durch eine ca. 30-prozentige Verschattung würden dann durch die positiven Effekte für Pflanzen und Boden kompensiert“, sagt Studienleiterin Prof. Kerstin Wydra. Wenn der PV-Ausbau nach Vorgaben aus dem Bund zu 50 % auf Dach- und versiegelten Flächen erfolgen soll, wären laut Wydra bei einer 50:50 Aufteilung zwischen Freiflächenanlagen und Agri-PV nur eine Fläche von ca. 7000 ha für die Stromproduktion nötig. „Landwirte werden aber gerade zum Schutz der Kulturen und zur Wasserersparnis wohl einen größeren Bedarf anmelden“, erwartet sie.

Statt Flächenkonkurrenz setzt die Agri-PV auf die kombinierte Nutzung von Flächen. Die Autorinnen und Autoren haben für Thüringen ein technisches Potenzial von 459 Gigawatt (GW) errechnet – das entspricht 700 kW pro Hektar. Zum Vergleich: Die drei verbliebenen deutschen Kernkraftwerke haben zusammen eine Bruttoleistung von rund 4,3 GW.

Vorteile für die Landwirtschaft

Die Autoren betonen, dass angesichts der wetterbedingten Ertragsverluste der letzten Jahre und der zukünftig zu erwartenden Schäden nahezu alle Kulturen durch die Schutzwirkung vor Hagel, Starkregen, Frost, Trockenheit, Sturm, Hitze und Sonnenbrand ein Mehrwert entstehen würde. Die Gesamtproduktivität, d.h. der Ertrag aus Landwirtschaft und Energieproduktion der agri-photovoltaisch genutzten Fläche, lässt sich nach wissenschaftlichen Untersuchungen generell um mindestens 60 % bis 70 %, in trockenen Jahren sogar um 90 % steigern. Zusätzlich bieten APV-Anlagen Potential zur Steigerung der Biodiversität durch den Einsatz von Blühstreifen oder Hecken als Umrandung.

Günstiger Strom für Bürger

Die Studie empfiehlt den Aufbau von klein- und großflächigen APV-Anlagen in Thüringen zu unterstützen, um die Realisierung des aufgezeigten hohen Potentials von Agri-Photovoltaik umzusetzen, was auch zu einer Verbesserung der Einkommen von Landwirten und Kommunen beiträgt und auch, je nach Betreiberkonstellation, einen günstigeren Stromtarif für die Bürger in der Region zu ermöglichen.

Agri-PV bald privilegiert?

Die Ergebnisse sieht das Energieministerium als guten Ausgangspunkt für Gespräche mit der Landwirtschaft und interessierten Betrieben. So sollen Partner für erste Pilotprojekte gefunden werden. Den Vorteilen stehen laut Studie gegenwärtig noch Hürden im Baurecht gegenüber. Eine Lösung wäre demnach, die Agri-PV in die Liste der „privilegierten Vorhaben“ aufzunehmen. Energieministerin Anja Siegesmund sagt dazu: „Die Empfehlungen der Studie sind aus meiner Sicht durchaus nachvollziehbar. Das Baurecht sollte an dieser Stelle modernisiert werden. Wir brauchen beschleunigte Verfahren für Baugenehmigungen. Ich werde mit meiner Kabinettskollegin Frau Karawanskij darüber sprechen, eine Thüringer Bundesratsinitiative auf den Weg zu bringen.“ Damit könnten die vielen Vorteile der Agri-PV die Thüringer Energiewende einen großen Schritt nach vorn bringen.

Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Sonnenenergie vom Acker hatte die Bundesregierung bereits auf den Weg gebracht. Bei der Agri-Photovoltaik soll die Förderung der Landwirtschaft mit EU-Mitteln aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) weiterhin möglich sein, sofern die landwirtschaftliche Nutzung nur bis zu 15 % durch die Stromerzeugung beeinträchtigt ist. Bislang drohte Landwirten der Verlust der GAP-Förderung, wenn sie zusätzlich für die Photovoltaik eine EEG-Förderung in Anspruch nehmen.

Die Studie im Auftrag des Solar-Input e.V. entstand unter Leitung von Prof. Kerstin Wydra (Lehrgebiet: Pflanzenproduktion im Klimawandel) an der Fachhochschule Erfurt. Das Thüringer Umweltministerium hat die Arbeit mit 20.000 € gefördert. Link zur Studie: https://solarinput.de/wp-content/uploads/2022/05/APV-Studie_19052022_Final.pdf


Mehr zu dem Thema

Die Redaktion empfiehlt

Das Wichtigste zum Thema Energie freitags, alle vier Wochen per Mail!

Mit Eintragung zum Newsletter stimme ich der Nutzung meiner E-Mail-Adresse im Rahmen des gewählten Newsletters und zugehörigen Angeboten gemäß den Datenschutzbestimmungen zu.